Das Bild zeigt eine Person, die direkt in die Kamera blickt. Der Mund ist geöffnet und pink verschmiert geschminkt. Die weißblond und schwarz gefärbten Haare sind zurückgegelt, die Augen lila und türkis geschminkt. Die Person trägt außerdem einen auffällig nach oben gezwirbelten schwarzen Schnurrbart.

Das Queer Filmfest in Weiterstadt zeigt viele Perspektiven außerhalb der Hetero-Norm. Besucherinnen und Besucher können große Kino-Momente erleben und sich selbst in Gender-Performance ausprobieren.

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Audioseite Philipp Aubel vom Queer Filmfest: "Wollen Gesprächsanlässe liefern"

Ein dunkler Raum mit mehreren Sitzgruppen aus blauen Bistrostühlen und -tischen. An den Wänden hängen Filmplakate, an der Decke Blumenketten und eine Girlande in Regenbogenfarben.
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Tiefe Stimme, lässige Pose. "Hey Babe, du findest mich eh geil, du gehörst mir", raunt Maria Moschus. War das jetzt männlich? Zumindest entspricht es einem gängigen Klischee von Männlichkeit. Maria Moschus nennt es die "mackerige Männlichkeit" - abgeleitet von "Macker".

Früher, als Teenager, empfand Maria Moschus bei einer derartigen Darbietung von Dominanz noch Respekt. Heute nicht mehr. Maria Moschus identifiziert sich nicht ausschließlich als männlich oder weiblich, sondern als non-binär. Auf der Bühne schlüpft Maria Moschus als Drag in unterschiedliche Geschlechterrollen.

Über die spielerische Auseinandersetzung mit vermeintlichen Merkmalen von Männlichkeit hat Maria Moschus vor allem eines gelernt: "Männlichkeit ist Performance. Es ist eine bestimmte Art, sich durch die Welt zu bewegen. Und die ist weder besonders bewundernswert noch besonders schwer zu erreichen." Man könne sie sich ganz einfach aneignen. Tiefe Stimme, lässige Pose, mackerige Anmache - so zum Beispiel.

Queere Filme als Inspiration für das eigene Leben

Maria Moschus ist über einen Film zum Drag gekommen: "Venus Boyz", eine Dokumentation über Drag Kings, Transpersonen und Aktivistinnen und Aktivisten in den 1990er Jahren.

"Ich habe den Film gesehen und direkt gedacht: Oh mein Gott, das möchte ich auch machen", erzählt Maria Moschus. Auf Experimente mit Outfits und Make-up in den eigenen vier Wänden folgte schnell der erste Auftritt in Berlin.

Das Bild zeigt eine auf dem Boden sitzende Person, die direkt in die Kamera blickt. Die weißblond und schwarz gefärbten Haare sind zurückgegelt, die Augen lila und türkis geschminkt. Die Person trägt außerdem einen auffällig nach oben gezwirbelten schwarzen Schnurrbart. Die Hände sind vor dem Körper verschränkt.

Die Geschichte zeigt beispielhaft, wie entscheidend die mediale Repräsentation queerer Lebensrealitäten die Gestaltung der eigenen beeinflussen kann. "Ich kannte Drag schon, bevor ich 'Venus Boyz' gesehen habe. Aber ich habe das nicht mit mir verbunden", so Maria Moschus. "Erst als ich gesehen habe, dass Menschen, mit denen ich mich identifizieren kann, Drag machen, hatte ich auch den Mut, es selbst auszuprobieren."

Filmfest hinterfragt Geschlechtsidentitäten

Diese Botschaft vermittelt Maria Moschus aktuell in Weiterstadt (Darmstadt-Dieburg) - bei einem Drag Workshop im Rahmen des Queer Filmfests. Seit 25 Jahren werden in der kleinen Stadt in Südhessen Filme gezeigt, die heteronormative Sehgewohnheiten um neue Perspektiven erweitern.

In diesem Jahr sind die Besucherinnen und Besucher des Festivals sind eingeladen, sich auch über das Kino-Erlebnis hinaus mit dem Geschlecht als "fluidem Konzept" zu befassen, sich vielleicht sogar gleich selbst darin auszuprobieren.

Teilnehmen können Menschen aller Geschlechter, mit Kostüm oder ohne. Maria Moschus möchte ihnen nahebringen, mit unterschiedlichen Ausdrucksformen von Gender, also von Geschlechtsidentität, zu experimentieren. "Niemand soll das Gefühl haben, sich festlegen zu müssen. Man muss sich keiner Kategorie zuordnen, auch wenn man das natürlich kann", findet Maria Moschus.

