Walhütte mit Schriftzug Krimis aus Hessen
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Gnadenlos und fesselnd: Was Nienke Jos mit ihren Akteuren - und mit dem Leser - in ihrem zweiteiligen Debüt-Thriller macht, geht unter die Haut. Wir haben mit der Wiesbadener Autorin gesprochen.

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Autorin Nienke Jos liest aus ihrem Thriller "Die Einsamkeit der Schuldigen".

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zum Video Autorin Nienke Jos spricht über ihr Thriller-Debüt "Die Einsamkeit der Schuldigen".

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Die Geschichte: Ein Mann entführt Berne, eine wildfremde Frau, schließt sie in einem Verlies in einer einsamen Waldhütte bei Kempten ein und vergewaltigt sie fast täglich. Eine weitere Frau, Ann, verlässt in einer überstürzten Aktion ihren Mann, lebt in Wiesbaden und will nicht gefunden werden.

Ann hat die Verschleppung beobachtet, schweigt aber ein halbes Jahr lang. Danach befreit sie Berne, nimmt sie mit nach Wiesbaden und sucht Hilfe bei einem Psychiater, Theodor. Der trifft eine völlig unprofessionelle Entscheidung, wie er die traumatisierte Berne therapieren kann.

Junia, Ex-Weltenbummlerin und Trainerin in einem Kemptener Wellness-Hotel, sucht verzweifelt eine Heimat für sich. Die soll ihr der Arzt Thies bieten, der sich heftig in sie verliebt. Und da sind noch Titus, ein kleiner Junge, der mit einem lauten Knall aus seiner Fantasiewelt gerissen wird, und die Staranwältin Leen, die seit ihrer Kindheit unter ihren verstörenden Erfahrungen mit Theodor leidet.

Sie alle treffen falsche Entscheidungen, durch die sie miteinander verstrickt werden, und müssen die fatalen Konsequenzen tragen.

Buchcover mit Hütte im Wald
Das Thriller-Debüt von Nienke Jos besteht aus zwei Bänden: "Die Einsamkeit der Schuldigen: Das Verlies/Der Abgrund" Bild © Gmeiner Verlag
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Nienke Jos ist mit "Die Einsamkeit der Schuldigen – Das Verlies" für den Crime Cologne Award 2019 nominiert. Er wird im September beim Krimifestival in Köln vergeben.

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Mehr soll nicht verraten sein - außer: Ann trifft den Entführer per Zufall in einem Wiesbadener Café.

Die Spannung, mit der man die knapp 1.200 Seiten verschlingt, entsteht aus der Gnadenlosigkeit, mit der Nienke Jos ihre Figuren vorführt und ihr Innerstes offenlegt. Sie entsteht aber auch dadurch, dass Nienke Jos den Leser so tief in das Innenleben der Akteure hineinzieht, dass eine Distanz kaum möglich ist und man Verständnis auch noch für die widerlichsten Handlungen und Motive aufbringt.

hessenschau.de: In Ihrem Zweiteiler schildern Sie die Verschleppung einer Frau. Wie sind Sie auf diese Idee gekommen?

Nienke Jos: Ich war Leistungssportlerin und ich bin mit dem Mountainbike durch einen Wald gefahren. Da stand da so eine Hütte. Da habe ich gedacht: Mein Gott, wenn da jemand darunter ist - niemand würde das mitbekommen. Und dann habe ich das so weitergesponnen auf dem Fahrrad.

hessenschau.de: Wie sind Sie überhaupt zum Schreiben gekommen? Sie waren aktive Sportlerin und dann setzen Sie sich für 1.200 Seiten an den Rechner. Das ist doch Stillsitzen.

Nienke Jos: Vielleicht genau deswegen. Ich habe nie ans Schreiben gedacht. Leistungssport ist toll, aber irgendwann ist man zu alt, auch wenn man noch jung ist. Aber bei mir war es schon immer so, dass sich in meiner Fantasie normale Situationen automatisch weiterentwickelt haben in fürchterliche Missverständnisse. So richtig kanalisieren konnte ich die nicht.

hessenschau.de: Haben diese Fantasien Sie irritiert?

