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Audioseite "Ich hab 'ne geile Botschaft und möchte, dass viele Leute sie mitbekommen"

Pfarrerin und Imam mit Smartphone in der Mitte

Ob Werbung oder Wahlkampf - wer Menschen erreichen will, muss in die Sozialen Medien. Auch Geistliche verschiedener Glaubensrichtungen verbreiten ihre Botschaften über Instagram. Aber wie funktioniert Glaube dort? Zwei sogenannte "Sinnfluencer" erzählen.

Die einen werben für Beautyprodukte, die anderen für ihren Glauben. Als sogenannte "Sinnfluencer:innen" nutzen auch Geistliche Plattformen wie Instagram, YouTube und Co. Zwei von ihnen sind Imam Imtiaz Shaheen und die evangelische Pfarrerin Jessica Hamm. Sie berichten von digitalen Andachten, dem Kampf gegen Kirchenaustritte, gegen Radikalisierung - und von intensiven Gesprächen, die nur analog stattfinden können.

Andacht via Instagram

Jessica Hamm im Talar

"Wir feiern heute Abend diesen Instapuls im Namen Gottes" - so klingt es, wenn Jessica Hamm zur digitalen Andacht einlädt. Es ist Dienstagabend. Hamm hält das Gesicht in die Kamera ihres Smartphones. Bei ihrem "Instapuls" wird via Insta-Live gemeinsam gebetet und aus der Bibel gelesen. "Der Instapuls läuft genauso ab, wie eine normale Andacht. Das Herzstück sind die gemeinsamen Fürbitten. Während einer kleinen Musik dürfen alle in den Chat reinschreiben, was sie belastet und am Ende der Musik, bringen wir diese Fürbitten vor Gott. Das ist immer sehr anrührend."

Entstanden ist der Instapuls in Kooperation mit einem Kölner Pfarrer während des ersten Lockdowns. "Was ich sehr krass finde: Alle die mitfeiern sieht man nicht. Ich sehe auf dem Bildschirm nur mich. Das ist teilweise sehr viel mehr Gemeinschaft als vor Ort in der Kirche. Ich gehe da jeden Dienstagabend raus und habe ein volles Herz. Das ist echt meine Krafttankstelle für die Woche geworden."

Große digitale Gemeinde

Die 31-Jährige betreut nicht nur ihre drei analogen Gemeinden in Breithardt, Burg-Hohenstein und Steckenroth, sondern auch ihre 1.300 Seelen große Gemeinde auf Instagram. "Gemeinde ist viel mehr als die Leute, die sonntags in den Gottesdienst kommen oder die Leute, die auf dem Papier stehen und Kirchensteuer zahlen, sondern auch die, die sich als Teil der Gemeinschaft fühlen und dabei sein möchten, deshalb gibt es sie auch digital."

Jessica Hamm mit ihrem Smartphone

Über ihren Instagram-Kanal @kexkruemel versorgt sie ihre digitale Gemeinde mit Feedposts zu persönlichen Themen wie Depressionen oder Essstörungen, aber auch zu theologischen Fragen. Seit vier Jahren gibt es ihren Account und die Community wächst stetig. Das Besondere an Instagram sei, dass man mit Menschen in Kontakt komme, die sonst nicht in der Kirche sind, "also gerade die Generation, die aus der Kirche austritt und genau diese Menschen treffen wir da und denen können wir zeigen, dass Kirche anders ist, als sie sich vielleicht vorstellen und dass es doch noch Leute in der Kirche gibt, die sie auch im Blick haben und etwas für sie tun."

Von Trolls, Hetze und Skepsis

Während ihres Theologie-Studiums in Marburg findet Hamm Zugang zur digitalen Kirche. Heute stößt sie trotz der Pandemie und der notgedrungenen Digitalisierung der Kirche immer wieder auf Skepsis. "Für viele ist das immer noch dieses Zwischending, bis Kirche wieder richtig geht. Das finde ich schade. Ich finde das sollte ein nebeneinander sein von digital und analog, weil beides Vor- und Nachteile hat und sich beides gegenseitig befruchten kann."

