Rapper Haftbefehl - Aufnahme im Profil - im Hintergrund: Sonnenuntergang

Der Offenbacher Haftbefehl ist der deutsche Rap-Superstar. Im Interview zu seinem neuen Album spricht er über Depressionen, die Liebe zu seiner Heimat und warum man immer versuchen sollte, ein guter Mensch zu sein.

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Im Gespräch mit Haftbefehl

Rapper Haftbefehl - im Pelzmantel - in einem leeren, dunklen Zimmer stehend. Tapeten hängen von der Wand. Der Musiker schaut aus dem Fenster.
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Haftbefehl, bürgerlich Aykut Anhan, ist der deutsche Rap-Superstar. Er hat den Deutschrap verändert wie kein anderer. Ein Team von "ttt - Titel Thesen Temperamente" ist mit ihm für ein Interview in Frankfurt und Offenbach unterwegs. Dass er in seiner Heimat wie eine Ikone verehrt wird, wird beim gemeinsamen Spaziergang deutlich. Es vergeht kaum eine Minute ohne Selfie-Wünsche, die alle geduldig erfüllt werden.

Am 30. April erscheint Haftbefehls neues Album: Auf den Vorgänger "Das weiße Album" folgt nun "Das schwarze Album". Ein Gespräch über Drogen, Vorbilder, Depressionen, die Liebe zu seiner Familie und den Selbstmord seines Vaters.

hessenschau.de: Ihr neues Album ist besonders düster geworden - war das so geplant?

"Es ist einfach so passiert. Am Anfang wusste ich nicht, dass es zum schwarzen Album wird. Ich bin eigentlich mit dem Gedanken rangegangen, dass das Album 'Gassenhauer' heißt. Ich bin das ein bisschen 'hitiger' angegangen - eben so mit Gassenhauern. Aber dann gab es sehr ernste Tracks und warum das so passiert ist, das weiß ich auch nicht. Es ist einfach passiert. Und als es fertig war, habe ich gesagt: 'Okay, schwarzes Album'."

hessenschau.de: In den Texten schwingt auch ganz viel Traurigkeit mit ...

"Manchmal gibt es auch Tage, an denen ich Depressionen habe, das ist ganz normal. Aber man sollte offen drüber reden. Es gibt aber verschiedene Arten von Depressionen - es gibt Depris und starke Depressionen - ich habe gesehen wie starke Depressionen aussehen. So weit war ich zum Glück noch nicht."

hessenschau.de: Sie sprechen von Ihrem Vater, der sich das Leben genommen hat, als Sie 14 Jahre alt waren?

"Ja, der war besessen - er wollte sich ständig umbringen. Ich habe ihn drei, vier Mal erwischt, wie er sich umbringen wollte. Ich glaube, das hat mir in meiner Jugend so einen kleinen Riss verpasst, auch psychisch. Daher kam wahrscheinlich auch der Drogenkonsum. Ich habe meinem Vater lange nachgetrauert - aber man muss das Beste daraus machen. Ich muss für meine Kinder da sein."

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Aykut Anhan alias Haftbefehl

Aykut Anhan wird 1985 in Offenbach geboren. Als Anhan 14 Jahre alt ist, nimmt sich sein Vater das Leben. Der Junge kommt in Kontakt mit Drogen, bricht die Schule ab und wird kriminell. Einen ersten Jugendarrest verbüßt er mit 15. Als junger Erwachsener, 2006, folgt ein Haftbefehl wegen Betrugs. Anhan taucht ins Ausland ab, beginnt dort, erste Raptexte zu schreiben. Die Wende in seinem Leben wird zu seinem Künstlernamen: Haftbefehl. Sein erstes Soloalbum erscheint 2010. "Das schwarze Album" ist sein siebtes Studioalbum. Im Dezember soll ein achtes Album erscheinen.

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hessenschau.de: Das Thema Drogen spielt in Ihrer Musik eine große Rolle. Und in Ihrem Leben?

"Ich verherrliche Drogen nicht. Es geht meistens nicht gut aus, wenn man Drogen nimmt. Ich warne auch die Jugend, dass es nicht so cool ist, damit in Berührung zu kommen. Dass sie lieber Sport machen sollten, anstatt jeden Freitag und Samstag in die Diskothek zu gehen. Aber dank Corona gibt es ja keine Diskotheken mehr. Klar, es sind Geschichten, die ich mit meinen Liedern erzähle. Aber nehmt die nicht zu ernst. Es ist ein Film, den ich verkaufe - aber es ist ein realistischer Film. Nicht alle Geschichten sind auf mich bezogen, aber diese Geschichten passieren."

hessenschau.de: Wer sind Ihre musikalischen Vorbilder?

"Ich habe die Musik schon seit meinem fünften oder sechsten Lebensjahr extrem verfolgt. Ich war ein riesengroßer Michael-Jackson-Fan. Und mit 12 oder 13 kam dann Hiphop. Meine Inspiration war B.I.G., mit The Notorious B.I.G. fing bei mir alles an. Das war der Grund, warum ich angefangen habe Musik zu machen. Die Sachen, die er gesagt hat, die habe ich übersetzt. Ich war zwar nie im Englisch-Unterricht, aber irgendwann kam ich in die Schule und konnte fließend Englisch. Und dann auch noch mit New-York-Slang. Das konnte ich nur, weil ich den ganzen Tag Musik gehört habe. Und der erste deutsche Rapper, den ich gefeiert habe, das war Azad."

