Seite aus dem Kinderbuch "Alles lecker" mit Zeichnung eines Bioschweinestalls und eines Stalls mit Massentierhaltung

Ein sieben Jahre altes Kinderbuch einer Frankfurter Autorin macht plötzlich Landwirte wütend. Schweinezüchter fühlen sich falsch dargestellt, der Verlag muss sich gegen schlechte Online-Bewertungen und einen Facebook-Shitstorm wehren. Doch das Buch profitiert davon.

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Ein Streit wegen des sieben Jahre alten Kinderbuchs "Alles lecker!" macht derzeit im Netz die Runde. Im Fokus: eine Illustration, die Bio- und Massentierhaltung gegenüberstellt.

"Dass wir die bioaufwachsenden Schweine so schön zeigen und daneben die Massentierhaltung stellen, haben einige der konventionellen Bauern als Bashing ihrer Haltung verstanden", sagt Monika Osberghaus, Leiterin des Klett Kinderbuch Verlags. Nun hagelt es beim Online-Händler Amazon schlechte Bewertungen für das Buch aus der Feder der Frankfurter Autorin Alexandra Maxeiner.

Zu lesen sind Kritiken wie "Finger weg, dieses Buch verbreitet Lügen" oder "Das Buch mit diesen landwirtschaftlichen Fakten, welche völlig falsch sind, einem Kind zu geben, ist unverantwortlich!"

Screenshot bei Amazon von Rezensionen des Kinderbuchs "Alles lecker!"

Lächelnde neben leidenden Schweinen

Das Buch für Kinder ab fünf Jahren beschäftigt sich grundsätzlich mit Geschichten rund ums Essen, beziehungsweise mit "Lieblingsspeisen, Ekelessen, Kuchendüften, Erbsenpupsen, Pausenbroten und anderen Köstlichkeiten". Doch der Stein des Anstoßes verbirgt sich auf Seite 11 des Buches - in Form einer Illustration zu Tierhaltung in der Landwirtschaft. Unter anderem der NDR berichtete bereits darüber.

Lächelnde Bioschweine genießen in bunten Farben den luftigen Stall mit Auslauf ins Grüne, mit "gesundem Futter", "Licht und Luft" und "genügend Platz". Die Schweine in der Massentierhaltung haben es im Vergleich nicht so gut getroffen: Schweine mit gesenkten Köpfen stehen eng nebeneinander in einem dunklen Stall in ihre Boxen, vermerkt sind "kein Auslauf", "kein Tageslicht" und "Futter mit Wachstumsmitteln".

Dazu textete die Autorin: "Hersteller von Bio-Lebensmitteln nehmen mehr Rücksicht auf die Natur und die Tiere."

Schweinezüchterin sieht eigene Kinder als Mobbing-Opfer

Diesen Eindruck möchte die Betreiberin eines Schweine-Großbetriebs aus Niedersachsen, die zufällig in einer Bücherei auf das Buch gestoßen ist, so nicht stehen lassen.

"Denkt diese Kinderbuchautorin auch nur mal eine Sekunde an unsere Kinder, wenn sie solche Zeilen schreibt? Wenn sie suggeriert, dass uns als 'Massentierhalter' die Tiere vollkommen egal sind? Wenn sie andeutet, wir würden unseren Tieren kein gesundes Futter geben, sondern 'Wachstumsmittel' verabreichen?", schreibt sie in ihrem Internet-Blog.

Bei dem Gedanken, dass andere Kinder ihre eigenen Kinder mit "diesen Behauptungen" konfrontieren würden, müsse sie mit den Tränen kämpfen. Zur Verdeutlichung veröffentlichte die Frau Fotos ihrer Kinder, denen sie auf die scheinbar tränennassen Gesichter die Wörter "Tierquäler" und "Schwein" geschrieben hat. Einen konkreten Mobbing-Vorfall beschreibt sie nicht.

Der Verlag weist den Mobbing-Vorwurf zurück. Osberghaus nennt ihn "im Zusammenhang mit dem Buch absurd". Es gebe in dem Buch keinerlei Verunglimpfungen von Bauern oder ihren Kindern. Die Autorin selbst wollte sich nicht äußern.

Verlag kündigt Änderung an

Ein weiterer Vorwurf der niedersächsischen Landwirtin bezieht sich auf eine mit "Wachstumsmittel" beschriftete Flasche in der Illustration: Der Einsatz des Mittels ist in Europa schon seit einiger Zeit nicht mehr erlaubt.

In der nächsten Auflage des Buches soll die Flaschenbeschriftung nach Angaben von Verlagsleiterin Osberghaus deswegen korrigiert werden.

Drohungen bei Facebook

Damit könnte die Diskussion eigentlich beendet sein. Doch seit Erscheinen des Blog-Beitrags der Schweinezüchterin Anfang November muss sich der Verlag auf seiner Facebook-Seite gegen Anfeindungen von Landwirten wehren. Einige Kritiker des Buches machen ihrem Ärger auch auf unkonventionelle Weise Luft, wie Osberghaus beschreibt:

"Eine Mail mit meiner Privatadresse wurde veröffentlicht, und bei Facebook kursierte die Adresse mit dem Vorschlag, den Verlag und mich mal aufzusuchen. Das fand ich etwas bedrohlich." Zudem habe sie Anrufe erhalten, in denen angekündigt worden sei, dass man den Verlag bei Facebook "fertig machen" würde.

Aber es melden sich auch Sympathisanten zu Wort. Auf der Facebook-Seite des Verlags schreibt ein Unterstützer: "Ich bezweifle, dass die Bedingungen für Massentierhaltung oder Intensivtierhaltung in den letzten Jahren besser geworden sind. (...) Danke für euren Einsatz!" Ein Käufer bei Amazon kommt in seiner Rezension zu dem Schluss: Das Buch sei wunderbar. "Wir sind (...) sehr begeistert. Wir lernten viel, hatten viel Spaß und vor allem kamen wir toll ins Gespräch."

Nachfrage nach Buch gestiegen

Tatsächlich hat die ungeplante Aufmerksamkeit dem Buch nicht geschadet. Wurden monatlich im Schnitt ungefähr 80 Stück verkauft, waren es mit Beginn des Shitstorms allein im November rund 540.

Und so verabschiedet sich Verlagsleiterin Osberghaus aus der Facebook-Diskussion mit den Worten: "Im Übrigen war die unverhoffte Werbung für uns prima: nicht nur, weil das Buch demnächst vergriffen ist und die aktualisierte Neuauflage bald kommen kann. Sondern noch viel mehr, weil uns klar geworden ist, dass es wirklich ein realistisches Kinderbuch zum Thema Bauernhof braucht. Dies ist jetzt in Arbeit. Vielen Dank also für den Anstoß."

In der neuen Auflage von "Alles lecker!" möchte Osberghaus zudem noch ein paar Dinge ändern. "Wir haben in der Diskussion gelernt, dass es auch Biobauern gibt, die keine Engel sind - und wiederum andere Bauern aus ganz unterschiedlichen Gründen keine Biosiegel erhalten." Deswegen werde die umstrittene Abbildung in dem Buch eventuell in Zukunft tiergerechte und nicht tiergerechte Haltung darstellen. Dabei will sich der Verlag von einem Biolandwirt und einem konventionellen Landwirt beraten lassen.

Sendung: NDR, Kulturjournal, 09.12.2019, 22.45 Uhr