Portraits von Fröhlich, Klose, Reichenbacher, Jung

Der Herbst ist da, das Wetter nicht selten lausig - da führt der Weg schnell zum Bücherregal oder in die Buchhandlung. Und gerade zu Pandemie-Zeiten kann reichlich Lesestoff nicht schaden. Einige Prominente aus Hessen benennen ihre Lieblinge und die jüngsten Neuerwerbungen.

Prominente aus Hessen verraten, welche Bücher sie gerade lesen, was sie empfehlen können und was ihre Lieblingswerke sind. In einer Umfrage von hessenschau.de nennen sie ihre Favoriten und woher sie Tipps für die nächste Neuanschaffung bekommen.

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Schriftstellerin Susanne Fröhlich (57) liest derzeit "Der Untergang des Abendkleids" von Ella Carina Werner. "Die Autorin arbeitet bei der Titanic, und ich war absolut begeistert von ihrem Geschichtenband. Witzig, scharfzüngig und im besten Sinne kurzweilig", sagt sie. Besonders beeindruckt hat sie zuletzt "Zeitenwende" von Michel Friedman und Harald Welzer. "Klug, kontrovers und nicht intellektuell verschwurbelt. Gut lesbar und anregend", lautet ihr Urteil. Eines ihrer Lieblingsbücher ist und bleibt: "Garp und wie er die Welt sah" von John Irving.

Buch über Basketball-Legende eine Liebeserklärung

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"Wir lieben Bücher", schwärmt Lisa Hahner (30), die zusammen mit ihrer Schwester Anna als Hahner-Twins in der Sportwelt bekannt geworden sind. Die Langstrecken-Läuferinnen aus Osthessen lesen gerade "Die Schule meines Lebens" von (Podcast-)Autor Matze Hielscher. In dem Buch hat er Weisheiten und Lebenstricks von seinen Gesprächsgästen zusammengetragen. "Sätze, die zum nachdenken und darüber reden anregen", findet Lisa. Beeindruckend findet sie "The Great Nowitzki", die Biografie von Thomas Pletzinger über die deutsche Basketball-Legende Dirk Nowitzki. "Es ist für uns eine große Liebeserklärung für die Faszination des Sports", erklärt Lisa.

Lisa Hahners Lieblinsbuch heißt: "Die Einsamkeit des Langstreckenläufers" (Alan Silitoe). "Als Marathonläufer sind wir fasziniert von dem Buch. Es handelt vom Laufen und doch von so viel mehr. In der Erzählung geht es um Mut, Freiheit, Selbstbestimmtheit."

Zeilen über Trump "schrecklich deprimierend"

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Schriftstellerin Nele Neuhaus (53) hat sich zuletzt "Zu viel und nie genug" von Mary L. Trump vorgenommen. Bei der als Psychologin tätigen Autorin handelt es sich um die Nichte des US-Präsidenten. Nach der Lektüre der Zeilen über Onkel Donald befand Neuhaus: "Schrecklich deprimierend." Sie habe das Buch "nur mit Mühe" beendet.

Empfehlenswerter findet Neuhaus hingegen: "Spillover" des Wissenschaftsjournalisten David Quammen. Darin geht es um Infektionskrankheiten, die von Tieren auf Menschen übertragen werden (Zoonosen). "Geschrieben wie ein spannender Krimi ist es im Hinblick auf Covid-19 nicht nur brandaktuell, sondern auch hochinteressant und lehrreich."

"Mein Lieblingsbuch", verrät Neuhaus, "heißt derzeit 'Fußball findet auch im Kopf statt'". Herausgeber ist - Vorsicht, Werbung! - ihr Mann, Matthias Knöß. "Es ist aus einem Schreibprojekt von Jungs für Jungs von meiner Stiftung in Kooperation mit dem Nachwuchsleistungszentrum des 1. FSV Mainz 05 entstanden. Elf Nachwuchskicker erzählen ihre bewegenden Geschichten auf dem Weg zum Fußballprofi. Lesenswert für jeden, der mal einen Blick hinter die Kulissen der Nachwuchsförderung werfen möchte."

Interesse an "Black-Lives-Matter"-Bewegung

Herr Klose im Landtag

Hessens Sozialminister Kai Klose (46) von den Grünen liest gerade "Diese Wahrheiten" von Jill Lepore über die Geschichte der Vereinigten Staaten von Amerika. "Allerdings komme ich aufgrund der Pandemie nur sehr selten dazu." Die Gemengelage rund um die "Black-Lives-Matter"-Bewegung und das Verhalten von US-Präsident Donald Trump haben ihn dazu gebracht. Seine Motivation: "Die Situation in den USA besser verstehen." Sein Eindruck? "Komplex, aber verständlich geschrieben und dadurch historisch nachvollziehbar."