Haftbefehl - Aykud Anhan

hessenschau.de: Wie entsteht Ihre Musik?

"Wenn ich arbeite, bin ich für niemanden zu erreichen, dann tauche ich komplett ab. Die Arbeit an meinen Songs, das ist jedes Mal anders und kostet viel Kraft und Gesundheit. Ich gehe dann wirklich ans Limit wenn ich Musik mache. Ich mache keine halben Sachen."

hessenschau.de: Über welches Lob würden Sie sich für das schwarze Album freuen?

"Das Album ist Kunst, das ist mir echt gut gelungen, glaube ich. Die Leute werden es erst in ein paar Jahren verstehen, wie oft bei mir. Wenn sie älter werden, verstehen sie meine Musik besser. Ich mache keine Musik für Kinder."

hessenschau.de: Die Kulturwelt lobt Ihr Spiel mit der Sprache. Sie wurden schon der "deutsche Dichter der Stunde" genannt. Bedeutet Ihnen das etwas?

Rapper Haftbefehl neben dem Goethe-Denkmal in der Frankfurter Innenstadt

"Das hat mich ein bisschen verfolgt - es war jetzt aber nicht so, dass ich mich übertrieben gefreut habe. Da freue ich mich über einen Koffer voller Geld viel mehr als über irgendwelche Leute, die über Kultur sprechen. Aber es ist schon krass, was ich bewegt habe mit der Sprache, dass ich da ein bisschen was verändert habe. Aber so sehr juckt mich das nicht. Ich rede in meinen Songs ja so, wie ich mit meinen Kollegen auf der Straße rede. Ich versuche keine neuen Wörter zu erfinden - es ist halt Slangtalk."

hessenschau.de: Sie sind für viele junge Leute ein Vorbild. Was kann man von Ihnen lernen?

"Auf jeden Fall versuche ich den Jugendlichen etwas mitzugeben. Das beste Beispiel ist ja, dass ich aus nichts sehr viel erschaffen habe - meiner Meinung nach. Mir ging es richtig schlecht 2008/2009 und ich habe trotzdem weiter Musik gemacht. Ich habe immer Musik gemacht und ich habe nicht aufgegeben. Was man sich von mir abgucken könnte ist, dass man aus nichts etwas erschaffen kann. Aber mich als Vorbild zu nehmen? In der Hinsicht vielleicht, aber in anderen Sachen glaube ich nicht."

hessenschau.de: Sie haben ein eigenes Label, wie sieht es da mit Talentförderung aus?

"Wir bei Azzlackz haben ja unser Studio im Raum Offenbach und wir sind mit Künstlern wie Azzi Memo, Soufian, Dú Maroc, Milonair und Reda Rwena - und mir natürlich - gut aufgestellt. Aber wenn ich einen Künstler entdecke und ein Talent sehe, dann versuche ich zu helfen - egal ob ich was davon habe oder nicht. Mein Ohr ist immer auf der Straße."

hessenschau.de: Die ewige Rivalität Frankfurt gegen Offenbach. Wo schlägt Ihr Herz?

"Ich fühle mich nirgendwo so wohl in Deutschland wie in Offenbach. Wobei, ich weiß nicht, ob man das überhaupt zu Deutschland zählen kann (er lacht auf). Nirgendwo ist es so multikulti wie in Offenbach. Die Frankfurter machen zwar den besten Rap, aber Offenbach ist natürlich richtige Heimat für mich. Da gefällt es mir viel mehr als in Frankfurt. Aber Frankfurt ist auch eine schöne Stadt - hat aber auch hässliche Seiten. Dirty und reich gleichzeitig."

hessenschau.de: 2020 gab es eine Petition, eine Straße in Offenbach in Haftbefehl-Straße umzubenennen. Wie gefiel Ihnen diese Idee?

"Das hätte mich gefreut. Ich wäre - glaube ich - der erste Kurde in Deutschland, nach dem eine Straße benannt worden wäre. Ich hätte es aber cool gefunden, wenn sie die Straße nicht Haftbefehl-Straße genannt hätten, ich wäre eher für Aykut-Anhan-Allee gewesen. Das hört sich feiner an. Haftbefehl-Straße, das hört sich albern an. Aber Aykut-Anhan-Allee, das wäre schon viel cooler. Hat leider nicht geklappt, vielleicht beim nächsten Mal."

hessenschau.de: Noch eine Haftbefehl-Botschaft zum Schluss?

"Besonders jetzt zur Corona-Zeit hat man doch gesehen, dass wir uns nicht trennen sollten - wir haben doch ein Zeichen bekommen. Wir sollten zusammenhalten. Vielleicht ist es auch eine Strafe von Gott, weil wir uns immer so fertig machen. Jeder soll seine Religion leben wie er will, oder gar keine Religion leben und an nichts glauben - aber versuchen, ein guter Mensch zu sein."

Die Fragen stellte David Gern. Die Reportage "Haftbefehl - Ein Tag mit dem Rap-Superstar" sehen Sie in der ARD-Mediathek.

Sendung: Das Erste, ttt, 25.04.2021, 23.00 Uhr