Riccardo Sahiti als Dirigent im Einsatz.
Riccardo Sahiti dirigiert die Roma- und Sinti-Philharmoniker. Bild © Imago

Wenn am Dienstag im Staatstheater in Wiesbaden das "Requiem für Auschwitz" erklingt, ist das auch ein Verdienst von Riccardo Sahiti. Er hat die Roma- und Sinti-Philharmoniker gegründet, um zu zeigen: Es geht auch anders.

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Die Sache mit diesem Requiem, sagt Riccardo Sahiti, "das hätte platzen können". Noch bis vor wenigen Wochen fehlte das Geld für das Konzert, rund 75.000 Euro. "Aber ich habe gesagt: Ich versuche es weiter, bis Ende April!" Er blieb dran.

Und dann berichteten die ersten Medien, dass das Konzert der Roma- und Sinti-Philharmoniker in Wiesbaden auf der Kippe steht, und baten um Spenden. Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) ließ seine Kontakte spielen. Und es gab ein Happy End: An diesem Dienstag führt das Orchester zum ersten Mal das "Requiem für Auschwitz" in Wiesbaden auf, geschrieben von dem Sinto Roger Moreno-Rathgeb. Das Ganze geschieht im Rahmen der zentralen Gedenkfeier für Sinti und Roma.

Ein Geistesblitz führte zum Orchester

Eine Geschichte, die typisch ist für das Roma- und Sinti-Orchester. Und für seinen Dirigenten, Riccardo Sahiti. "Ich denke nicht: Oh, wie traurig, ich bin Rom, ich habe keine Chance", sagt er. Auch wenn man alles verloren habe, komme irgendwann ein Licht, das einen zurückführe ins Leben, so sei das eben.

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Konzert in Wiesbaden

Requiem für Auschwitz mit Roma- und Sinti-Philharmonikern und Gesangssolisten. Komponist: Roger Moreno-Rathgeb, Musikalische Leitung: Riccardo Sahiti. Termin: 19. Juni, 20 Uhr, Hessisches Staatstheater Wiesbaden, Großes Haus

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Bei Sahiti war ein solches Licht damals, Anfang des Jahrtausends, ein Geistesblitz seiner Frau. Sahiti stand vor dem Nichts. Seit 1992 war er zum Musik-Studium in Frankfurt, zuvor hatte er in Moskau und Belgrad studiert. Seine Eltern zu Hause im damaligen Serbien, heutigen Kosovo, hatten im Krieg alles verloren, zurück ging es nicht. Nun suchte er eine Anstellung als Dirigent. Aber trotz sehr guter Referenzen klappt es nicht.

Bis seine Frau sagte: "Du kannst jetzt entweder den Rest deines Lebens mit Bewerbungen verlieren oder du beschäftigst dich mit den Roma. Du bist Musiker, du bist Rom, und du wirst weitere Roma finden, die Musiker sind." Sahiti machte sich auf die Suche und wurde fündig: in Frankfurt, Darmstadt, Wiesbaden, Eisenach, Jena, Wien, Leipzig, Bukarest, Budapest, Finnland. Das erste berufliche Orchester überhaupt, das sich allein aus Musikern aus der Volksgruppe der insgesamt zwölf Millionen Roma und Sinti zusammensetzte.

Zwei zentrale Botschaften

"Das sind Profis, die mit Musik Geld verdienen", wird Sahiti nicht müde zu betonen, denn darum geht es: Das Bild der Sinti und Roma neu zu definieren, wegzukommen vom Stereotyp der Menschen, die unter der Brücke schlafen, arm sind, vom Sozialamt und vom Betteln leben.

Stereotype, unter denen auch das Orchester mitunter selbst leidet. In Prag hatten sie einmal Schwierigkeiten, Kontrabasse zu leihen, weil das Musikgeschäft Angst hatte, sie brächten sie nicht zurück. "Dabei spielen unsere Bassisten in Wien an der Oper und bei den Philharmonikern", sagt Sahiti.