Empfehlenswert findet Klose Peter Taubers (CDU) Buch "Du musst kein Held sein". Klose: "Besonders beeindruckend, weil außergewöhnlich offen und selbstkritisch". Tauber, der gebürtige Frankfurter und ehemalige Generalsekretär der Bundes-CDU, hatte gerade angekündigt, seine politische Karriere beenden zu wollen. Kloses Lieblingsbuch ist hingegen ein Roman von Jim Grimsley: "Das Leben zwischen den Sternen". Klose schmökert auch auch gern Krimis, vor allem vom norwegischen Bestseller-Autor Jo Nesbø. Buchtipps holt er sich von seinen Buchhändlerinnen des Vertrauens in seiner Heimat Idstein.

Bischöfin mag Romane und Krimis

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Die Bischöfin der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck (EKKW), Beate Hofmann (57), liest derzeit den Krimi "Das Verschwinden der Stephanie Mailer", ein Roman des Schweizers Joël Dicker. Besonders beeindruckt hat sie zuletzt: "An Orchestra of minorities" von Chigozie Obioma. "Interessanter Einblick in die nigerianische Kultur und Erfahrungen mit Europa aus der Perspektive eines Nigerianers", sagt Hofmann, deren Lieblingsbuch "Das achte Leben" von der Georgierin Nino Haratischwili ist. Generell wählt Hofmann gern "gute Romane und Krimis". Mit Sci-Fi- und Mystery-Storys kann sie nichts anfangen. Tipps holt sie sich auch von der Deutschen Shortlist.

Kultusminister will noch was lernen

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Hessens Kultusminister Alexander Lorz (54) liest "Weil ich zu spät kam" (Originaltitel: "Let the Northern Lights Erase Your Name") der US-Autorin Vendela Vida. Während einer Finnland-Reise erhielt der CDU-Politiker Einblicke in die traditionelle Lebensweise der dortigen indigenen Volksgruppe der Samen. "Es ging auch um die schulische Ausbildung dieser Minderheitsgruppe. Das war sehr eindrucksvoll. So kam ich dann auf diesen Roman."

Besonders beeindruckt ist Lorz von Daniel Kehlmanns "Die Vermessung der Welt". "Dieser Roman ist genial verfasst. Er beschreibt die Charaktere Carl Friedrich Gauß und Alexander von Humboldt halb dokumentarisch, in seiner Fiktion aber auch sehr komisch." Lorz mag es, "wenn ein Buch einen historisch, dokumentarischen Kern hat, unterhaltsam wie phantasievoll aufgeschrieben ist und ich etwas daraus lernen kann".

Bischof beeindruckt von Buch über KZ-Insasse

Gerber in Kirche

Der katholische Fuldaer Bischof Michael Gerber (50) liest aktuell "al-Andalus. Geschichte des islamischen Spaniens" (Brian A. Catlos). "Das Buch bietet bemerkenswerte Einblicke in ein wichtiges Stück europäischer Kulturgeschichte", berichtet Gerber. Besonders beeindruckend fand er den Bestseller "… trotzdem Ja zum Leben sagen: Ein Psychologe erlebt das Konzentrationslager" von Viktor E. Frankl. Der Wiener Psychologe analysiert darin seine Zeit im KZ Auschwitz.

Für den Geistlichen ist aber natürlich die Heilige Schrift das Nonplusultra. "Für mich täglich eine Quelle der Inspiration. Sowohl altbekannte als auch weniger bekannte Texte eröffnen mir beim erneuten Lesen bislang ungeahnte Perspektiven. Mich fasziniert die Grundaussage: Gott ist in unsere Geschichte eingetreten und er ist der Gott des Lebens." Wenn es mal nichts Religiöses sein soll, erfreut sich Gerber an Sachbüchern und Romane aus der Zeitgeschichte. Tipps holt er sich aus überregionalen Tageszeitungen oder Fachzeitschriften.

Begeisterung für Geschichte des 19. Jahrhunderts

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Der Kirchenpräsident der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau, Volker Jung (60), befasst sich gerade mit "Erinnerungen" des Göttinger Germanisten Albrecht Schöne. "Ein persönliches Buch mit vielen klugen Gedanken zur erlebten Geschichte", findet Jung. Begeistert hat ihn zuletzt "Die Verwandlung der Welt: Eine Geschichte des 19. Jahrhunderts." (Jürgen Osterhammel). "Das ist ein herausragendes Buch, bei dem ich enorm viel auch zum Verständnis der Gegenwart gelernt habe", so Jung. Zu seinen Lieblingsbüchern zählen - neben der Bibel - Werke von Robert Seethaler und Alex Capus.

Bücherstapel bei der Lotto-Fee

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Lotto-Fee und Moderatorin Franziska Reichenbacher (52) hat sich Bücher von Leila Slimani herausgesucht. Die französisch-marokkanische Autorin, die zum Beispiel "Dann schlaf auch du" verfasste, ist viel beachtet und ausgezeichnet für ihre Romane und Erzählungen. "Sie schreibt mit dem spezifischen Blick als moderne, aufgeklärte Frau in der westlichen Gesellschaft und widmet sich auch der Lebenswirklichkeit der marokkanischen Frauen", erklärt Reichenbacher.