Nienke Jos: Ja, es stört, wenn man damit nichts anfangen kann. Aber wenn man herausfindet, dass man das bewusst kann, ist es schön. Ich hatte in meiner Fantasie schon eine ganze Serie erfunden. Irgendwann platzte mir der Kopf und ich wollte, dass eine Autorin des Gmeiner-Verlags das Schreiben für mich übernimmt. Aber sie hat sich nie gemeldet, da dachte ich, jetzt schreibe ich das selber. Ich habe das nie gelernt, ich schreibe ganz intuitiv.

hessenschau.de: Wie haben Sie diesen Plot entwickelt? 

Nienke Jos: Ich hatte das ursprünglich ganz anders vor. Der Leser glaubt ja anfangs, dass eine bestimmte Frau gefangen gehalten wird. Erst in der Mitte bin ich darauf gekommen, das reicht mir nicht. Mir sind die meisten Thriller meistens zu simpel. Ich habe geschrieben, was meinem Anspruch an ein tolles Ende oder an eine tolle Wendung genügt. Weil ich sehr gerne tief in die Figuren einsteige, bin ich aus dem reinen, normalen Splatter-Thriller raus und habe diese psychologische "Waberei" eingeflochten.

hessenschau.de: Wie sind Sie auf Ihren Täter gekommen?

Nienke Jos: Ich hatte einen sehr, sehr guten Freund, mit dem war ich viel zusammen. Ich habe alles von ihm gewusst. Und nach zehn Jahren habe ich erfahren, dass er neun, wirklich neun Doppelleben hatte. Davon habe ich überhaupt nichts mitbekommen. Das hat mich sehr verstört, aber ich habe mich inspirieren lassen für diesen Thriller. Ich muss sagen, dass ich ohne ihn sicherlich nicht auf so eine Geschichte gekommen wäre oder auf so einen Charakter.

hessenschau.de: Ihre Bücher zeugen von großer psychologischer Kenntnis. Woher haben Sie die?

Nienke Jos: Das frage ich mich auch. Das ist mir in die Wiege gelegt worden. Das ist ein ganz intuitives Wissen oder Gefühl für jemanden und warum etwas passiert oder warum er wie handelt oder warum ihm bestimmte Dinge passieren.

hessenschau.de: Sie zerlegen Ihre Protagonisten gnadenlos. Warum sind Sie so harsch?

Nienke Jos: Ich glaube, weil es damit unerträglich wird. Ich kann mir natürlich spektakuläre Figuren ausdenken, aber das braucht es nicht. Es braucht nur den Mut da hinabzusteigen. Und dann trifft man auf die Wahrheit. Und die ist schlimm. Und es macht mir Spaß, die zu entblößen. Da spielt die Psyche eine große Rolle, um das so hart zu machen.

hessenschau.de: Sie sind auch zu Ihren Lesern gnadenlos, die nicht umhin können, in die jeweiligen Charaktere einzutauchen ohne Wenn und Aber. Wieso muten Sie Ihren Lesern so viel zu?

Nienke Jos: Ich glaube, ich möchte dem Leser eine Welt eröffnen, die er so nicht haben kann.  Da fehlt ihm vielleicht die Vorstellung, was da in diesen seelischen Katakomben los sein kann. Mir reicht nicht, dass der Leser Beobachter ist, sondern ich will, dass er es erlebt, ich will, dass er versteht, ich möchte, dass er sich ertappt.

hessenschau.de: Ihre Dramaturgie ist ziemlich kompliziert. Zum Teil erfährt man Dinge aus Band 1 erst in Band 2. Warum haben Sie sich diese Struktur ausgedacht?

Nienke Jos: Mein Buch lebt von der chronologischen Verschiebung und dem Überraschungsmoment. So verlange ich vom Leser ganz großen Respekt und Aufmerksamkeit. Es muss ein intelligenter Leser sein, damit er die Geschichte versteht, wenn Zusammenhänge sich ergeben - um dann zu wissen, dass eine kleine Szene, die unbedeutend wirkt, ausschlaggebend ist dafür, dass man weiterkommt.

hessenschau.de: Wie geht es weiter? Schreiben Sie bereits wieder?

Nienke Jos: Ja, ich sitze an einem dritten Buch. Das wird aber eine ganz andere Geschichte als der Zweiteiler. Und es macht Riesenspaß.

Das Interview führte Nicole Bothof.