Das Jammermobil

Wer sich schon immer einmal den Frust von der Seele nörgeln wollte, ist hier genau richtig: Zwei Künstlerinnen touren derzeit mit ihrem "Jammermobil" durch Hessen und geben professionelle Hilfe beim Frustabbau. Jammern hilft, wie ein Selbstversuch zeigt.

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zum Video "Jammermobil" hält in Wetzlar

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Statt diesen Text zu schreiben, würde ich jetzt viel lieber im Eiscafé um die Ecke sitzen. Darüber zu jammern, verkneife ich mir jetzt aber, das bringt ja eh nichts.

Doch, sagen die Performance-Künstlerinnen Sophia Guttenhöfer und Carolin Christa vom Kollektiv Bauchladen Monopol: "Wenn wir uns über unsere unschicklichen Gefühle austauschen, kann mehr Mitgefühl zwischen uns Menschen entstehen." Kurzum: Jammern entspannt und verbindet.

Genau dafür sind Guttenhöfer und Christa mit ihrem "Jammermobil" unterwegs. Hier kann sich jeder und jede über alles auslassen, was subjektiv gerade stört. Ihre Deutschlandtour führt die beiden Künstlerinnen derzeit durch Hessen. Am ersten Stopp in Wetzlar schaue ich mir das Projekt an.

Die hohe Kunst des Wehklagens

Das Mobil besteht aus einem Transporter, der innen mit Vorhängen und bunten Lichtern aufgehübscht wurde. Es entsteht eine intime Atmosphäre: Jeder Jammerwillige ist dort alleine mit den beiden Profi-Jammerinnen. Nur Corona sorgt für etwas Abstand, denn die beiden stehen hinter einer Scheibe aus Plexiglas.

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Audioseite Das "Jammermobil" unterwegs durch Hessen

Jammer-Gesicht zum Jammermobil
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Ich bin zwar etwas skeptisch, aber ausprobieren kann man es ja mal, denke ich mir und gehe rein ins "Jammermobil". Dort stehen die beiden Performance-Künstlerinnen in Kostümen, in denen sie ein bisschen aussehen wie Wahrsagerinnen auf einem Jahrmarkt. Sie fragen mich nach meinem persönlichen Grund zum Jammern. Bei mir ist es der Klassiker: die Arbeit.

Schon fangen die beiden professionellen Jammerlappen an, sich in meinem Namen in einem nöligen Tonfall über alles zu beschweren: "Ich schlafe schlecht, ich bin im Stress, mein letztes freies Wochenende ist gefühlt fünf Monate her." Dann fordern sie mich auf mitzumachen. Zugegeben: Zusammen mit völlig Fremden rumzujammern, kostet mich etwas Überwindung. Doch ich stimme schließlich ein ins Wehklagen.

Professionalisierte Jammerlappen

Und siehe da: Tatsächlich macht sich nach ausgelassener Jammerei eine befreiende Wirkung breit. Und das geht nicht nur mir so, auch Passantin Elisabeth Hönig will das "Jammermobil" einmal ausprobieren. "Ich glaube, man muss einfach irgendwo mal raus mit seinem Frust", sagt sie.

Damit die Frustbewältigung auch einen tieferen Sinn bekommt, sollen später Gedichte mit den gesammelten Erfahrungen entstehen, denn das "Jammermobil" ist auch eine fahrende Ausstellung, erklärt Performance-Künstlerin Carolin Christa. "Wir möchten Geschichten sammeln, zum Weitererzählen, zum Weitertragen, aus dieser Zeit für andere Zeiten."

Bezahlt wird die Aktion übrigens durch eine staatliche Kulturförderung während Corona. Worüber die Menschen am ersten Stopp in Wetzlarer am meisten gejammert haben, wollen die "professionalisierten Jammerlappen", wie sich die Initiatorinnen selbst nennen, nicht sagen. Darüber herrsche Schweigepflicht. Wer es selbst ausprobieren möchte: Die Tourdaten gibt es hier.

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