In Reichenbachers Büro und Wohnzimmer stapeln sich Bücher aus verschiedenen Genres. "Von Sachbüchern bis hin zu Erzählungen und Gedichten der Romantik oder auch Büchern zum Beispiel aus dem Social-Media-kritischen Diskurs", sagt sie. "Aber es muss nicht alles gelesen werden. Manches prüfe ich nur, manches wird quergelesen. Bücher dürfen aber auch ungelesen zur Seite gestellt werden."

Minister wünscht sich mehr Zeit zum Lesen

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Hessens Wirtschaftsminister Tarek Al-Wazir (49) bedauert: "Seit dem Beginn der Corona-Krise kann ich nur noch Akten lesen, da kommen inzwischen schon einige Regalmeter zusammen." Der Grünen-Politiker hofft, dass spätestens in den Weihnachtsferien mal wieder Zeit für etwas anderes bleibt. "Vielleicht sogar für den gerade mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichneten Titel 'Annette'. Schließlich ist die Autorin ja wie ich in Offenbach geboren."

Story über Slum-Bewohner in Bagdad

Portrait Janine Wissler (Linke)

Die Linken-Politikerin Janine Wissler (39) liest derzeit von Abbas Khider "Palast der Miserablen" - die Geschichte eines Jungen aus den Slums von Bagdad. "Ich mag seine Sprache, seine Figuren und die Warmherzigkeit, mit der er sie beschreibt", sagt Wissler über den deutsch-irakischen Schriftsteller. Beeindruckend findet die Linken-Fraktionsvorsitzende die Autobiographie der Frankfurter Sozialistin, Kriegsgegnerin und Frauenrechtlerin Tony Sender namens "Autobiographie einer deutschen Rebellin". Wissler findet: "Unbedingt empfehlenswert, weil Tony Sender eine beeindruckende Frau war und ihre Biographie sehr viel erzählt über den Ersten Weltkrieg, die Novemberrevolution, die Weimarer Republik und den Aufstieg der Nazis."

Das interessanteste Buch ist für Wissler Emile Zolas "Germinal". Es beschreibt die unmenschlichen Verhältnisse in französischen Bergwerken des 19. Jahrhunderts. Am liebsten liest sie Romane, klassische und zeitgenössische Literatur. "Nichts anfangen kann ich mit Horror, seichten Schnulzen - und Michel Houellebecq." Woher sie Literatur-Tipps bekommt? "Über persönliche Empfehlungen, Stöbern in Buchläden und den hr-iNFO-Büchercheck, über den ich unter anderem auf die nordirischen Krimis von Adrian McKinty gekommen bin."   

Bloß keine Krimis - Politik schon spannend genug

Portrait Nicola Beer (FDP)

Auf dem Nachttisch von FDP-Europapolitikerin Nicola Beer (50) liegt derzeit "Das größere Wunder" von Thomas Glavinic - ein Roman über eine Gipfel-Expedition am Mount Everest. Besonders empfehlenswert findet Beer "Briefe an Freya" von Helmuth James Moltke. "Für mich eines der eindringlichsten Zeugnisse über die Unmenschlichkeit des Nationalsozialismus – und zugleich ein Zeugnis menschlicher Größe.  Eine zeithistorische Aufnahme des deutschen Widerstands, aufgeschrieben mit liebenden Worten eines Mannes an seine Frau, in Erwartung seiner Hinrichtung, wohlgemerkt."

Beers favorisiertes Werk ist "Der Trafikant" von Robert Seethaler. "In seinen Büchern schätze ich die sehr feine, ausgeführte Szenendarstellung", erklärt Beer, die gern Romane liest. "Um in andere Welten zu tauchen, an neue Orte zu reisen und mich in Protagonisten einzufühlen. (..) Krimis sind nicht so meins, liegt wohl auch daran, dass die Politik schon spannend genug ist und wir uns ja ständig mit Missständen beschäftigen."

Zauberberg top, Historien-Romane Flop

Portrait Nancy Faeser (SPD)

Hessens SPD-Chefin Nancy Faeser (50) hat sich gerade "Was Nina wusste" ausgesucht. "Ein wirklich bewegendes, spannendes Buch des israelischen Autoren David Grossman", sagt sie. Beeindruckend fand die zuletzt "Becoming", die Autobiographie der früheren First Lady der USA, Michelle Obama. "Ein wirklich tolles Buch von einer tollen Frau." Seit ihrer Schulzeit ist sie großer Fan von Thomas Manns "Der Zauberberg". Ihren Vorlieben reichen vom Sachbuch bis zum Regional-Krimi. "Einen Bogen mache ich allerdings in der Regel um Historien-Romane – da gibt es mir zu viele, die schlampig recherchiert und lieblos zusammengeschrieben sind."