Eine Besucherin, ein Musiker mit Geige, ausreichend Abstand dazwischen

Eigentlich spielen sie gemeinsam vor einem großen Publikum. In Zeiten von Corona treten die Frankfurter Opern-Musiker nun vor nur einem Zuhörer auf: allein, kostenlos, mit Blickkontakt und Mindestabstand. Sie wollen sich so für ihre Kollegen einsetzen.

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Eine Besucher, ein Musikerin, ausreichend Abstand dazwischen
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Yvonne Schmidt sitzt in einem kleinen Nebenraum im Foyer des Filmmuseums in Frankfurt. Vor ihr steht ein Musiker des Frankfurter Opern- und Museumsorchesters mit einer Geige - und spielt nur für sie ein klassisches Solokonzert. Zehn Minuten lang lauscht die Besucherin den sanften Klängen, zwei Meter vom Profi-Musiker entfernt.

Dass ihr der Künstler Lin Ye gegenüber stehen würde, wusste die Besucherin vorab nicht. "Ich bin um die Ecke rein, er stand da, und ich wusste nur, dass ich nichts sagen durfte. Das war sehr spannend", sagt Schmidt. Erst hinterher erfährt sie auf einem Blatt Papier, welche Stücke gespielt wurden: Künstler wie Johann Sebastian Bach, Volksmusik aus China, eine chinesische Ballade und ein uigurischer Tanz standen auf dem Programm.

Reale Konzerte in Corona-Krise möglich machen

Musik und Konzerte live erleben, unter Einhaltung der Corona-Beschränkungen: Das ist das Ziel der kostenlosen Eins-zu-eins-Konzerte, die die Oper Frankfurt rund einen Monat lang in verschiedenen Museen realisiert. Bis Anfang Juli plant die Oper, an insgesamt zehn Tagen solche intimen, Corona konformen Live-Konzerte umzusetzen.

Mehr als zwölf Musiker und Musikerinnen des Frankfurter Orchesters beteiligen sich an den intimen Kleinkonzerten. Oboe, Geige, Klarinette, Cello, Horn oder Schlagzeug werden gespielt. Zuschauer müssen sich für eines der Konzerte bei der Oper Frankfurt anmelden, viele Termine sind bereits ausgebucht.

Die Aktion der "1:1 Concerts" als direkte Begegnung in Zeiten von Corona findet derzeit auch in anderen deutschen Städten statt. Alle verfolgen ein festes Format: Es geht darum, reale Solo-Konzerte an ungewöhnlichen Orten zu ermöglichen, kein Besucher weiß vorher, welche Musik ihn erwartet, es darf die ganze Zeit nicht gesprochen werden. Stattdessen sollen sich die Teilnehmer vor dem Konzert eine Minute lang stillschweigend ansehen. Durch diese Erfahrung soll Nähe trotz Distanz in Zeiten von Corona ermöglicht werden, wie die Initiatoren der "1:1 Concerts"- auf ihrer Homepage schreiben.

Weitere Informationen

Freie Termine in Frankfurt

Welche Termine noch zu buchen sind, sehen Sie hier auf der Homepage der Oper Frankfurt. Wer sich für einen der noch freien Termine im Juni interessiert, kann sich via E-Mail an "Marketing.Oper@buehnen-frankfurt.de" einen Termin sichern. Die Konzerte sind kostenlos.

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Musiker spielen für freischaffende Kollegen

Gewachsen ist die Idee, diese Aktion auch in Frankfurt umzusetzen, aus der Corona-Zwangspause der Musiker. "Wir dürfen keine Oper spielen, das Orchester kann nicht zusammen musizieren. Wir haben uns dann umgeschaut und gefragt, was wir denn noch machen können. Denn die Musiker wollen unbedingt ihre Kunst zeigen, sie verzweifeln wenn sie nur zu Hause sitzen und nichts tun", sagt Achim Sieben, Assistent des Frankfurter Opernintendanten Bernd Loebe. Erst seit Ende Mai dürfen die Musiker des Opern- und Museumsorchesters unter strengen Auflagen wieder vor Publikum spielen, mit Begrenzung auf 100 Personen.

Die Aktion der "1:1 Concerts" soll auf die heikle Situation der freischaffenden Musiker aufmerksam machen. Sie seien die, die von der Krisenzeit am meisten betroffen sind, sagt Sieben. Aus diesem Grund sammle die Aktion auch Spenden für den Nothilfefonds der deutschen Orchesterstiftung. "Unsere Musiker spielen dafür, dass die Not der freischaffenden Kollegen ein bisschen gelindert werden kann."

Stillschweigender Abschied

Unangenehm war Yvonne Schmidt das intime Format des Privatkonzerts im Filmmuseum nicht. "Wir sind uns sehr, sehr nah gekommen, allein schon wegen dieser einen Minute Blickkontakt. Das war anstrengend für mich, aber auch im Nachhinein einfach. Ich war dann erstaunt, dass die Minute schon rum war." Mit Blickkontakt, einer kleinen Verneigung und zwei nach oben zeigenden Daumen verabschiedete sie sich am Freitag 15 Minuten später von dem Musiker Lin Ye im Filmmuseum.

Sendung: hr-iNFO, 09.06.2020, 8.06 Uhr