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Audioseite Reisetrend Solo-Traveling

Tanja Petri in ihrem Bulli

Ein Solo-Trip als Abenteuer: Für viele Menschen ist es inzwischen etwas ganz Normales, alleine unterwegs zu sein - ganz weit weg oder direkt vor der eigenen Haustür in Hessen. Fünf Alleinreisende erzählen von Allmachtsgefühlen und Single-Frust.

In der Coronazeit hat sich der Trend zum Alleinereisen noch einmal verstärkt. Das zeigt eine Umfrage eines europäischen Online-Reiseunternehmens aus dem vergangenen Jahr. 38 Prozent der Deutschen, also mehr als jeder Dritte, gaben an, bei der nächsten Reise am liebsten alleine aufzubrechen. Vor Corona wäre nicht mal ein Viertel im Alleingang verreist. 

Als Gründe wurden in einer früheren Umfrage desselben Unternehmens häufig die große Entscheidungsfreiheit genannt und die Möglichkeit oder Notwendigkeit, neue Menschen oder sich selbst kennenzulernen. 33 Jahre ist für deutsche Reisende demnach das "perfekte Durchschnittalter" für einen Solo-Trip. Hier erzählen fünf Hessinnen und Hessen von ihren Erfahrungen.

Tanja Petri (30) aus Münzenberg-Gambach reist im eigenen Bulli

"Mit meinem Ex-Freund bin ich total viel gereist. Das ist dann während Corona auseinandergegangen. Ich habe die Zeit in der Kurzarbeit genutzt und mir einen Bulli gekauft und den ausgebaut. Damit bin ich jetzt total flexibel. Am Anfang habe ich erstmal Wochenendtrips gemacht. Ich gehe gerne wandern und war viel im Taunus unterwegs und im Vogelsberg, da komme ich ursprünglich her. Deswegen bin ich vielleicht auch so naturverrückt.  

Junge Frau schenkt sich neben ihrem ausgebauten Van ein Glas ein.

Mit dem Van kann ich einfach eine Nacht irgendwo bleiben. Ich fühle mich dabei total sicher. Ich habe ja quasi mein kleines Zuhause dabei. Und wenn ich morgens aufwache, höre ich nur die Vögel zwitschern. 

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„Ich habe mein kleines Zuhause dabei“ Tanja Petri Tanja Petri
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Für mich ist allein unterwegs sein ein Gefühl von Freiheit. Man muss sich nach niemandem richten. Und man wächst über sich hinaus. Ich bin nicht so extrovertiert, aber man lernt trotzdem überall Leute kennen. Wenn ich einen Stellplatz gefunden habe, dann schaue ich, wer links und rechts neben mir steht. Manchmal isst man dann zusammen, schaut dem Sonnenuntergang zu oder tauscht sich zu Tipps in der Umgebung aus.  

Ich genieße aber auch oft ganz allein meine Ruhe. Ich muss nicht zu den krassesten Sehenswürdigkeiten fahren. Wenn ich mit dem Van unterwegs bin, dann orientiere mich in der Umgebung und halte da an, wo es schön ist. Jetzt fahre ich das erste Mal ins Ausland, bis nach Slowenien."

Margot Flügel-Anhalt (67) aus Sontra macht lange Motorrad-Reisen

Ältere Frau mit Kopftuich in der Wüste, im Hintergrund ein Motorrad.

"Ich bin schon als Jugendliche allein unterwegs gewesen - per Auto-Stopp oder mit dem Fahrrad. Meine letzten großen Reisen waren 2019 mit dem Motorrad von Nordhessen nach Zentralasien und über den Iran zurück und später drei Monate lang mit dem alten Benz nach Südostasien. Da war ich fast die ganze Zeit allein unterwegs. Bei solchen Touren stößt man natürlich auch auf Schwierigkeiten - zum Beispiel technische Pannen. Aber man findet immer irgendwo Hilfe.  

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„Es bringt unvergessliche Begegnungen mit sich“ Margot Flügel-Anhalt Margot Flügel-Anhalt
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Die Leute sind es nicht unbedingt gewohnt, dass eine Frau allein reist, auch noch in meinem Alter. Das bringt immer ganz viele wunderbare Begegnungen mit sich. So habe ich jeden Tag neue Menschen kennengelernt. Einige von denen werden mir für immer in Erinnerung bleiben.  

Über Facebook begleiten mich inzwischen einige Fans. Das ist schön, aber manche wollen unbedingt mitfahren, da muss ich leider immer absagen. Ich breche allein auf, um diese Herausforderung des allein Reisens wirklich wahrnehmen zu können. Da kann ich mich hinter niemandem verstecken. Gelangweilt oder einsam bin ich nie. Und ich komme auch nie zurück ohne den Plan für eine neue Reise allein."

Videobeitrag

Video

zum hr-fernsehen.de Video Die Abenteuerin Margot Flügel-Anhalt fährt auf dem Motorrad um die halbe Welt

Frau auf Motorrad in weiter Landschaft
Ende des Videobeitrags

Nicolas Weber (28) aus Heusenstamm war ohne Vorab-Buchung und Smartphone in Griechenland

"Ich war zwei Wochen lang allein auf griechischen Inseln unterwegs. Ich war spät dran mit dem Planen, und es hatte keiner Zeit. Ich dachte mir dann, ich mache eigentlich gerne Sachen alleine, warum nicht auch Urlaub. Ich bin allerdings ein ziemlicher Härtefall. Ich war ganz ohne Smartphone unterwegs. Ich hatte nur den Flug gebucht und das war's. Kein Auto, keine Unterkunft.  

