Regisseur Drewitz in der Freilichtbühne "Rosengärtchen" in Wetzlar.

Auch die traditionellen Wetzlarer Festspiele hat das Coronavirus erwischt. Trotzdem beginnt jetzt ein vierwöchiges Festival. Der Regisseur Christoph Drewitz hat alles für "Rosengärtchen live" gegeben - und wünscht keine Wiederholung.

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Das erwartet die Besucher beim Festival "Rosengärtchen live"

Die Entertainerin Gayle Tufts macht an diesem Freitag den Auftakt beim Festival in Wetzlar.
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Eigentlich sollten im Wetzlarer Rosengärtchen dieser Tage wieder die traditionellen Festspiele stattfinden, wie in jedem Jahr seit 1953. Aber wie so vieles wurden auch sie coronabedingt verschoben, auf 2021. Stattdessen hat eine Gruppe Wetzlarer Künstler nun "Rosengärtchen Live" ins Leben gerufen.

An diesem Freitag geht es mit dem vierwöchigen Programm los. Auftreten werden unter anderem die Entertainerin Gayle Tufts, das hr2 RadioLive-Theater mit einem Sherlock-Holmes-Krimi, die Sängerin Katharine Mehrling, der Liedermacher Werner Schmidbauer und der Schauspieler André Eisermann mit Goethes Werther.

Angeschoben hat das Pop-Up-Festival der Regisseur Christoph Drewitz, der aus Lahnau (Lahn-Dill) stammt.  

hessenschau.de: Herr Drewitz, versetzen wir uns drei Monate zurück: Es ist Anfang April und die Welt steht still. Hätten Sie es da für möglich gehalten, in diesem Sommer noch ein Kulturfestival auf die Beine zu stellen? 

Drewitz: Nein, absolut nicht. Ich hatte da auch überhaupt keine Ambitionen. Ich habe zwar irgendwann mal Kulturmanagement gelernt, aber arbeite inzwischen als Regisseur. Aber dann sitzt man zu Hause, sehr lange, und überlegt. Mit den ersten Lockerungen kamen die ersten Ideen.  

hessenschau.de: Nun sind es zwölf Acts an 14 Abenden geworden - wie viel Vorlauf hatten Sie, um so ein Programm zusammenzustellen? 

Drewitz: Ende Mai haben wir angefangen, unser Hygienekonzept zu machen. Das war das Aufwändigste, weil da noch überhaupt kein Mensch wusste, wie man so ein Konzept schreibt. Und dann gingen die Abstimmungen mit dem Gesundheitsamt los. Das Programm zusammenzustellen war dann tatsächlich deutlich einfacher als das Drumherum.  

hessenschau.de: Wie gehen Sie als Regisseur an so ein Festival ran? Steckt da eine Dramaturgie dahinter? 

Drewitz: Am Ende hat es natürlich immer eine gewisse Handschrift. Ich hab mich zunächst gefragt: Was würde mich selbst interessieren, und habe ich die Genres abgedeckt? Außerdem: Hab ich sowohl lokale Künstler als auch national bekannte?

Und das alles unter dem Motto "Nähe auf Distanz". Ich kann ja kein klassisches Ensemble auf die Bühne holen, wegen des notwendigen Abstands. Deshalb inszeniere ich selbst zum Beispiel das Zwei-Personen-Musical "Die letzten fünf Jahre", und die beiden begegnen sich nur an einer einzigen Stelle im Stück live. Aus all diesen Überlegungen entsteht die Dramaturgie. 

hessenschau.de: Im Januar hatten Sie noch in einem Interview angekündigt, dieses Jahr nichts in Wetzlar zu machen – und jetzt das. 

Drewitz: Das stimmt. Ich hätte eigentlich in Bad Vilbel inszeniert, in Linz und in Berlin. Aber das ist alles verschoben und abgesagt worden. Und so hab ich gesagt: Gut, dann kann ich jetzt hier ein Festival organisieren. Da kann ich dann auch Regie führen.  

hessenschau.de: Wie haben Sie den intensiven Lockdowns erlebt, als Sie eben nicht Ihre Projekte in Berlin und Österreich verfolgen konnten? 

