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Audioseite "Antisemitismus ist auch in der Hip-Hop-Fanbase verbreitet"

Rapper Ben Salomo

"Hip-Hop hat ein strukturelles Problem mit Antisemitismus", sagt der jüdische Rapper Ben Salomo. Um potenzielle Hip-Hop-Fans zu erreichen und ihnen antisemtitische Codes zu erklären, tourt er durch Schulen. Derzeit ist er in Hessen unterwegs. Eine Reportage.

Es ist noch früher Vormittag, als Ben Salomo ein Klassenzimmer in der Ludwig-Geißler-Berufsschule in Hanau betritt. Gleich wird er hier vor einer 11. Klasse sprechen. Die jungen Männer stehen im zweiten Lehrjahr zum Elektroniker. Sie werden heute von ihm erfahren, welche Botschaften der Hip-Hop aussendet.

Einige davon richten sich gegen Juden, mal offen, mal verdeckt. Ben Salomo erkennt solche Botschaften, denn er ist selbst Rapper. 2016 hat er das Album "Es gibt nur einen" rausgebracht, weil er der einzige Jude in der Szene war. Auf dem Cover hat er sich mit David-Stern ablichten lassen.

Antisemitismus nicht mehr ausgehalten

Bekannt wurde vor allem Salomos Format "Rap am Mittwoch", mit der er bundesweit in Clubs aufgetreten ist, auch in der Frankfurter Batschkapp. Die Show lief gut, die Clubs waren voll und online gab es über eine Million Klicks, erzählt Ben Salomo.

Aber trotzdem hat er aufgehört, weil er den Antisemitismus, der ihm vor allem aus dem sogenannten Gangster-Rap entgegenschlug, nicht mehr ertragen hat. Mit seinem Ausstieg wollte er ein Zeichen setzen, protestieren.

Und gleichzeitig war es auch das Eingeständnis, dass die Szene von innen heraus nicht zu ändern war. Deshalb geht er jetzt in Schulen, um die Fans zu erreichen und sie aufzuklären, was ihre Musik in Texten und Videos transportiert.

Freundschaft beendet

Inzwischen hat sich der Raum in der Ludwig-Geißler-Schule gefüllt. Ein gutes Dutzend Schüler ist gekommen und Ben Salomo kann loslegen. Er stellt sich vor, erklärt, dass er eigentlich Jonathan Kalmanovich heißt und in Israel geboren wurde. Als er vier Jahre alt war, zogen die Eltern nach Berlin Schöneberg.

In dem multikulturellen Kiez erlebte er schon früh, was Antisemitismus ist. Als er nämlich seinem besten Freund erzählte, dass er Jude sei, griff dieser ihn an, beendete die Freundschaft. Deshalb gab sich Jonathan zeitweise als Italiener aus.

Antisemitismus-Workshop Hanau

Letztendlich belastete ihn die Lüge aber zu sehr, so dass er beschloss, in die Offensive zu gehen und zu seinem Judentum zu stehen - auch wenn es schmerzhaft werden könnte. Bei seiner Bar Mizwa erhielt er den hebräischen Beinamen Ben Salomo, was Sohn des Salomo bedeutet, nach seinem Vater.

Videos als Beweiskette

Die Schüler folgen Ben Salomo interessiert. Spannend wird es, als es um Rap geht. Der habe, sagt Ben Salomo provokant, ein strukturelles Problem mit Antisemitismus. Da gehe es nicht um einzelne Rapper, sondern es sei ein breites Phänomen, das auch die Produktionsfirmen und die Fanbasis betreffe.

"Glaubt ihr mir das?", fragt er ins Publikum. "Oder sagt ihr, das musst Du mir beweisen, Ben Salomo?" Für beide Optionen melden sich Schüler und Ben Salomo legt los mit seiner Beweiskette. Er zeigt das Foto des Hip-Hop-Managers Hadi El-Dor, der sich das Bild des Hisbollah-Führers Hassan Nasrallah tätowiert hat - dieser bekämpft den Staat Israel.

Dschihadismus trifft auf Nazi-Symbole

Dann zeigt er ein Video der Rapper Fard und Snaga. Es strotzt vor martialischen Bildern einer aufgehetzten Menge, bis an die Zähne bewaffnet, der Hitlergruß wird gezeigt. "Gegen Politik aus Tel Aviv, pro Intifada" heißt es im Text. Dschihadismus und Nazi-Symbole werden zu einer explosiven Mischung.

In einem Video des Rappers Sadiq sind Tücher zu sehen, wie sie die Kämpfer der Al Aqsa Brigaden tragen, einer radikalen palästinensischen Organisation, die Anschläge auf Israelis verübt hat.

Codes gegen Juden

Das sind verdeckte Codes, klärt Ben Salomo auf. Er will sie gemeinsam mit den Schülern entschlüsseln und zeigen: Es geht gegen Juden. Was er von Farid Bang halte, fragt der 17-jährige Maximilian. Der Rapper hatte unter anderem mit Textzeilen wie "Mein Körper definierter als von Auschwitzinsassen" für Empörung gesorgt.

Ben Salomo sagt, es gehe nicht nur um Worte, sondern auch um Taten. Er erklärt, dass Farid Bang Spenden für einen Moscheeverein gesammelt habe, der eine radikale Gruppierung in Gaza unterstützt habe. Der Verein ist inzwischen verboten.

"Der Tag war lehrreich"

Ob er Unterstützung von anderen Juden bekomme, will der 20-jährige Muhammed wissen. Schon, sagt Ben Salomo. Dann lässt er die Schüler schätzen, wie viele Juden es überhaupt in Deutschland gebe. Keiner kommt darauf, dass es gerade mal um die 200.000 sind.

Viele seien es nicht, sagt er, also sei es wichtig, sich zu Wort melden und Juden zu helfen, wenn diese angegriffen oder diffamiert werden. Von Beispielen für Diffamierungen wissen auch die Schüler. Auf einer Klassenfahrt habe er schon mal den Satz gehört: "1945 wäre das nicht passiert", berichtet Maximilian. "Das ist dann ein bisschen ausgeartet."

Der 25-jährige Timo sagt, er habe von Ben Salomo tatsächlich Neues erfahren, auch über antisemitische Botschaften von Hip- Hop-Crews, die er gerne hört. Man müsse dagegen angehen, findet er jetzt, weil Jüngere sie unbewusst übernehmen und weiterverbreiten könnten. "Der Tag war lehrreich", bilanziert er, bevor er das Klassenzimmer verlässt.

"Ich will nicht auswandern"

Muhammed sagt zum Abschied, dass er es stark findet, dass Ben Salomo weiterkämpft. Andere hätten schon aufgegeben, glaubt er. Ben Salomo fragt zurück: "Was ist die Alternative? Ich habe zwei Kinder hier und ich will nicht so gerne auswandern - obwohl wir viel darüber reden. Das hier ist meine Art, gegen Antisemitismus aktiv zu werden."

Spricht's, nimmt seine Sachen und geht weiter zum nächsten Klassenzimmer. Bis zum 5. Oktober klärt er noch an hessischen Schulen auf.

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