"Da habe ich gemerkt: Ich bin nicht allein"

Auch Philipp Aubel ist es wichtig, Anlässe zu schaffen, vielfältige queere Geschichten zu erzählen, zu hören und sich über sie auszutauschen. Er ist einer der ehrenamtlich Helfenden beim Queer Filmfest.

Aubel, heute Mitte 30, erinnert sich noch gut daran, wie er als Teenager nachts auf dem Sender Arte queere Indie-Produktionen für sich entdeckte. "Da habe ich gemerkt: Ich bin nicht allein. Es gibt da Menschen, die genau dasselbe durchmachen oder durchgemacht haben. Das war eine schöne Erfahrung", so Aubel.

Queere Filme werden vielfältiger

In den letzten Jahren sei ganz schön viel passiert. "Die Filme werden vielfältiger", freut sich Aubel. Auch deswegen liegt in den am Festival teilnehmenden Kinos in Weiterstadt, Darmstadt sowie Mörfelden-Walldorf in diesem Jahr ein Fokus auf diversen Geschlechteridentitäten und -Spielarten.

Weitere Informationen

Queer Filmfest mit Jubiläum

Zum 25. Mal laufen Filme jenseits der heteronormativen Mainstream-Produktionen. Vom 20. Oktober bis 3. November wird im Kommunalen Kino im Bürgerzentrum in Weiterstadt, im Programmkino Rex in Darmstadt sowie im Lichtblick Walldorf in Mörfelden-Walldorf ein vielfältiges Programm geboten.

Ende der weiteren Informationen

Das Queer Filmfest will aber explizit auch ein nicht-queeres Publikum ansprechen. Identifikationspotenzial bietet eine Geschichte Aubel zufolge schließlich nicht nur, wenn sich Zuschauende darin mit ihrer eigenen Geschlechtsidentität oder sexuellen Orientierung wiederfinden.

Zudem bewegten sich die Filme im Programm zwar alle außerhalb der Cis-Hetero-Norm (Cis meint die Übereinstimmung von Geschlechtsidentität und biologischem Geschlecht, Anm. d. Red.), dieses Merkmal sei aber nicht immer zentraler Erzählgegenstand.

Mehr als "Mann trifft Mann" oder "Frau trifft Frau"

Der Eröffnungsfilm "Supernova" mit den Hollywood-Stars Stanley Tucci und Colin Firth in den Hauptrollen etwa porträtiere weniger ein schwules Pärchen als eines, das einen Umgang mit einer Demenz-Diagnose finden muss.

"Es sind längst nicht mehr nur die klassischen Coming-out-Filme", sagt Aubel und meint damit "Mann trifft Mann"- oder "Frau trifft Frau"-Geschichten, in denen romantische Gefühle oder sexuelle Anziehung gewöhnlich ein Drama lostreten und sich die Protagonistinnen und Protagonisten vor allem gegen Diskriminierung behaupten müssen.

Auf dem Bild ist ein blonder Mann mit Basecap und tätowierten Armen zu sehen, der sich im Spiegel zulächelt und seinem Spiegelbild die Hand entgegen streckt.

Gezeigt werden Filme wie "Trans - I Got Life", laut Aubel ein "guter Einstieg für Neulinge auf dem Gebiet", "Genderation", die Fortsetzung von Monika Treuts "Gendernauts" aus dem Jahr 1999, oder "Jump, Darling", die Geschichte einer Drag Queen, die zu Oma aufs Land ausbüxt.

Drag Workshop soll Selbstbewusstsein schaffen

Maria Moschus will mit dem Drag-Workshop das Selbstbewusstsein der Teilnehmenden stärken. Angefeuert und bejubelt von Gleichgesinnten könnten sich die Performenden einer Gemeinschaft vergewissern, die hinter queeren Lebenswelten steht.

"Die Leute, die meinen Drag angucken, wollen reflektiert bekommen, dass ihre Gedanken und Gefühle okay sind", glaubt Maria Moschus. "Sie wollen sehen, dass sie nicht allein sind und dass es Räume gibt, wo Andersartigkeit - und ich meine Andersartigkeit im Sinne von anders, als es die heteronormative Gesellschaft vorlebt - gefeiert wird."

"Geschlecht ist gestaltbar"

Konkret bedeute das: Männer und Frauen seien "nicht einfach so". Geschlecht sei gestaltbar.

Was als männlich oder weiblich gelte, sei erlernt, so Maria Moschus. Statt sich davon im Alltag einschränken zu lassen, könne man Rollenbilder für sich nutzen, nach Belieben ausfüllen und ablegen, so wie die eingangs erwähnte "Mackerigkeit". Wobei Maria Moschus privat lieber darauf verzichtet - das sei zu unhöflich, zu sexistisch.