Die zweite Botschaft: Zeigen, was Roma und die anderen Völker Europas verbindet - und nicht, was sie trennt. "Man glaubt gar nicht, wie groß der Beitrag der Roma zur klassischen Musik ist", sagt Sahiti und zählt auf: Ludwig van Beethoven, Franz Liszt, Zoltan Kodaly, Richard Wagner, Antonin Dvorak, Pablo de Sarasate, Johann Strauß, Dimitri Schostakowitsch, Sergej Rachmaninow, Johannes Brahms – alle seien sie von Roma inspiriert gewesen, zumindest bei einzelnen Kompositionen. Dazu noch Giuseppe Verdi und Joseph Haydn und viele weitere. Der Fundus, aus dem die Roma- und Sinti-Philharmoniker schöpfen können, ist enorm.

Eine Totenmesse als Denkmal

Und seit sechs Jahren gibt es eine Konstante: das "Requiem für Auschwitz" von Roger Moreno-Rathgeb. Seit der Uraufführung 2012 in Amsterdam brachte das Orchester das Stück in Frankfurt, Berlin, Prag, Budapest, Krakau und Dresden auf die Bühne - nun auch in Wiesbaden.

Es ist ein gewaltiges Werk, acht Sätze, über eine Stunde lang. Entstanden ist es, als der Komponist Roger Moreno-Rathgeb bei einem Besuch in der Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau feststellte, dass dort nichts an die 500.000 Sinti und Roma erinnerte, die ebenfalls in den KZ der Nazis ums Leben kamen. Aus diesem Impuls heraus komponierte er die Totenmesse, ein lebendiges Denkmal für alle Opfer der Vernichtungslager.

"Wir sagen doch auch nicht: Die Deutschen werden uns alles klauen"

Es sei wichtig, das Erinnern wach zu halten, sagt Sahiti, damit sich die Geschichte nicht wiederhole. Angesprochen auf AfD-Chef Alexander Gauland und seine Äußerung, der Nationalsozialismus sei nur ein "Vogelschiss" in der deutschen Geschichte, sagt Sahiti: "Es ist schade, dass die Menschen so jemandem vertrauen. Ich frage mich, die 13 Prozent der Deutschen, die AfD wählen - wovor haben sie Angst?"

Schließlich hätten in der Geschichte stets die Roma am meisten verloren. Sahiti: "Und trotzdem sagen wir nicht: Die Deutschen werden uns alles klauen. Wir sagen: Es ist schön, zu leben und gemeinsam etwas zu schaffen."

"Die Freude ist Teil der Botschaft"

In den Pausen zwischen den Sätzen lesen Wiesbadener Kinder und Jugendliche die Namen und Lebensdaten von Sinti und Roma vor, die vor 75 Jahren von Wiesbaden aus nach Auschwitz gebracht wurden und nicht mehr zurückkamen.

Aber das Stück, zwar mitunter mit schweren Stellen, ist nicht nur hoffnungslos. Manche Teile klingen geradezu euphorisch. Sahiti sagt: "Die Freude ist Teil der Botschaft. Moreno hat nicht nur die Vergangenheit vertont, sondern noch mehr das Heute und das Morgen."

Bald stehen 600 Jahre Roma in Frankfurt auf dem Programm

Apropos Morgen: Als nächstes freut sich Sahiti schon auf den 29. September. Dann wird das Orchester mit ihm als Dirigent mit einem Konzert auf dem Frankfurter Römerberg "600 Jahre Roma in Frankfurt" feiern. Denn eine Urkunde bestätigt, dass am 29. September 1418 eine Roma-Musikgruppe in Frankfurt gespielt und dafür 70 Gulden erhalten hat. "Noch vor Martin Luther, vor der Entdeckung Amerikas, vor der Gründung Deutschlands waren die Roma hier", sagt Sahiti. Und zwar, wohlgemerkt: als Berufsmusiker.