Das Staatstheater Wiesbaden ist in der irakischen Hauptstadt Bagdad auf Gastspielreise. Dort hat es die Inszenierung von "Tyll" aufgeführt. Im Interview erzählt Hauptdarsteller Paul Simon von Lebenslust und Kulturhunger in einer Stadt, der man noch immer den Krieg anmerkt.

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Audioseite Staatstheater Wiesbaden in Bagdad - Schauspieler Paul Simon im Interview

Ein junger Mann im Hemd und mit wuscheligen braunen Haaren steht auf einem Balkon. Im Hintergrund sieht man die Stadt Bagdad. Die Sonne scheint.
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Das Stück "Tyll" nach dem Roman des Bestsellerautors Daniel Kehlmann handelt vom 30-jährigen Krieg und von dem Narr Till Eulenspiegel, der sich durch die Wirren dieses Krieges schlägt. Das Staatsheater Wiesbaden ist nach Bagdad gereist, um es beim "Baghdad International Theatre Festival" aufzuführen. Wie ist es im Irak, in einer von Krieg und Bürgerkrieg gezeichneten Stadt ein Theater über den Krieg zu spielen? hessenschau.de hat Hauptdarsteller Paul Simon im Irak erreicht.

hessenschau.de: Wie war es, das Stück in Bagdad zu spielen?

Paul Simon: Es war wirklich der Wahnsinn! Das Publikum und die Menschen, die uns bisher begegnet sind, sind so zuvorkommend und so voller Liebe für uns. Man wird total mit offenen Armen empfangen von Anfang bis Ende. Die Reaktion der Leute ist einfach bombastisch, die gehen richtig mit, stehen auf, applaudieren zwischendrin und als wir fertig waren haben sie die Bühne gestürmt und Fotos mit uns gemacht. Das ist in Wiesbaden schon anders. Da gehen nach der Aufführung alle schnell nach Hause weil der Tatort läuft.

hessenschau.de: Hat dich das überrascht?

Paul Simon: Ich hatte keine Erwartungen, sondern bin sehr offen rangegangen. Ich kann mich noch erinnern, wie ich als Kind die Bilder vom Krieg im Fernsehen gesehen habe. Ich bin hier gerade an einem Ort, wo Blut floss oder Bomben hochgingen. Und jetzt wird hier versucht, wieder ein relativ strukturiertes und normales Leben zu führen. Der Hunger nach Kultur ist wahnsinnig groß.

hessenschau.de: Ein Stück über Krieg spielen in einem Land, in dem so lange Krieg geherrscht hat - wie fühlt sich das an?

Paul Simon: Natürlich hatte ich Angst, dass wir mit unserer Aufführung die Kriegstraumata der Menschen triggern könnten. Bei uns gibt es sehr viel Blut auf der Bühne, Folterszenen, wir sprechen sehr laut und das Publikum versteht ja auch den deutschen Text nicht. Ich war sehr gespannt wie die Menschen darauf reagieren. Aber das hat sich während des Spiels innerhalb von Sekunden aufgelöst. Wir kamen auf die Bühne und es gab Riesenapplaus. Ich habe aber schon gemerkt, wie manche meiner Sätze auf einmal anders wirken und ich beim Spielen viel mehr darüber nachdenke. Tyll in Bagdad ist eben nicht Tyll in Wiesbaden.

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Paul Simon

Paul Simon wurde 1991 in Meißen geboren und wuchs ab 1998 in Großostheim bei Aschaffenburg auf. Sein Studium begann er 2013 an der Hochschule für Musik und Theater Felix Mendelssohn Bartholdy in Leipzig. Im Rahmen der Ausbildung war er 2015 bis 2017 am Studio des neuen Theater Halle als Schauspieler und auch als Musiker zu sehen. Für seine Rolle als Hans in der Studioinszenierung "Frühlings Erwachen! (LIVE FAST – DIE YOUNG)" wurde er beim Theatertreffen deutschsprachiger Schauspielstudierender 2016 in Bern mit dem Soloförderpreis ausgezeichnet und ist zudem seit 2016 Stipendiat der Studienstiftung des Deutschen Volkes.  

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hessenschau.de: Auch die Produktionsbedingungen sind in Bagdad sicher ganz anders.

Paul Simon: Ja! Um hier spielen zu können, mussten wir das Stück sehr stark kürzen, viele Requisiten sind weggefallen und auch unser Team ist viel kleiner: Wir haben zum Beispiel nur eine Ankleiderin dabei, die uns hinter der Bühne hilft und jetzt die Arbeit von Dreien stemmen muss. Einen Beleuchter, wo normalerweise fünf sind. Also tausend Sachen, die einfach nicht da waren, die wir sonst haben.

hessenschau.de: Was hat dich vor Ort besonders beeindruckt?

Paul Simon: Jetzt, wo ich hier bin, merke ich, dass wir sehr amerikanisch geprägt sind durch Filme und natürlich auch durch unsere deutsche Presse. Also immer, wenn du an Bagdad denkst, denkst du erst an das, was negativ ist oder an diesen Krieg. Dass man hier nicht hin sollte und, dass es gefährlich ist. Aber diese Angst wird einfach komplett umgedreht, wenn man mal da ist. Wir alle haben das Gefühl, wir wollen eigentlich gar nicht mehr weg aus Bagdad. Gestern wurden wir nach der Vorstellung zum Essen eingeladen und da war Musik, Tanz und von null auf hundert gibt es hier eine wahnsinnige Lebensfreude, die ich einfach so nicht kenne.

Das Interview führte Jannika Kämmerling.