Römerkastell Saalburg

In der Theorie kennen sich Archäologen bestens aus. Wie und warum manche Fundstücke gebaut und gebraucht wurden, darüber wissen Wissenschaftler aber oftmals wenig. Im Römerkastell Saalburg setzt man deshalb auf experimentelle Archäologie.

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Archäologen gewinnen neue Erkenntnisse über römische Fundstücke

Römerkastell Saalburg
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Barfuß über kalten Steinboden laufen? Geht gar nicht! Das dachten sich wohl die Römer vor knapp 2.000 Jahren - und entwickelten eine Fußbodenheizung, zuerst für ihre Thermen, später auch für Wohnhäuser. Sie stellten dafür spezielle hohle Ziegel her, sogenannte Tubuli. Diese verbauten sie hinter der Boden- oder Wandverkleidung von Gebäuden zu einer Art Rohrsystem, durch das warme Luft strömen und die Räume erwärmen konnte.

Wie genau die Römer diese Ziegel herstellten, wollen jetzt Archäologen vom Römerkastell Saalburg bei Bad Homburg herausfinden. Seit einigen Jahren setzen sie verstärkt auf experimentelle Archäologie, um neue Erkenntnisse über die Römer im Taunus zu bekommen. Sie überlegen nicht nur, welchen Zweck Fundstücke aus der Römerzeit wohl erfüllt haben, sondern bauen sie nach, möglichst mit den Werkzeugen aus der jeweiligen Zeit, und probieren sie anschließend aus.

Nachmachen, ausprobieren - und auch mal scheitern

Dabei heißt die Devise oftmals "try and error". Die Ziegel-Forschergruppe, der auch Studierende der Frankfurter Goethe-Universität angehören, muss zum Beispiel erst einmal das richtige Verhältnis zwischen Lehm und Wasser finden, bevor die Produktion starten kann. Für die originalgetreue Weiterverarbeitung wird die Mischung anschließend mit den Füßen in einem Zuber bearbeitet, zu einem Rechteck gepresst, um eine Holzform gewickelt und getrocknet. Gebrannt wird der Ziegel in einem nachgebauten Römerofen.

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Das Ergebnis? Ausbaufähig. "Wir haben festgestellt, dass wir das einigermaßen hinkriegen, an den handwerklichen Fertigkeiten aber noch ein bisschen arbeiten müssen", erzählt Projektleiter Rüdiger Schwarz. Will heißen: Die Ziegel sind teilweise krumm oder nicht ganz dicht und damit unbrauchbar für eine römische Heizung.

Auch wenn die nachgebauten Ziegel noch nicht ideal sind - das Projekt liefert den Wissenschaftlern interessante Erkenntnisse. Schwarz vermutet, die römischen Ziegelbauer seien hochspezialisiert gewesen, möglicherweise habe es sogar eine Art "Fertigungsstraße" gegeben, bei der jeder Handwerker nur einen Arbeitsschritt machte, um schnell und effektiv zu produzieren.

"Möchten besser verstehen, wie sie gelebt haben"

Es ist nicht das erste Mal, dass die Fertigkeiten der Römer den Museumspädagogen überraschen. Auch bei den römischen Äxten braucht es erst einen Selbstversuch, um die Idee dahinter zu verstehen. "Ich fand immer, diese Äxte sehen so aus, als ob man sie nicht richtig benutzen kann", so Schwarz. Also baut er ein Exemplar nach - mit einem Stiel aus elastischem Haselnussholz und einem aus heutiger Sicht ungewöhnlich geformten Kopf, der von oben statt unten in den Schaft eingeführt wird.

Römerkastell Saalburg

Im Praxistest zeigt sich: Das Haselnussholz federt leicht und fängt dadurch den Rückschlag ab. Durch das Schäften von oben muss der Kopf außerdem nicht verkeilt werden, was ein schnelles Zerlegen der beiden Teile möglich macht. So passte die Axt besser ins Marschgepäck der Römer. Es sind kleine Erkenntnisse, die die archäologischen Experimente liefern. Für die Wissenschaftler sind sie trotzdem wichtig, wie Schwarz erklärt. "Wir möchten besser verstehen, wie die Leute gelebt haben. Und damit können wir auch unseren Besuchern immer was Neues erzählen."

Eine Werkbank gab Rätsel auf

Ein anderer Fund gab den Archäologen jahrelang Rätsel auf: ein über zwei Meter langes, gut konserviertes Holzbrett, das im frühen 20. Jahrhundert in einem Brunnen der Saalburg gefunden wurde. Die Wissenschaftler finden zwar schnell heraus, dass es Teil einer Werkbank aus dem 2. Jahrhundert war. Aber warum darin ein quadratisches Loch eingelassen war, verstehen sie lange nicht.

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Erst als sie den US-amerikanische Holzhandwerker Christopher Schwarz im fernen Kentucky bitten, die Werkbank nachzubauen, finden die Forscher eine mögliche Erklärung für das Loch: Die Römer führten einen Holzbalken mit einer Art Gabelung durch die quadratische Aussparung. Dazwischen konnten sie auch ohne moderne Schraubzwingen ein Brett einklemmen.

Dass die Römer auf einer so einfachen Werkbank gearbeitet haben, begeistert den Tischler aus Übersee: "Wenn du römische Holzarbeiten anschaust, dann wird deutlich, dass die römischen Handwerker mindestens so begabt, wenn nicht sogar besser waren als Holzarbeiter heutzutage." Er selbst habe schon einige der römischen Werkbänke gebaut für Kollegen und für sich selbst und liebe es, darauf zu arbeiten. Vielleicht kann auch das ein Nebeneffekt der experimentellen Archäologie sein - sich etwas von den Überlegungen der Römer abzuschauen.

Sendung: hr2, hr2 am Nachmittag, 08.03.2021, 16:15 Uhr