Philipe Havlik

Das gab es noch nie: In Frankfurt graben Senckenberg-Forscher derzeit vor Publikum nach Dinosaurier-Knochen. Dazu haben sie 30 Tonnen Stein aus Amerika an den Main geholt. Eine wahnwitzige Idee, gibt Projektleiter Philipe Havlik im Interview zu.

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Dinoknochen Senckenberg
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"Es war eine Mission Impossible, die aus unverständlichen Gründen funktioniert hat", sagt Forscher und Kurator Philipe Havlik: Mitarbeiter des Senckenberg Naturmuseums haben eine Grabungsstätte mit wahrscheinlich mehr als 1.000 Fossilien aus dem amerikanische Bundesstaat Wyoming nach Frankfurt verlegt. Dort können Besucher voraussichtlich bis zum 25. Oktober live miterleben, wie Forscher Dinosaurier-Knochen freilegen. Die Grabungen sollen auch Lösungen für aktuelle Probleme wie den Klimawandel liefern, berichtet Havlik im Interview.

hessenschau.de: Herr Havlik, wie kommt man auf die wahnwitzige Idee, eine ganze Grabungsstätte zu verlegen?

Philipe Havlik: "Wahnwitzig" trifft es sehr gut (lacht)! Tatsächlich geht die Idee auf ein denkwürdiges Treffen hier im Senckenberg Museum zurück. Das waren unser damaliger Museumsleiter, Bernd Herkner, der Direktor des Senckenberg-Forschungsinstituts, Andreas Mulch, und ich. Wir hatten zwei externe Gäste, den privaten Sammler Burkhard Pohl und einen seiner Mitarbeiter. Wir hatten uns getroffen, um uns neue Projekte zu überlegen. Pohl meinte dann im Gespräch: Lasst uns doch mal eine Dinosaurier-Grabung machen. Ich sagte, eher im Spaß: Ja, aber nur, wenn wir die Dinos hier in Frankfurt ausbuddeln. Worauf er sofort sagte: Klar, das können wir machen! Ich habe da eine Stelle in Wyoming, damit könnte das funktionieren. Tja, und was daraus geworden ist, sieht man ja jetzt (lacht).

hessenschau.de: Wie lief der Umzug konkret ab? Eine Fundstelle am Stück hatte ja noch nie jemand mitgenommen.

Havlik: Wir mussten sehr vielseitig vorgehen. Wir dachten, eine Fläche von 20 Quadratmetern wäre ganz schön, das freizulegen wäre in einem halben Jahr gut zu schaffen. Auch vom Gewicht, in dem Fall 30 Tonnen, wäre es machbar. Jetzt gibt es aber keine Maschine, mit der man einen Klotz von 20 Quadratmetern und 30 Tonnen transportieren kann. Aus dem Grund mussten wir das Ganze in ein Format bringen, das mit moderner Transportlogistik kompatibel ist. Da haben wir uns für Kettensägen entschieden.

hessenschau.de: Was? Die wertvollen Dinoknochen!

Havlik: Ach, so ein glatter Schnitt ist besser als zerbröselte Einzelteile. Die zertrennten Dinosaurier-Knochen kann man am Schnitt gut wieder zusammenkleben. Im Ernst: Diese Kettensägen sind diamantbesetzt, da können Sie einfach glatt durch das Gestein durchsägen wie durch einen Baumstamm.

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„Zertrennte Dinosaurier-Knochen kann man gut wieder zusammenkleben.“ Zitat von Philipe Havlik
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Die haben wir uns also besorgt, wir haben uns Gabelstapler geholt und haben uns von einem Schmied vor Ort ein Blech schweißen lassen, das wie eine überdimensionierte Tortenschaufel aussah. Dann haben wir das Gebiet unterteilt, gesägt, die einzelnen Stücke rausgezogen, sie zum Schutz in Kunstharz eingewickelt und in Holz verschalt. Dann kamen die Stücke auf Paletten und die wurden in Container verladen.

hessenschau.de: Die dann aber wiederum sehr schwer gewesen sein müssen.

Havlik: Die waren an der Grenze der Belastbarkeit. Wir haben dann mitten in die Wildnis zwei Autokrane transportiert, und die haben die Container hochgehievt. Also, Logistik ohne Ende!

hessenschau.de: Hat alles reibungslos geklappt oder gab es auch mal Schwierigkeiten?

Havlik: Es gab eigentlich nur Schwierigkeiten (lacht). Die Logistik an der Stelle ist sehr schwierig. Die Fundstelle lag 50 Meilen von der nächsten Siedlung weg, ein 2.000-Einwohner-Dorf mit einem Motel, einer Tankstelle und zwei, drei Bars. Da kriegen Sie natürlich die ganzen Spezialmaterialien nicht, die wir ständig gebraucht haben. Ketten für die Sägen zum Beispiel oder das Harz. All das mussten wir in Denver besorgen, also immer mal wieder 300 Meilen weit fahren. Am Ende hatten wir das gesamte Kunstharz Wyomings zusammengekauft, glaube ich.

Ein weiteres Problem: Die letzten 20 Meilen Anfahrt zur Fundstelle gehen querfeldein. Jetzt muss man wissen: Die Gesteine in der Region sind vulkanische Tone. Die quellen bei Feuchtigkeit auf und werden sehr schmierig. Manchmal kamen wir nicht einmal mit den Geländewagen bis zur Fundstelle. Beim Aufladen hat es dann ungewöhnlich früh geschneit, da ist ein Kran im Matsch versunken und wir haben einen zweiten gebraucht. Also, das könnte man jetzt beliebig fortsetzen. Es war eine Mission Impossible, die aus unverständlichen Gründen am Ende trotzdem funktioniert hat.

hessenschau.de: Wie lange haben Sie daran gearbeitet, bis die Grabungsstelle in Frankfurt war?

