Schwesta Ewa vor Gericht

Die Ex-Prostituierte und Rapperin Schwesta Ewa bringt ihre Autobiografie raus. Es geht um Gewalt und Armut, das Leben im Rotlichtmilieu, Drogen und einen Prozess, der ihr zweieinhalb Jahre Haft einbrachte.

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Verurteilt! Folge 4
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Die 35 Jahre alte Rapperin und Ex-Prostituierte Schwesta Ewa hat während ihrer Untersuchungshaft in der JVA Frankfurt-Preungesheim im Jahr 2017 angefangen, ein Buch über ihr bisheriges Leben zu schreiben. Die Vorwürfe waren zur Zeit der U-Haft schwerwiegend: Menschenhandel, Zwangsprostitution, Körperverletzung.

Vom Vorwurf der Zwangsprostitution und des Menschenhandels sprach sie das Landgericht Frankfurt frei. Verurteilt wurde sie wegen gefährlicher Körperverletzung, Förderung sexueller Handlungen Minderjähriger und Steuerhinterziehung zu zweieinhalb Jahren Haft. Demnächst wird Schwesta Ewa dann zusammen mit ihrer wenige Monate alten Tochter die Strafe in einem Mutter-Kind-Gefängnis antreten, teilte ihr Verlag mit.

Crack, Dreck und üble Freier

Das Buch erschien am Mittwoch. Warum aber das Buch einer verurteilten Verbrecherin lesen? Weil Schwesta Ewa viel erzählen kann über das Aufwachsen mit Gewalt und Armut, vom Leben als Prostituierte, die auf dem Straßenstrich oder im Frankfurter Rotlichtmilieu unzählige Freier bedient, und darüber, wie jemand in ein Leben voll von Crack, Dreck und üblen Freiern gerät.

In jene dunklen Ecken des Lebens, die viele nicht nur meiden, sondern am liebsten ganz verdrängen. Ewa macht in dem rund 200 Seiten starken Buch das, was sie auch vor dem Frankfurter Landgericht während ihres Prozesses im Jahr 2017 gemacht hat: Sie erzählt gerade heraus die Wahrheit - oder eben das, was aus ihrer Sicht der Wahrheit entspricht.

"Freestyle machen" habe sie sich in der U-Haft für den Prozess vorgenommen. Im Gerichtsaal führte das zu langen Unterhaltungen zwischen dem Vorsitzenden Richter und der Angeklagten: Er als interessierter Frager und Zuhörer, sie als geduldige und eloquente Erklärerin einer Welt ganz unten - ihrer eigenen.

Einzige "Polackin" unter Deutschen

"Die ersten Erinnerungen, die ich an mein Leben habe, sind Erinnerungen an die Angst", heißt es zu Beginn des Buches. Als Schwesta Ewa in Polen aufwuchs war ihr Vater im Knast, ihre drei Halbbrüder auch. Mit ihrer Mutter strandete sie in Deutschland. Die klaute Lebensmittel und brachte Ewa das Klauen bei.

Weil sie die einzige "Polackin" unter Deutschen war, sei sie von anderen Kindern gequält und beleidigt worden, schreibt sie. Mit "Ausländer raus"-Rufen hätten die anderen sie vertrieben. "Je mehr ich zurückgewiesen wurde, desto mehr Wut staute sich in mir auf."

Ihre Mutter schlug sie regelmäßig: "Bei uns gab es drei Varianten von Mama-Prügelstrafe. Bambusstock-Prügel, Ledergürtel-Prügel und Kabel-Prügel." Sie beschreibt, wie sie von einem Mann als Siebenjährige an einem See vergewaltigt worden sei und mit blutigem Rock nach Hause kam, den sie ihrer Mutter nicht zeigte und auch sonst nichts erzählte, um keine Prügel zu beziehen.

Bis zu 30.000 Euro im Monat

Später setzte sich Schwesta Ewa selbst mit Aggression durch: Auf dem Straßenstrich in Berlin verprügelte sie eine Frau nach der anderen, bis sie dort ihren Platz hatte, auch Freier bekamen immer wieder etwas ab, schreibt sie. Im Roten Haus, einem der größten Bordelle im Frankfurter Bahnhofsviertel, hätten die Aufpasser sie deswegen schon gut gekannt.

Ewa ist eine Selbstdarstellerin. Sie weiß, das auf Instagram Po-Fotos und Bling-Bling-Filter funtionieren, sie weiß, welche Geschichten aus dem Rotlichtmilieu beim Leser Neugier und auch Schauer wecken. Zwar rühmt sich Schwesta Ewa, dass sie zu ihren besten Zeiten in Frankfurt bis zu 30.000 Euro im Monat verdiente, viel Party machte und gut vernetzt war mit den Hells Angels. Gleichzeitig beschreibt sie aber, was für Erlebnisse damit verbunden waren: Demütigungen, Vergewaltigung, Crack, Koks und Depression.

Zu ihr seien Frankfurter Immobilienmakler und Bänker gekommen, Männer die tausend Euro auf den Tisch legten. Sie habe für einen Kunden eine Menschenfresserin gespielt, die das Bein des Freiers "isst". Kurze Zeit später, schreibt sie, habe sie den Mann mit dem Kannibalismus-Fetisch auf Wahlplakaten für die Bundestagswahl gesehen. Namen nennt sie keine.

"Mach dir nichts draus, Knast ist Promo"

Als Schwesta Ewa mit der Prostitution aufhörte und als Rapperin anfing, sah es so aus, als würde das Schlechte aufhören und das Gute anfangen. Bis eine SEK-Einheit das Zimmer stürmte, in dem sie sich nach einer durchzechten Nacht ausschlief, und sie in die JVA Preungesheim kam. Im Prozess vor dem Landgericht räumte Schwesta Ewa einige der Vorwürfe ein, darunter auch Körperverletzungen.

Aus ihrer Sicht war sie aber nie Zuhälterin, sondern machte etwas, was sie als "Management" für die Frauen bezeichnet. Keines der Mädchen sei gezwungen worden - sie hätten schon vorher als Prostituierte gearbeitet und sich um Schwesta Ewas Gunst bemüht. Vor Gericht unterstützten Zeuginnen diese Darstellung.

Nach dem Urteilsspruch, schreibt Ewa, sei der Rapper Xatar zu ihr gekommen, habe ihr auf die Schulter geklopft und mit Blick auf ihre Rap-Karriere gesagt: "Mach dir nichts draus, Knast ist Promo."