Drewitz: Meine Vorbereitungen für all diese Stücke waren so weit, dass ich eigentlich direkt loslegen konnte. Und dann ist es, als ob einer sagt: Nee danke, leg' Dich mal wieder hin. Ich habe wochenlang Absagen und Verschiebungen verhandelt, Verträge neu besprochen, mich um Hilfen vom Staat gekümmert.

Das beschäftigt einen sehr, aber es füllt einen nicht so aus wie die eigentliche Arbeit. Ich hatte nur noch mit negativen Gedanken zu tun.  

hessenschau.de: Wie kamen Sie da wieder raus? 

Drewitz: Ich hab gesagt: 'Okay, dann muss ich mir halt meine Arbeit selbst schaffen.' Es geht ja allen so, irgendwann sagt man: Das kann nicht so weitergehen, schon gar nicht im Veranstaltungsbereich, wo es bis zur Normalität noch lange dauern dürfte. So lange kann ich nicht warten. So kam eins zum anderen. Ich hätte mir nicht träumen lassen, dass ich das mache. Aber als es dann gestartet ist, wollte ich es durchziehen.  

hessenschau.de: Was ist ein Pop-Up-Festival? 

Drewitz: Wir haben das so genannt, weil wir nur ein Mal auftauchen und dann wieder verschwinden wollen. Hoffentlich müssen wir nie mehr wiederkommen, weil im nächsten Jahr wieder reguläre Festivals stattfinden können.

Die Ambition war, den Künstlern eine Möglichkeit zum Auftreten zu geben – und den Menschen, die jetzt über den Sommer zuhause bleiben, zu sagen: Hey, da gibt‘s jetzt wieder was, auch wenn der Rahmen etwas anders ist aufgrund der Hygienebestimmungen.  

hessenschau.de: Stichwort anderer Rahmen - worauf müssen sich die Besucher da einstellen? 

Drewitz: Wir hoffen, dass sie sich gar nicht so sehr umstellen müssen. Die Menschen haben ja in den letzten Monaten gelernt, aufeinander aufzupassen. Die Sitzplatzkapazitäten sind eingeschränkt, statt 950 Leuten dürfen wir aufgrund der Abstandsregel bis zu 250 Menschen in die Freilichtbühne lassen. Und wir dürfen nur 90 Minuten am Stück Programm machen, ohne Pause.

Trotzdem sollen Gäste und Künstler einfach den Abend genießen können. Die mussten sich ja ganz schön voneinander entwöhnen in den letzten Monaten. 

hessenschau.de: Hätten Sie eigentlich damit gerechnet, dass es jetzt noch mehr solche Festivals oder Veranstaltungen gibt wie Ihres? Ohne ihnen zu nahe treten zu wollen  - die Idee an sich ist ja relativ simpel. 

Drewitz (lacht): Das stimmt, aber in der Praxis ist das ein riesiger Aufwand. Man muss Partner finden, die das mit einem machen - und man muss die Energie aufbringen, den Motor wieder anzuwerfen. Unser Budget ist klein. Wir versuchen, dass die Künstler Gage bekommen, dass die Technik bezahlt ist, aber wir arbeiten auch ganz viel mit ehrenamtlichen Helfern von Vereinen und Verbänden, die gerade brachliegen und sagen: Wir wollen was machen, wir wollen zeigen, dass es uns noch gibt.

Derzeit arbeite ich viel mehr als sonst für meine Inszenierungen. Wenn das mit Personalkosten verbunden wäre, würde sich das niemals rechnen. Aber auch die größeren Festspiele haben jetzt Ersatzprogramme geschaffen, die haben wohl einfach nur ein bisschen mehr Vorlauf gebraucht.  

hessenschau.de: Und wenn das Festival gestartet ist – auf welchen Programmpunkt freuen Sie sich besonders? 

Drewitz: Puh, schwierig, weil ich natürlich alle bewusst ausgesucht habe und die alle wahnsinnig spannend finde. Wahrscheinlich freue ich mich auf das Live-Hörspiel von hr2 am meisten, weil das Kindheitserinnerungen weckt. Ich bin mit den Kassetten der Drei Fragezeichen aufgewachsen.

Das Gespräch führte Bodo Weissenborn

Sendung: hr2, 13.7.2020, 11.25 Uhr