Havlik: Besagtes Treffen war im Dezember 2017. Im Sommer 2018 haben wir die Stelle im Gelände ausgekundschaftet und uns überlegt, welchen Hügel wir denn mitnehmen möchten. Im Juni 2019 sind wir wieder rausgefahren und haben vom Hügel erst einmal so viel abgetragen, dass wir an die Fundstelle rangekommen sind. Denn es gibt eine Lage, in der die ganzen Knochen stecken und darüber ist ganz viel Sand, in dem kaum etwas drin ist. Im Juli haben wir die Grabung durchgeführt, mit 20, 30 Leuten. Im August gingen die Container dann auf Schiffsreise. Zwischen diesen einzelnen Stationen lag sehr viel wissenschaftliche und logistische Vorbereitung.

hessenschau.de: Wie war eigentlich die Reaktion der Behörden? Fanden die die Idee nicht auch wahnwitzig?

Havlik: Naja, ich habe alle Behörden antelefoniert, denn so etwas können Sie ja schlecht in einer Email formulieren. Der Mitarbeiter in einer Behörde hat aufgelegt, als ich zum ersten Mal anrief, weil er dachte, ich veräpple ihn. Beim zweiten Anruf war dann alles in Ordnung. Aber selbst mit Institutionen wie dem Zoll, wo man Schwierigkeiten erwarten könnte, weil keiner weiß, wie man mit so etwas umgeht, lief alles reibungslos. Die Fundstelle wurde ganz normal als wissenschaftliches Probenmaterial eingeführt. Dafür gibt es keine Mengenbeschränkung. Ob es 50 Kilo oder 30 Tonnen sind, ist eigentlich egal.

hessenschau.de. Was hoffen Sie nun, im Gestein zu finden?

Havlik: Es geht uns nicht darum, einen vollständigen Dino auszubuddeln. Wissenschaftlich ist das seit über 100 Jahren eigentlich "business as usual". Wir wollen wissen, wie es in dem Gebiet dazu kam, dass sich einzelne Knochen angesammelt haben. Wir haben einzelne Wirbel, einzelne Schädelfragmente, Zähne. So eine Ansammlung nennt man ein "bone bed", und es ist relativ unbekannt, wie die sich gebildet haben. Was ist mit den Tieren passiert, deren Knochen wir da finden? Das untersuchen wir in Frankfurt, dafür haben wir Hightech-Geräte zur Verfügung.

Dann wollen wir wissen, wie vor knapp 70 Millionen Jahren das Ökosystem aussah, und was wir vom Klima damals lernen können. Damals waren beide Polkappen eisfrei und das Klima wies eine extrem hohe CO2-Konzentration auf. Darauf können wir eventuell Rückschlüsse auf unser künftiges Klima ziehen. Wir haben also ein Team von rund 20 Wissenschaftlern verschiedener Unis, die untersuchen, was die Tiere damals gefressen haben, sie untersuchen die Pollen von damaligen Pflanzen, Bernsteinbröckchen und vieles mehr.

hessenschau.de: Warum dürfen in Frankfurt Zuschauer dabei sein?

Havlik: Wir wollen Öffentlichkeitsarbeit und Wissenschaft enger verknüpfen. Häufig wird vor allem das Senckenberg Museum wahrgenommen, aber nicht die Forschungsgesellschaft dahinter. Sie ist aber eine der größten naturforschenden Gesellschaften in Europa. Und wir wollen das Verständnis für Wissenschaft vergrößern, gerade in Zeiten, in denen ein amerikanischer Präsident sagt, er glaube nicht an so etwas wie den menschengemachten Klimawandel.

hessenschau.de: Wie lange wird das Projekt zu sehen sein? Durch Corona war ja auch das Senckenberg Museum zeitweise geschlossen.

Havlik: Das Problem ist, dass die Fundstelle so schwer ist, dass wir sie nicht im Gebäude ausstellen konnten. Das hätte die Decke nicht geschafft. Wir haben also ein Gebäude außerhalb des Museums gebaut, das hat eine Künstlergruppe aus Offenbach gestaltet. Das kann aber nicht auf unbestimmte Zeit stehen bleiben, weil es nicht so lange genehmigt ist und wir es im Winter nicht beheizen können. Die Planung vor Corona war, dass wir die Ausstellung bis Ende Oktober laufen lassen. Jetzt haben wir aber zwei Monate verloren. Ich weiß nicht, ob wir eine Chance haben, die Grabungsfläche in der vorgesehenen Zeit fertig abzubauen. Darüber müssen wir uns jetzt Gedanken machen.

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Finanzierung und beteiligte Wissenschaftler

Philipe Havlik hat im zarten Alter von fünf Jahren angefangen, nach Knochen zu graben, sagt er. Von 2000 bis 2008 studierte er zunächst Geologie, dann zusätzlich Paläontologie in Tübingen und München. Seit 2015 ist er Mitarbeiter des Senckenberg Museums Frankfurt.

Insgesamt beteiligen sich 120 Menschen an dem Projekt, darunter Wissenschaftler unter anderem des Senckenberg Forschungsinstituts sowie der Unis Frankfurt und Tübingen. Mit dabei sind außerdem Forscher aus Spanien und den USA. Der Frankfurter Kunstverein ist Kooperationspartner der Ausstellung und hat das Künstlerkollektiv YRD.Works eingeladen, den Präsentationsraum der Grabungsstelle zu entwerfen.

Finanziert wurde das Unterfangen hauptsächlich von der privaten Lipoid-Stiftung.

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Das Gespräch führte Sonja Fouraté.

Sendung: hr-iNFO, 04.06.2020, 06.30 Uhr