Gent hat Wiesbaden gerade die Freundschaft gekündigt - nach 51 Jahren. Man empfinde diese Form der Partnerschaft als nicht mehr zeitgemäß, sagen die Belgier. In anderen hessischen Orten sind die Städtepartnerschaften aber noch sehr lebendig und davon profitieren auch junge Leute.

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Wo Städtepartnerschaften noch lebendig sind

Erinnerungsfoto einer Austauschgruppe in Seligenstadt
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In fast jedem hessischen Ort findet man sie am Ortseingang: Schilder, die auf die Partnergemeinden in Europa und der ganzen Welt hinweisen. Vielerorts scheinen die ein Relikt zu sein, die Beziehungen eingeschlafen. Aber es gibt auch Gegenbeispiele.

Schild mit den Partnerstädten Wiesbadens

Braunfels feiert länderübergreifende Jugendtreffen

Auch Braunfels im Lahn-Dill-Kreis hat eine langjährige Beziehung zu seinen Partnerstädten: Seit 1945 pflegen die Mittelhessen eine Partnerschaft mit New Braunfels im US-Bundesstaat Texas. Aber das ist längst nicht die einzige: Es gibt noch sieben weitere in Belgien, Italien, Frankreich, England, Spanien, Österreich und Ungarn. Und erstaunlicherweise sind alle Partnerschaften in Braunfels ziemlich lebendig.

Das könnte an dem Verein liegen, der diese Städte-Verbindung betreut, dem Partnerschaftsring Braunfels. Hier sitzen auch junge Menschen im Vorstand, wie zum Beispiel der 23-jährige Simon Milberg. Er hat eine Erklärung, warum Städtepartnerschaften in Braunfels so lebendig sind: das Jugendtreffen "Youth for Europe".

Altstadt Braunfels

Einmal im Jahr kommen dabei Jugendliche zwischen 16 und 25 aus den verschiedenen Partnerstädten reihum in einer Stadt zusammen. "Man lernt sich da gut kennen, es entstehen Freundschaften, man hat Spaß und lernt noch was über die Städte - das ist halt eine schöne Sache", findet Simon Milberg.

Darmstadt setzt auf Professionalität und Kontinuität

Darmstadt leistet sich sage und schreibe 16 Städtepartnerschaften, sogar Lettland und Norwegen sind darunter. Aber hier kümmert sich kein Verein, sondern eine eigene Abteilung in der Stadtverwaltung um den Multi-Kulti-Austausch: Die Abteilung Interkulturelles und Internationales besteht aus vier Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, die jeweils für bestimmte Länderkontakte zuständig sind.

Damit setzt die Stadt nicht nur ein Zeichen, wie wichtig ihr die Auslandskontakte sind, meint die Leiterin der Abteilung Ana-Violeta Sacaliuc. Die festen Stellen in der Stadtverwaltung machten die Arbeit auch konstant und planbar. Denn selbst wenn ein Mitarbeiter ausscheide, ändere sich nichts an der Kontinuität, die Stelle werde dann einfach neu besetzt.

Konzert des Internationales Jugendorchesters Darmstadt in der Nikolaikirche der Partnerstadt Freiberg.

Vor allem aber sind auch die Gelder fest eingeplant und die Mitarbeiter geschult, damit die Städtebeziehungen optimal laufen. Jugendprojekte spielen dabei eine wichtige Rolle. Im Projekt Internationales Jugendorchester Darmstadt zum Beispiel kommen jedes Jahr junge Musikerinnen und Musiker im Alter zwischen 16 und 21 Jahren aus unterschiedlichen Partnerstädten nach Darmstadt. Drei Tage proben sie Musikstücke und geben dann zusammen ein Konzert. "Es ist erstaunlich, welche Qualität entsteht", findet Sacaliuc.

Schüleraustausch - notfalls auch virtuell - in Seligenstadt

Anders als Darmstadt setzt Seligenstadt bei seinen Partnerschaften nicht auf Masse. Die Stadt ist mit nur drei Städten verschwistert, in Frankreich, den USA und Italien. Dafür sind diese Verbindungen sehr eng und vor allem die Schulen profitieren davon. Normalerweise gibt es jedes Jahr Schüleraustausche mit den Partnerstädten.

Durch Corona ist das aktuell nicht möglich. Doch der Partnerschaftsverein hat sich dafür eine andere Lösung ausgedacht, erklärt Christine Spitzenberg: "Wir haben ganz normal unsere Austauschpaare gebildet, 64 Schüler aus Deutschland und aus Frankreich nehmen teil. Die bekommen von uns jeden Monat eine kleine Aufgabe gestellt, die sie dann allein oder gemeinsam mit ihrem Austauschpartner lösen können."

Ganze Familien ins Boot geholt

Grundstein der Partnerschaftsarbeit seien immer die Austauschprogramme, sagt Spitzenberg. Von der Feuerwehr bis zum Sportverein, ja sogar schon in der Grundschule würden in Seligenstadt Menschen in die Partnerstädte vermittelt. Das zahle sich aus, weil so ganze Familien und Generationen mit im Boot sind und die Städtepartnerschaft unglaublich rege und aktiv bleibe.

So viel Engagement, da ist sich Spitzenberg sicher, sei mit Stadtverwaltung und kommunalen Verträgen allein nicht machbar. Das sei nur mit einem Verein möglich: "Denn dort erreicht man auch die Bürger, die so wichtig sind für diesen Austausch. Es reicht eben nicht, einfach nur ein Schild an den Ortseingang zu stellen mit der Aufschrift 'Wir sind verschwistert mit ...'. Man muss das Ganze schon auch mit Leben füllen."