Portrait Richy Müller

Ob im "Tatort" oder im Sommer wieder auf der Bühne der Bad Hersfelder Festspiele: Richy Müller taucht stets mit vollem Einsatz in seine Rollen ein. Das ist nicht nur hart für ihn selbst, wie der Schauspieler im Interview verrät.

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Richy Müller spielt Hauptrolle bei den Bad Hersfelder Festspielen unter der Regie von Intendant Joern Hinkel

Richy Müller und Jörn Hinkel lächeln in die Kamera.
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Richy Müller kehrt im Sommer auf die Theater-Bühne nach Hessen zurück. 2016/2017 spielte er bei den Bad Hersfelder Festspielen unter Regisseur Dieter Wedel in "Hexenjagd" einen kaltblütigen Inquisitor. In dieser Saison bekleidet er die Hauptrolle im Eröffnungsstück "Notre Dame".

Bei einem Besuch in der Festspielstadt sprach der junggebliebene 66-Jährige mit uns über den Reiz der Rolle, sein Abtauchen beim Einstudieren und über sich als Star zum Anfassen.

hessenschau.de: Sie sind ein beliebter Schauspieler, seit vielen Jahren gut im Geschäft, haben es zum "Tatort"-Kommissar in der ARD gebracht. Wie erklären Sie sich den Erfolg und Ihre Popularität beim Publikum?

Müller: Es gibt auch Menschen, die sagen: "Ey Martin!" - weil sie denken, dass ich Martin Semmelrogge bin (lacht).

hessenschau.de: Von der Körpergröße her liegen Sie beide tatsächlich nicht weit auseinander.

Müller: Ich bin 1,68 Meter groß. Ich war mal um die 1,70 Meter groß. Mittlerweile bin ich aber geschrumpft.

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Zur Person

Hans-Jürgen, genannt Richy Müller (66) spielt in der ersten Liga der deutschen Film- und Bühnenschauspieler. Der Durchbruch gelang ihm bereits 1979 im TV-Dreiteiler "Die große Flatter". Er wirkte in zahlreichen Krimis mit und spielte in namhaften Produktionen wie "Die Affäre Semmeling", "Das Superweib", "Die Wolke" und "Die Apothekerin". In Hollywood stand er für den Action-Film "Triple X" vor der Kamera.

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hessenschau.de: Aber trotzdem sind Sie groß im Geschäft, oder?

Müller: Ich bin demütig, dass ich mit dem Beruf mein Geld verdienen kann - und glücklich, dass mir vor 46 Jahren jemand empfohlen hat, auf eine Schauspielschule zu gehen. Ich habe sicher ein Grund-Talent.

hessenschau.de: Ständige und vor allem glaubhafte Rollenwechsel - wie stellen Sie das an?

Müller: Es ist nicht meine Art, mir Rollen überstülpen zu lassen. Ich muss sie in mir finden, damit man sie mir glaubt. Mittlerweile weiß ich, dass ich schauspielen kann. Aber ich bilde mir nichts darauf ein.

hessenschau.de: Wie gehen Sie mit ihrer Popularität um?

Müller: Ich bin ein Menschen-Freund. Wenn mich Leute erkennen und ansprechen - natürlich machen wir dann ein Foto. Ich nehme sie gern in den Arm. Ich bin jemand, der die Menschen berührt. Ich glaube, das spürt man. Ich fühle mich aber als nichts Besseres. Ich bin ein Arbeiter-Kind, gelernter Werkzeug-Macher. Aber mit einem IQ von 137. Ich habe neulich einen Test gemacht und konnte es kaum glauben. Aber wenn mal niemand mehr kommt und ein Foto mit mir möchte, werde ich auch nicht unglücklich. Meine Frau macht mein Leben glücklich.

Richy Müller und Ehefrau Christl Stumhofer

hessenschau.de: Und wie lange gehen Sie im ARD-"Tatort" noch auf Verbrecherjagd?

Müller: Solange mich die Leute sehen wollen und ich es körperlich schaffe - und die Drehbücher gut sind.

hessenschau.de: Seit 2007 ermitteln Sie in Stuttgart, seit Jahrzehnten haben Sie in Film und Fernsehen Erfolg. Wie machen Sie das? Eiserne Disziplin?

Müller: Das kann ich nicht erklären, aber ich kann sagen: Ich setze mich schon lange nicht mehr unter Druck. Sonst verkrampft man. Ich versuche, die Rolle zu spüren, wenn ich in Proben bin. Dann tauche ich regelrecht ab - meine Frau leidet etwas darunter. Wenn ich auf der Bühne stehe, muss ich es mit Haut und Haaren machen. Das ist meine Art, mich dem hinzugeben. Wenn ich was mache, dann mit 120 Prozent.

Thorsten Lannert (Richy Müller) versucht zu verhindern, dass der Überfall im Supermarkt eskaliert.

hessenschau.de: Mitte Mai ist Probenbeginn in Bad Hersfeld, am 1. Juli dann die Uraufführung von "Notre Dame" mit Ihnen in der Hauptrolle des zerrissenen Schurken Claude Frollo. Sie sind der Gegenspieler von Quasimodo im Ringen um die Gunst der schönen Esmeralda.