Junger Mann in Unterhemd vor einer Felsenküste

Vor Ort ging's dann los mit Rumfragen: Wo fahren hier die Taxis, und finde ich noch jemanden, um mir die Kosten zu teilen? Meine erste Unterkunft habe ich auch durchs Rumfragen gefunden. Da habe ich gemerkt, dass die Leute das nicht gewohnt waren. 

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„Ich hatte dieses 'König-der-Welt'-Gefühl“ Nicolas Weber Nicolas Weber
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Ich war tatsächlich viel allein. Die Inseln sind kein klassisches Backpacker-Ziel. Sonst hätte ich vielleicht mehr Leute kennengelernt. Ich saß schon manchmal abends im Restaurant und habe mir gedacht, jetzt noch jemand zum Unterhalten wäre nett.

Aber es gab auch viele extrem schöne Momente, in denen ich in wunderschöner Natur unterwegs war und überhaupt niemanden vermisst habe. Einen Tag bin ich zum Beispiel zu einer alten Akropolis. Ich habe Archäologie studiert und finde Ausgrabungen extrem spannend. Ich bin drei Stunden lang den Berg hochgekraxelt. Da hätte jetzt vielleicht auch nicht jeder Lust drauf gehabt. Die Aussicht war genial. Ich stand da oben und hatte ein bisschen dieses 'König-der-Welt'-Gefühl. Ich dachte mir, ok, das ist allein auf meinem Mist gewachsen, dass ich hier bin."

Fabienne Pansa (28) aus Frankfurt fuhr allein nach Venedig

Junge Frau in grünem Kleid an einer Brücke in Venedig

"Ich habe total gute Erfahrungen mit dem Alleinereisen gemacht. Die coolste Reise war letztes Jahr nach Venedig. Ich bin eine passionierte Fotografin, und fürs Fotografieren ist es einfach toll, alleine unterwegs zu sein. Ich muss immer erst mal die richtige Kameraeinstellung finden. Und wenn ich allein bin, dann sagt mir keiner, ich müsse mich beeilen.  

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„Ich kann ganz in Ruhe meine Fotos machen“ Fabienne Pansa Fabienne Pansa
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Eines Morgens bin ich zum Beispiel schon um 6 Uhr los, weil ich die schönen Fotospots ohne Touristen haben wollte. Gegen 10 Uhr hatte ich meine Fotos im Kasten und habe mich mit meinem Frühstück ans Wasser gesetzt. Die Gondeln sind vorbeigefahren, und die Sonne strahlte aufs Wasser. Da ist mir das Herz aufgegangen. Und ich konnte das für mich genießen.  

Ob ich mich allein gefühlt habe? Nö, gar nicht. In einer Gruppe ist immer jemand, auf den du achten musst. Der eine muss aufs Klo, der andere hat keine Lust auf Sightseeing ... Und übers Fotografieren komme ich auch immer in Kontakt mit Leuten. Ich frage immer mal, ob jemand ein Foto von mir macht. In Venedig habe ich so eine total nette Freundin kennengelernt, die ich immer noch habe. Ich würde es jederzeit wieder so machen. Wirklich, in Venedig, da hätte ich niemanden mit dabei haben dürfen." 

Alexander Keil (31) aus Frankfurt flog ohne seine Freundin nach Australien

Junger Mann mit Basecap an einem Strand

 "Ich bin 2019 das erste Mal alleine gereist. Ich habe das auch auf Drängen meiner Freundin gemacht. Das war in einer Zeit, als bei uns in der Beziehung nicht alles so rund lief. Und dann bin ich für drei Wochen nach Australien. Ich habe sehr gerne Leute um mich und hatte ein bisschen Angst vor dem Alleinsein.  

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„Es kann eine Beziehung weiterbringen“ Alexander Keil Alexander Keil
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Ich habe aber total tolle Erfahrungen gemacht, viel leichter Leute kennengelernt, als ich mir das ausgemalt hätte und auch das Alleinsein tatsächlich genossen. Deshalb habe ich mich auch entschieden, das wieder zu machen und bin letztes Jahr fünf Tage lang auf dem Rhein-Burgen-Weg gewandert, mit zehn, zwölf Kilo Gepäck, Zelt und Schlafsack. Da war ich wirklich nur für mich und musste mich viel mehr mit meinem Körper auseinandersetzen, also: Wie viel schaffe ich überhaupt? Ich bin immer so 15 bis 25 Kilometer am Tag gelaufen, mit bis zu 800 Höhenmetern. Manchmal hatte ich das Gefühl, mir brechen gleich die Schultern zusammen, eigentlich will ich nicht mehr. 

Aber ich musste natürlich weiterlaufen. Bei einigen Etappen bin ich aus dem Staunen gar nicht rausgekommen. Aber als ich viel durch den Wald gelaufen bin, habe ich irgendwann Langeweile bekommen. Da habe ich ganz neu gelernt, das zuzulassen und auszuhalten. Das war so eine coole Erfahrung, dass ich das gerne dieses Jahr wieder machen würde."

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