Audio

Audioseite Marburger Kamerapreis: "Ich fasse Kameras heute gar nicht mehr an"

Interview mit einem Vampir

Philippe Rousselot ist einer der erfolgreichsten Kameramänner Hollywoods. Einen Oscar hat er schon - jetzt bekam er den Marburger Kamerapreis. Warum er sich über diese Auszeichnung besonders freut und Kameras heute kaum noch anfasst.

Philippe Rousselot hatte sie alle schon vor der Linse: Julia Roberts, Brad Pitt, Ryan Gosling. Der Franzose ist seit 50 Jahren im Geschäft und einer der gefragtesten Kameramänner der internationalen Filmszene. Die meisten haben vermutlich schon mal einen von ihm gefilmten Blockbuster gesehen, etwa "Interview mit einem Vampir", "Sherlock Holmes" oder "Charlie und die Schokoladenfabrik".

Der 76-Jährige hat bereits zahlreiche Preise für seine Kameraarbeit erhalten. 1992 wurde Rousselot für Robert Redfords Literaturverfilmung "Aus der Mitte entspringt ein Fluss" sogar mit einem Oscar ausgezeichnet.

"Preis bedeutet mir viel"

Am Samstag erhielt Rousselot den Marburger Kamerapreis. Die Stadt verleiht den Preis seit 20 Jahren gemeinsam mit dem medienwissenschaftlichen Institut der Universität. Auch für eine Hollywood-Größe wie ihn sei das eine besondere Ehre, sagt Rousselot.

"Der Preis bedeutet mir viel, weil er von einer sehr alten, angesehenen akademischen Institution kommt und nicht von innerhalb der professionellen Filmindustrie", sagt Rousselot. Er schätze es, dass die akademische Welt eine ganz andere Perspektive auf Filme habe als etwa Hollywood-Insider, die sich oft in einem engen Kreis bewegen würden.

Rousselot hält persönlichen Stil für überbewertet

Die Jury des Kamerapreises lobte Rousselot als einen der einflussreichsten Kameraschaffenden der vergangenen Jahrzehnte. Marburgs Oberbürgermeister Thomas Spies (SPD) hob seine einzigartige Art und Weise hervor, mit Licht umzugehen.

Rousselots Arbeiten umspannen etwa das französische Cinéma du look, anspruchsvolle Hollywood-Produktionen und das zeitgenössische Special-Effects-Kino.

Eintragung des Oskar-Preisträgers Philippe Rousselot ins Goldene Buch der Stadt Marburg

Die Liste seiner Werke ist lang: Rund 50 Filme hat er als "Director of Photography" verantwortet - keiner wie der andere. Rousselot erklärt: Er habe keinen eigenen Stil und halte das für überbewertet. "Ich komme nicht mit einem Koffer voll persönlichem Stil zum Set und das wäre auch nicht hilfreich für meine Arbeit."

Filmemachen bedeute für ihn, Lösungen für Probleme zu finden und mit dem Material zu arbeiten: Woher kommt das Licht? Welche großen oder kleinen Ansprüche und Vorstellungen hat der Regisseur? Was im Bild könnte die Story stören? "Du musst sehr praktisch denken und die Probleme immer weiter herunterbrechen, bis zum bestmöglichen Ergebnis."

Zusammenarbeit mit Regisseuren: "Du musst dich anpassen"

Rousselot arbeitet regelmäßig mit weltberühmten Regisseurinnen und Regisseuren zusammen, mehrfach zum Beispiel schon mit seinen Lieblingsregisseuren Jon Boorman, Neil Jordan und Tim Burton.

Planet der Affen

"Du musst dich anpassen, denn jeder ist anders", sagt er. Manchmal müsse man als Kameramann schlichtweg sein Ego einpacken und dem Regisseur folgen. Nur ein oder zwei Mal sei er mit einem Regisseur nicht gut klargekommen.

Technische Umstellung fiel anfangs schwer

An die radikalen Veränderungen der digitalen Revolution auf die Filmindustrie scheint er sich im Laufe seiner langen Karriere gut angepasst zu haben, zuletzt etwa bei der actiongeladenen Fantasy-Reihe "Phantastische Tierwesen".

Doch die technische Umstellung sei ihm schwer gefallen, erzählt Rousselot. "Ich habe es am Anfang gehasst." Einerseits seien die Spezialeffekte zuerst noch "sehr hässlich" gewesen.

Andererseits habe ihn das kommerzielle Interesse dahinter gestört. "Die Kameratechnik war zu diesem Zeitpunkt weitgehend perfektioniert und die Geräte hätten eigentlich ewig gehalten." Durch die digitale Technik brauche man nun aber jedes Jahr neues Equipment.

Kameramann fasst Kameras heute kaum noch an

Früher habe es habe für ihn fast etwas Sinnliches gehabt, die Kamera zu bedienen. "Jetzt fasse ich diese Biester kaum noch an." Statt durch den Sucher blicke man nur noch auf den Monitor. Anstelle eines Kombis brauche er für die Technik nun "einen Lastwagen - und zwar einen großen." Und wenn er am Set eine Kiste voller Kabel und Anleitungen öffne, knalle er sie direkt wieder zu und hole erst mal drei Leute, um sich alles erklären zu lassen.

Aus der Mitte entspringt ein Fluss

Er versuche, diese komplizierte technische Seite weitgehend zu ignorieren und sich auf das Ergebnis zu konzentrieren. "Aber wenn ich heute Kameraassistent wäre, würde ich meinen Job wahrscheinlich hassen."

"Es ist viel komplizierter ein Haus zu bauen, als einen Film zu machen"

Dass er den Marburger Kamerapreis nun im Rahmen einer mehrtägigen Veranstaltung zum Thema Bild-Kunst - den Marburger Kameragesprächen - verliehen bekommen hat, freut ihn dagegen.

Er schätze diese Möglichkeit, vergangene Arbeiten zu reflektieren und bei Werkstattgesprächen auch Kontakt mit Studierenden zu haben. "Ich sehe es als meine Pflicht, Dinge weiterzugeben"

Dabei gehe es ihm vor allem darum, den Mythos zu zerstören, dass das Kino weit weg auf einer Wolke schwebt und unerreichbar ist. Die Filmindustrie sei eine Industrie wie jede andere, so der Kameramann. "Es ist viel komplizierter ein Haus zu bauen, als einen Film zu machen." Er sage jungen Leuten immer: Ich habe es geschafft, ihr könnte es auch schaffen.

Weitere Informationen

Der Marburger Kamerapreis

Seit 2001 vergeben die Philipps-Universität Marburg und die Stadt Marburg die Auszeichnung für national und international herausragende Bildgestaltung in Film und Fernsehen. Der mit 5.000 Euro dotierte Preis kann das Gesamtwerk oder die Arbeit noch unbekannter Kameraleute im Bereich Spielfilm, Dokumentar- oder Experimentalfilme würdigen. Der Jury gehören Vertreter der Marburger Medienwissenschaft, des Fachdienstes Kultur der Stadt Marburg, der Marburger Kinobetriebe, des Bundesverbandes Kamera e. V. sowie renommierte Filmkritiker an.

Ende der weiteren Informationen
Weitere Informationen Ende der weiteren Informationen