Müller: Ich bin sehr aufgeregt und habe Respekt vor der Rolle, weil es eine vielfältige Figur ist, der ich gerecht werden will. Ich muss ihren sympathischen Kern finden. Sonst können die Zuschauer ihr nicht folgen und lehnen sie mangels Sympathie ab. Das ist eine große Aufgabe.

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"Notre Dame" als Uraufführung in Bad Hersfeld

Intendant und Regisseur Joern Hinkel wird gemeinsam mit dem Dramaturgen Tilman Raabke eine eigene Fassung des weltberühmten Romans "Der Glöckner von Notre-Dame" präsentieren. Victor Hugos Buch erschien 1831 unter dem Titel "Notre-Dame de Paris. 1482" und wurde ein Bestseller. Er gehört mit seiner poetischen Sprache zu den bedeutendsten Werken der Weltliteratur. Viele kennen den Klassiker aus dem 1956 gedrehten Film mit Gina Lollobrigida als Esmeralda und Anthony Quinn als Quasimodo. Bei den Bad Hersfelder Festspielen wird die Liebesgeschichte der beiden nur ein Teil der Inszenierung sein.

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hessenschau.de: Herr Hinkel, und für diese Aufgabe haben Sie als Intendant und Regisseur Richy Müller ausgewählt. Wieso?

Hinkel: Es ist ein Phänomen. Richy Müller betritt die Bühne und erfüllt den Raum. Aber das genau ist ein Teil seines Geheimnisses. Er ist in der Lage, in seine Rollen einzutauchen, ohne sich zu verstellen. Man kann ihm auf der Bühne beim Denken und Fühlen zusehen. Proben bedeutet für ihn, allmählich alles Überflüssige, allen Zierrat wegzulassen, um zur Essenz der Rolle vorzudringen.

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Zur Person

Joern Hinkel (51) ist im Festspielteam seit 2018 Intendant der Bad Hersfelder Festspiele. Er trat als Stellvertreter die Nachfolge von Filme-Macher Dieter Wedel an, der den Festspielen als Intendant zu einem großen Popularitätsschub verhalf. Hinkel pflegt als Intendant auch die Eröffnungsstücke der jeweiligen Saison zu inszenieren. Im Vorjahr überzeugte er mit "Der Club der toten Dichter".

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hessenschau.de: Wieso sollte man sich im Sommer "Notre Dame" in Bad Hersfeld anschauen?

Hinkel: Ich kreise schon sehr lange um diesen Roman. Schließlich bin ich immer auf der Suche nach Stoffen, die in die Stiftsruine passen. Äußerlich betrachtet steht auch hier eine Kathedrale im Mittelpunkt des Romans. Aber es geht auch um andere Themen, die in solch einem religiösen Bau abgehandelt werden.

hessenschau.de: Worum geht's für Sie?

Hinkel: Das Stück ist ein Plädoyer gegen Rassismus, gegen Ausgrenzung von Andersdenkenden und Fremden. Das kommt leider immer wieder aktuell vor. Es wird ein aufregendes, abenteuerliches und vielfarbiges Stück. Es ist auch eine Geschichte über verschiedene Tonarten von Liebe, wie ich sie selten so differenziert gesehen habe. Es gibt vier bis fünf Liebesgeschichten. In Filmen wird es meist stark reduziert auf Quasimodo und Esmeralda. Aber es sind vier Männer, die um eine Frau buhlen.

hessenschau.de: Und das gibt es dann sogar auch als Kinder- und Familienstück? "Der kleine Glöckner" feiert am 8. Juli Premiere.

Hinkel: Wir wollen es in einer zweiten Produktion parallel so auf die Bühne bringen, dass es für junge Menschen geeignet ist. Aus unserer bestehenden Inszenierung für Erwachsene werden wir bestimmte Teile herauskürzen und durch einen Erzähler verbinden und überbrücken lassen, so dass die jungen Zuschauer das gleiche Stücke mitbekommen.

hessenschau.de: Sie planen in der Stiftsruine nach den Begrenzungen durch Corona nun wieder mit voller Bestuhlung?

Hinkel: Die Stadt Bad Hersfeld hat früh entschieden, dass wir wieder die vollen 1.300 Plätze verkaufen. Ich bin zuversichtlich. Wir spielen schließlich Open Air. Wir haben auch in den vergangenen Jahren gelernt, wie man mit unvorhergesehenen Situationen umgeht, spontan und flexibel reagiert. Aber es ist zu früh, um eine Prognose für den Sommer zu wagen. Der Vorverkauf läuft schon mal besser als im Vorjahr. Viele Menschen sind geimpft. Vielleicht wird man noch Maske tragen müssen. Ich hoffe es aber nicht.

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Programm

Das Programm für die Bad Hersfelder Festspiele steht noch nicht komplett. "Wir werden noch einige Programm-Punkte veröffentlichen", sagte Hinkel. Es wird noch kleinere Theater-Produktionen im Kapitelsaal und auf der Probenbühne geben. Bekanntgegeben werden noch weitere Veranstaltungen für das Rahmenprogramm und Konzerte.
Fix im Programm ist neben "Notre Dame" und der zugehörigen Familien-Fassung auch das Stück Volpone (ab 9. Juli in Schloss Eichhof). Wiederaufgenommen werden "Der Club der toten Dichter" und das Musical "Goethe!" aus dem Vorjahr.

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Das Gespräch führte Jörn Perske.

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