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Audioseite "Filip" endlich wiederentdeckt

Tyrmand Bilder

1961 erschien in Polen Leopold Tyrmands autobiografischer Roman über Frankfurt im Zweiten Weltkrieg. 60 Jahre später erscheint er auf Deutsch. Endlich, denn er zeigt den Alltag im Nationalsozialismus aus einer ungewöhnlichen Perspektive.

Unser Wissen über die Zeit des Nationalsozialismus basiert vor allem auf den Hinterlassenschaften der Täter: Da sind zum Beispiel die Bilder von Jüdinnen und Juden an Bahngleisen, kurz vor der Deportation. Mit Koffern, Taschen, entwürdigenden Schildern um den Hals. Schwarzweißbilder, gemacht von Pressefotografen der Nazis, oder von SS-Leuten als "Leistungsnachweisfotos". 

Hinterlassenschaften der Opfer gibt es nicht mehr viele: Fotos oder andere Zeitzeugnisse, die Jüdinnen und Juden etwa für die Nachwelt aufheben wollten, sind häufig zusammen mit den Menschen vernichtet worden. 

Der Frankfurter Geschichte hat etwas gefehlt  

Einen ungewöhnlichen Einblick in den Frankfurter Alltag im Zweiten Weltkrieg bietet dagegen "Filip", ein autobiografischer Roman des polnischen Juden Leopold Tyrmand (1920-1985). Er überlebte die Shoah, indem er sich einen falschen Pass besorgte, freiwillig nach Frankfurt reiste und so "im Auge des Orkans", wie er als Romanfigur Filip schreibt, unentdeckt bleiben konnte.  

Tyrmand selbst war eine Zeit lang Kellner im Parkhotel in der Nähe des Hauptbahnhofs. In "Filip" beschreibt er den Alltag im Krieg aus seiner Perspektive. Einiges davon wurde schon oft beschrieben: der allgegenwärtige Antisemitismus und Rassismus, die Lebensmittelknappheit, die Bombenangriffe. Anderes kam bislang zu kurz: "Die eigenartige Lebenswelt, in der sich deutsche Bürgerlichkeit zusammentut mit propagandistischem Getöne und Karrieretum von Parteibonzen", wie es "Filip"-Übersetzer Peter Oliver Loew formuliert.

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"Filip" erscheint am 11. März in der Frankfurter Verlagsanstalt. hr2-kultur hat das Buch in gekürzter Form als Lesung produziert: Sie läuft vom 1. März bis 1. April jeweils um 9.04 und 14.30 Uhr in hr2-kultur und ist während des gesamten Sendezeitraums online auf hr2.de und in der ARD-Audiothek abrufbar.   

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Der Autor Tyrmand gebe außerdem Einblicke in die Grauzone zwischen dem offiziellen Deutschland aus den Parteiberichten und einer zweiten Welt - die Welt der Zwangsarbeiter, der Marginalisierten und auch der Kriminellen.

Nationalsozialismus in allen schrecklichen Farben  

Beide Welten treffen sich im Frankfurter Alltag: in Moslers Badeanstalt am Main zum Beispiel, in Kneipen oder bei einem Ausflug in den Taunus. "Filip" ist dem Frankfurter Alltag so nah, viele Details sind so akkurat beschrieben, dass die Geschichte des Nationalsozialismus damit nicht mehr in so weiter Ferne scheint wie sonst.  

"Man kennt so viele Bilder in Schwarzweiß", sagt der Schauspieler Samuel Weiss, der "Filip" als Lesung für hr2-kultur eingesprochen hat. Die Beschreibungen in Filip zeigten aber, wie das Leben in allen Farben weiterging und das sei völlig schockierend.

Für Marlene Breuer, Regisseurin der Lesung, macht gerade das den großen Reiz des Buchs aus: Durch die Art, wie die Figuren sprechen, könne man sich alles genau vorstellen, die ganze Körperlichkeit.  

Auch Opfer dürfen unsympathisch sein

Neben der neuen Perspektive auf Frankfurt bietet "Filip" eine erfrischende und menschliche Opferfigur. Filip ist kein "nur gutes" Opfer. Er ist ein Schelm in seinen Zwanzigern, der bei seinen diversen Frauengeschichten nicht immer gut wegkommt. Filip selbst würde sich überhaupt nicht als Opfer bezeichnen. Er ist enorm stark, analysiert die Nazis verachtend und führt seinen privaten Kleinkrieg gegen sie.  

"Guten Tag, Nibelungenspross", spricht er etwa heiter seinen deutschen Kollegen im Hotel an und fordert ihn zum Gläserspülen auf. Auf dessen weinerliche Antwort "Du polnische Rotznase, hast mir gar nichts zu befehlen", entgegnet Filip freundlich: "Na, willst du eine in die Fresse?"

Die "neue" Perspektive ist 60 Jahre alt  

Leopold Tyrmand

Trotz allem ist der Roman "Filip" 60 Jahre lang nicht ins Deutsche übersetzt worden. "Deutschland in den 1960er Jahren war immer noch ein Land, das sich schwertat, über diese Zeit zu erzählen", sagt Übersetzer Peter Oliver Loew. Zusammen mit Kolleginnen und Kollegen vom Deutschen Polen-Institut in Darmstadt hat er "Filip" vor drei Jahren neu entdeckt.

Leopold Tyrmands sowjetkritische Bücher wurden dagegen schon früher übersetzt. Diese Werke seien auch viel größere Erfolge in seinem Heimatland gewesen, argumentiert Joachim Unseld von der Frankfurter Verlagsanstalt, die "Filip" nun auf Deutsch veröffentlicht.

Aber auch er wundert sich, dass der Roman nicht schon viel früher nach Deutschland gekommen ist. Der berühmte Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki selbst hat ihn seinem Sohn ans Herz gelegt, aber offensichtlich nicht den deutschen Verlegern, die er selbstverständlich gut kannte.  

"War da was?" - Frankfurt im Nationalsozialismus 

"Filip" könnte auch zur Auseinandersetzung der Stadt Frankfurt mit ihrer Geschichte im Nationalsozialismus beitragen. Die ist nämlich laut Heike Drummer vom Jüdischen Museum eine "ganz große Leerstelle". Es gebe zwar viele wichtige Initiativen zur Erinnerung an die jüdischen Frankfurterinnen und Frankfurter.  

Die damit verbundene Vorstellung vom "liberalen und toleranten" Frankfurt täusche aber darüber hinweg, dass die Tätergeschichte Frankfurts vernachlässigt worden sei. Und das auch noch 76 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs. Im Herbst plant das Historische Museum allerdings die "erste umfassende Ausstellung" über die Nazi-Zeit in Frankfurt. Ist es jetzt endlich soweit?

Sendung: hr2-kultur, 01.03.2021, 9.04 Uhr