Schauspieler auf einer Open-Air-Bühne

Die hessischen Theater legen wieder vor Publikum los und feiern eine Premiere nach der anderen. Dabei erobern sie den öffentlichen Raum - und empfehlen sogar festes Schuhwerk.

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Audioseite Endlich wieder analog: Hessische Theatertage in Marburg

Drei rot gekleidete Schauspielerinnen auf der Bühne
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Abgesagt, verschoben, findet online statt – lange Zeit konnte man auf hessischen Theater-Spielplänen vor allem das lesen. Nach monatelangem Warten legen die hessischen Theater in diesen Wochen wieder richtig los und feuern ab, was sie die letzten Monate im Stillen vorbereitet haben. Theaterfans können sich auf eine Premiere nach der anderen freuen.

Einen bunten Querschnitt der Szene bieten in den nächsten Tagen direkt die Hessischen Theatertage, die dieses Jahr in Marburg stattfinden - dank sinkender Infektionszahlen weitgehend vor Publikum. Alle öffentlich subventionierten Bühnen Hessens sind ab dem 20. Juni in Marburg dabei, genauso wie viele freie Ensembles.

"Die Theaterszene ist megalebendig"´

Neben klassischen Aufführungen vor begrenzter Zuschauerzahl wollen die Theaterleute auch den öffentlichen Raum erobern und etwa in Parkhäusern und auf öffentlichen Plätzen spielen. Am Eröffnungstag beispielsweise soll es mitten in Marburg ein "Radiotheater" geben: 40 Teilnehmende bekommen Kopfhörer aufgesetzt und führen Bewegungsanweisungen aus. So soll eine Choreografie entstehen.

Die Marburger Intendantinnen Carola Unser und Eva Lange loben die kreativen, zum Teil sehr politischen Beiträge der Ensembles. "Das zeigt, dass die Theaterszene in Hessen megalebendig ist und sich auch nicht von der Pandemie ins Bockshorn jagen lässt", so Unser.

Vilbeler Burgfestspiele vor 200 Menschen

Burgfestspiele Bad Vilbel: Probe zu "Sister Act"

Langjährige Erfahrung im Open-Air-Betrieb hat man bereits in Bad Vilbel. "Wir waren die ersten, die aufmachen konnten", sagt Ruth Schröfel, die Dramaturgin der Burgfestspiele. Schon am 15. Mai habe man wieder losgelegt, erst vor 100, inzwischen vor rund 200 Zuschauerinnen und Zuschauern. "Wir haben auf der Freilufttribüne einzelne Reihen rausgenommen und Trennwände aus Plexiglas aufgestellt."

Die Nachfrage sei groß und auch die Schulvorstellungen würden wieder sehr gut angenommen werden, so Schröfel. "Man spürt bei jeder Vorstellung diese kollektive Freude, draußen zu sein, gemeinsam im Theater zu sein, ein Stück Normalität zu erleben."

Darmstadt lockt ins Freie

In Darmstadt ist man seit dem 30. Mai im Open-Air-Modus mit einem eigenen Freiluft-Festival. Auf mehreren Bühnen finden unter dem Motto "Komm ins Freie" Konzerte, Opern und Theateraufführungen statt, etwa im barocken Prinz-Georg-Garten oder auf der Terrasse vor dem Theaterfoyer.

Weil in den Theatersälen derzeit Umbaumaßnahmen stattfinden, sei früh klar gewesen, dass man für diese Spielzeit ohnehin weitgehend ins Freie ausweichen müsse, erklärt Pressesprecherin Judith Kissel. "Einerseits konnten wir gar nicht zurück, aber wir fanden es andererseits auch die schönere Geste an unser Publikum."

Es gehe dem Theater auch darum, wieder Kontakt mit dem Publikum aufzunehmen. "Wir kommen raus, die Leute können uns beim Proben zugucken und wir schicken niemanden weg." Der logistische Mehraufwand sei zwar riesengroß, aber er lohne sich. "Wir haben ein gutes Gefühl und bekommen sehr, sehr schöne Rückmeldungen." Draußen könne man zudem für mehr Menschen spielen und Corona-Auflagen leichter erfüllen als drinnen.

Schauspieler vor Hecken

Kassel: Festes Schuhwerk empfohlen

Das Staatstheater Kassel hat für den Neustart ein sehr besonderes Open-Air-Format entwickelt, zu dem festes Schuhwerk empfohlen wird: Ein Joseph-Beuys-Parcours aus Anlass seines 100. Geburtstages. Er beginnt mit einer etwa einstündigen Wanderung durch verschiedene Stationen in der Karlsaue und beschäftigt sich mit Themen, die für Joseph Beuys wesentlich waren: Kunst und Natur.

Der zweite Teil spielt im Museum Fridericianum, wo es "performative Darstellungen und Audiowalks" geben soll. Und wie sich das nach einer ordentlichen Wanderung gehört: Im Eintrittspreis inbegriffen ist eine Suppe nach Beuys'schem Rezept.

"Den Kuss auf der Bühne wird es noch lange nicht geben"

Auch wer lieber ganz klassisch ins Theater reingehen will, kann das in Hessen wieder tun - falls es noch Karten zu ergattern gibt. Zum Beispiel im Staatstheater Wiesbaden oder in der Alten Oper Frankfurt finden wieder Aufführungen vor Publikum statt, allerdings mit deutlich begrenzter Zuschauerzahl.

Auch das Schauspiel Frankfurt hat seit dem 11. Juni wieder geöffnet. Pressesprecherin Sandra Strahonja erklärt, in den Kammerspielen könne man derzeit vor 35 statt 185 Menschen spielen. Im Großen Haus gebe es 260 statt 680 Plätze. Für die nächsten Aufführungen sei man schon komplett ausgebucht.

Die Vorfreude auf die Wiederaufnahme des Spielbetriebs sei sehr groß gewesen, so Strahonja. Die Zeit des Lockdowns habe das Ensemble gut genutzt und neun neue Stücke geprobt: "Wir werden bis zu den Sommerferien etwa zwei Premieren pro Woche feiern." Auf der Bühne sei alles so konzipiert, dass die Schauspielerinnen und Schauspieler Abstand einhalten können, sagt Sandra Strahonja. "Den Kuss auf der Bühne wird es wohl noch einige Zeit nicht geben."

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