Doch nicht nur die Haltung einiger Kolleginnen und Kollegen, auch Trolls, Fake News und Hetze im Netz erschweren ihr die Arbeit. "Mit manchen kann man nicht diskutieren, die so verschrobene Ansichten haben, die würden mir so in der Gemeinde nicht über den Weg laufen." Doch Hamm bleibt dabei. "Wenn nur ein einziger Mensch durch das, was ich auf Instagram mache, mit den Themen in Kontakt bleibt und einen Weg zu Gott findet, wenn das nur einen einzigen Menschen berührt, dann ist das richtig und gut was ich mache und dann mache ich das auch weiter."

Ein Imam als "Sinnfluencer"

Imam Imtiaz Shaheen mit seiner Jinnah Cap vor seiner Moschee

Auch Imam Imtiaz Shaheen kennt diese Schwierigkeiten. Er sitzt in seinem Büro in der Nuur-Moschee in Frankfurt und scrollt durch seine letzten Feedposts. Er rückt seine traditionelle Jinnah Cap zurecht. "Es ist oft ungefiltert, was an die Menschen gelangt. Die, die für Radikalisierung anfällig sind, sind ja Menschen, die selbst nicht dagegen gewappnet sind. Es ist ganz einfach sie dafür zu gewinnen. Das ist auch die größte Gefahr, dass jemand der keine Erfahrung hat und das Wissen nicht besitzt, ganz leicht beeinflusst werden kann."

Umso wichtiger sei es deshalb, seine Followerinnen und Follower aufzuklären. Ein Imam als "Sinnfluencer" - das hätte sich Shaheen in seiner Jugend nicht vorstellen können "Als ich klein war, gab es immer diesen Imam, der auf dem Podest steht und die Predigt hält. Man ist dann hingegangen, hat ihn begrüßt und um ein Gebet gebeten. Das war es dann auch schon. Aber niemals hätte man sich vorstellen können, ihn ganz normal anzusprechen oder einfach mal mit ihm zu chillen und das ist durch Social Media möglich."

Vertrauensperson und Seelsorger

Der Feed des 33-Jährigen zeigt Challenges, Gebete und Q&As. "Auf Instagram habe ich gemerkt, dass das Publikum ein anderes ist. Oftmals Jugendliche, die sich nicht trauen zu sprechen, die dann ihre Fragen anonym stellen können und ich beantworte sie." Vor allem bei Themen zur Sexualität sei diese Anonymität wichtig. "Viele Eltern schämen sich, darüber mit ihren Kindern zu sprechen".

Imam Imtiaz Shaheen mit seinem Smartphone

Auf Instagram ist Shaheen nicht nur Imam, sondern auch Vertrauensperson und Seelsorger. "Früher sind wir in die Bibliothek gegangen, haben Bücher ausgeliehen, wollten etwas erfahren, heutzutage, wenn jemand irgendeine Frage im Leben hat, wird er Instagram oder Youtube öffnen und dort einen Suchbegriff eingeben. Deshalb ist es unvermeidbar, dass wir dort sein müssen."

Intensive Gespräche lieber analog

Über seinen Kanal erreicht Imam Shaheen auch Menschen, die er nicht in der Moschee trifft. "Das baut Brücken. Das ist einfach eine Plattform, wo Menschen, die sich vielleicht nie trauen in eine Moschee zu gehen oder mit Muslimen zu sprechen, die Möglichkeit haben Informationen aus erster Hand zu bekommen und Fragen zu stellen."  Seit 2014 ist der Imam aktiv auf Instagram. Angefangen hat alles mit privaten Fotos. Heute hat er 1.100 Followerinnen und Follower.

Trotzdem könne Social Media die Treffen in der Moschee nicht ersetzen. Zwar sei es wichtig, um die junge Generation zu erreichen, aber intensive Gespräche könne man über Instagram nicht führen. "Über Chats kann so vieles falsch verstanden werden und Missverständnisse. Da weiß ich schon, wo ich einen Cut mache und frage, ob wir uns nicht mal treffen, um ein persönliches Gespräch zu führen."

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