Performances for Pets

Auch Tiere brauchen Kunst, finden die Opelvillen in Rüsselsheim und zeigen Performance-Kunst für Hunde und Katzen. Es geht um einen Perspektivwechsel, sagen die Ausstellungsmacher.

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Kunst für Tiere - und Herrchen und Frauchen

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Es ist ein Tiervideo der besonderen Art: Ein etwas irritierter schwarzer Labrador läuft durch einen Raum der Rüsselsheimer Opelvillen und schnuppert an zwei Menschen, die auf allen Vieren krabbeln und sich über den Boden rollen. Sie kommunizieren eindeutig mit ihm - aber was wollen sie ihm sagen?

Orpheus heißt der Labrador und die Menschen, die dort mit ihm umhertollen, sind Krõõt Juurak und Alex Bailey. Als Künstlerduo "Performances for Pets" reisen sie seit 2014 durch die Welt, um Kunst für Haustiere zu kreieren, hauptsächlich für Hunde und Katzen. Einige hessische Vierbeiner - darunter Orpheus - haben eine solche Performance im August selbst erlebt: Auf Einladung von Beate Kemfert, Kuratorin der Kunst- und Kulturstiftung Opelvillen, kam das Künstlerduo nach Rüsselsheim, um für ortsansässige Hunde und Katzen zu performen. Filmaufnahmen davon sind nun Teil der Ausstellung "Kunst für Tiere - Perspektivwechsel für Menschen" in den Opelvillen (4. Oktober bis 17. Januar 2021).

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Kooperationsprojekt "Artentreffen"

Die Ausstellung "Kunst für Tiere" ist Teil eines Gemeinschaftsprojekts der Museen entlang der S-Bahnlinie 8. Der Nassauische Kunstverein Wiesbaden, die Opelvillen Rüsselsheim und das Deutsche Ledermuseum in Offenbach präsentieren zeitgleich Ausstellungen zum Thema Tiere. Während sich das Ledermuseum kritisch mit dem Material Leder und der eigenen Sammlung auseinandersetzt, widmet sich der Nassauische Kunstverein den Tieren, die wir sonst nicht genauer betrachten wollen: den vermeintlichen Schädlingen. Die Opelvillen zeigen neben den Videoinstallationen von "Performances for Pets" weitere Beispiele von Kunst für und mit Tieren.

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Irgendwo zwischen Tanz und Pantomime

Die Performances lassen sich aus menschlicher Perspektive als Mischung aus Tanz und Pantomime bezeichnen. Das Künstlerduo ahmt die Tiere in Körpersprache und Stimme nach, mal ruhiger, mal mit mehr Action. Vermeintlich genauso, wie sich Tiere verhalten.

"Es ist ganz, ganz erstaunlich, was die Tiere für einen Spaß haben. Teilweise schauen sie ganz weise zu, manchmal sind sie auch gelangweilt. Wie es vielen von uns bei Performance oder beim zeitgenössischen Theater gehen könnte", schmunzelt Kemfert. Sie gibt zu: Performance-Kunst für Tiere, das ist ein bisschen verrückt. Aber genau das soll es sein, erklärt die Kuratorin: "Es ist in dem Sinne verrückt, dass wir unsere Perspektive verrücken und einfach mal anders auf die Dinge schauen, wirklich auch mit einem heiteren Auge."

Schmaler Grat zwischen Spaß und Überforderung

Den Ansatz, die eigene, menschliche Perspektive zu verändern und darüber nachzudenken, als was wir unsere Haustiere wahrnehmen, unterstützt auch Tierpsychologin Carmen Schell. Dass die Tiere die Performance als Kunst wahrnehmen, bezweifelt sie aber. "Sie setzen sich nicht kognitiv damit auseinander, sie reagieren auf unterschiedliche Verhaltensweisen und versuchen, das für sich zu interpretieren."

Performances for Pets

Es sei ungewöhnlich für die Tiere, wenn ihnen fremde Personen sich völlig Menschen-untypisch verhielten. "Unsere Haustiere kennen uns Menschen in einer bestimmten Art und Weise und gerade bei den Hunden beispielsweise hat man gesehen, dass sie eher irritiert waren." Den Katzen gegenüber hätten die Performancekünstler dagegen eine - in der Katzensprache - höfliche Körpersprache vermittelt, weshalb diese sich unbedroht fühlten.  

Knabbern und anpinkeln erlaubt

Der Ansatz der Performancekünstler, Kunst für Tiere machen zu wollen, ist nicht ganz neu. 2017 gab es in New York beispielsweise die "Dogumenta" zu bestaunen. Damals wurden eigens für Hunde angefertigte Kunstwerke, beispielsweise Kauknochen und Hundehütten, ausgestellt - knabbern und anpinkeln erlaubt. Eine solche Ausstellung könnte sich Kemfert auch in Rüsselsheim vorstellen. "Das wäre etwas ganz Fantastisches, so etwas im nächsten Jahr im Außenbereich zu machen", findet sie.

Auch Tiertherapeutin Schell sieht in diesem künstlerischen Ansatz Potenzial. "Das ist aus Tiersicht weiterhin Spielverhalten und Erkundungsverhalten. Ich glaube nicht, dass sie es als Kunst wahrnehmen, aber das kommt zumindest dem Gedanken, eine Performance für Tiere zu machen, deutlich näher."

Letztlich doch eine Ausstellung für uns Menschen

Aber wer profitiert denn nun von der Kunst für Tiere - die Vierbeiner oder doch wir Menschen? Für Tierexpertin Schell ist es eher der Mensch. "Den Hintergedanken, dass wir darüber nachdenken sollten, wie wir mit unseren Tieren umgehen und als was wir sie wahrnehmen, finde ich absolut berechtigt", sagt sie. Sie wünsche sich aber eine artgerechtere Umsetzung, indem die Künstler zum Beispiel stärker auf das Kommunikationsverhalten der Tiere eingehen und auf sie reagieren.

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Tierpsychologin warnt vor Nachahmung

In den Augen der Expertin besteht die Gefahr, besonders ängstlichen Tieren mit einer solchen Performance langfristig zu schaden. Sie rät von Nachmachen ab. Darauf weist auch das Künstlerduo "Performances for Pets" hin: Für vorbelastete Tiere sei ihre Kunst nicht geeignet.

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Auch Kemfert betont: Es geht in der Ausstellung letztlich um den Perspektivwechsel für uns Menschen. "Es ist nicht nur eine Performance für die Tiere, sondern auch für uns, zu erkennen, wie nehmen wir es wahr." Trotzdem könnten sowohl Zwei- als auch Vierbeiner etwas mitnehmen aus der Ausstellung. Und wenn es nur die Zeit ist, die man miteinander verbringt. Am 8. Oktober öffnen die Opelvillen deshalb auch für einen Tag für Menschen und Hunde.

Sendung: hr-iNFO, 03.10.2020, 16.30 Uhr