Struwwelpeter Hanna Christiansen

Vor 175 Jahren erschien der Struwwelpeter, ein Bilderbuch voll schwarzer Pädagogik. Die Marburger Kinderpsychologin Hanna Christiansen erklärt, was davon heute noch aktuell ist und wie ein Update des Buches aussehen könnte.

Der Struwwelpeter des Frankfurter Kinderbuchautoren Heinrich Hoffmann - erschienen zu Weihnachten vor 175 Jahren - ist eines der bekanntesten Kinderbücher der Welt. Das Buch bedient sich schwarzer Pädagogik und spielt damit zurecht heutzutage keine Rolle in Kitas oder Schulen mehr, sagt Hanna Christiansen, Leiterin des Fachbereichs Klinische Kinder- und Jugendpsychologie der Uni Marburg (Informationen in der Infobox). Viele Themen sind dabei aber immer noch aktuell, erzählt sie im Interview.

hessenschau.de: Frau Christiansen, würde man ein Kinderbuch wie den Struwwelpeter heute verfassen, was wären die Themen?

Hanna Christiansen: Zunächst einmal glaube ich, dass das Moralische raus wäre. Beispielsweise die Szene, in der Kinder in ein Tintenfass geschmissen werden. Ansonsten gilt der Struwwelpeter als eine erste Beschreibung psychischer Störungen im Kindes- und Jugendalter und an denen hat sich gar nicht so viel geändert.

hessenschau.de: Inwiefern?

Christiansen: Das, was heute mit ADHS beschrieben wird, gibt es im Struwwelpeter in zwei Formen: einmal die zappelig-hyperaktive Variante mit dem Zappel-Philipp und dann der Hans Guck-in-die-Luft als die verträumte Variante. Essstörungen, also die Geschichte vom Suppenkaspar kennen wir auch, das ist allerdings öfter bei Mädchen Thema. Dann wird da noch eine Störung des Sozialerhaltens angedeutet, Kinder also, die sich an keine Regeln halten. Die erkennen wir im bösen Friederich, dem Wüterich, wieder. So etwas wie Impulskontrollstörungen sehen wir beim Zündeln. Die Themen kennen wir also nach wie vor ganz gut.

hessenschau.de: Was wären oder sind denn die Themen unserer Zeit?

Christiansen: Ein großes Thema ist pathologischer PC- und Internetkonsum. Gerade durch Corona ist die Nutzungsdauer stark gestiegen. Es gibt noch zu wenige Daten, aber es ist schon klar, dass das ein Problem ist. Selbstverletzendes Verhalten, depressive Erkrankungen, Angststörungen oder Gewalt gegen Kinder sind auch Themen, die im Struwwelpeter nicht vorkommen. Es war noch nicht an der Zeit dafür.

hessenschau.de: Kann man Kinder mit Bilderbüchern heutzutage überhaupt noch gut abholen?

Christiansen: Am Wenigsten kann man Kinder heutzutage mit diesem moralisch-anklagenden Ton abholen. Das ist aber ein wichtiges Thema: Wie erreichen wir Kinder? Wir nutzen heute den Begriff der "Mental-Health-Literacy". Er beschreibt das Wissen über psychische Gesundheit und da stellen wir fest, dass das Wissen gering ist, selbst bei Kindern, die in Behandlung sind. Und wenn, dann ist es bei einigen durch Vorurteile und Stigmatisierungen beeinflusst. Und da ist der Struwwelpeter keine Hilfe, er leistet eher Vorurteilen und Stigmatisierungen Vorschub.

Der Struwwelpeter

hessenschau.de: Und macht er Kindern nicht auch eine Heidenangst? Immerhin geht es auch um einen Schneider, der Daumenlutschern die Finger abschneidet. Sollte das Buch überhaupt noch zu Hause im Regal stehen?

Christiansen: Schwarze Pädagogik wie diese ist aus Kinderbüchern zurecht verbannt worden. Ich denke schon, dass das Buch Kinder beunruhigen kann. Aber es gilt generell bei Büchern und Filmen: Je nach Alter der Kinder sollten die Eltern sie beim Lesen oder Schauen begleiten. Es gibt ja heute Bücher und Filme, die Kinder viel mehr anziehen, nehmen Sie Star Wars oder Harry Potter. Diese Filme und Bücher sind sehr viel schneller erzählt und enthalten mehr Gewalt als Filme, die Kinder früher schauen durften.

Kinder reagieren sehr unterschiedlich darauf. Einige stecken das weg, andere reagieren sehr empfindlich. Deswegen würde ich immer dazu raten, mein Kind zu begleiten und mir einen Eindruck zu verschaffen, was es schaut, wie es reagiert und immer mit ihm oder ihr im Gespräch bleiben.

hessenschau.de: Zudem sind Kinder aktuell auch von vielen beunruhigenden Nachrichten umgeben...

Christiansen: Wir hören im Zusammenhang mit Corona oft die Frage, ob Eltern Kinder nicht von Nachrichten fernhalten sollten. Aber: Kinder kriegen ja viele Dinge mit. Die kriegen es auch mit, wenn Eltern beunruhigt sind oder sich Sorgen machen. Deshalb wäre mein Rat eigentlich eher, mit den Kindern darüber ins Gespräch zu gehen und die Sorgen und Ängste der Kinder wahrzunehmen. Manchmal reimen sie sich auch Sachen zusammen, wenn sie etwas gehört, aber nicht so richtig verstanden haben. Das kann fataler sein als eine offene Kommunikation in der Familie zu pflegen.

Zum Struwwelpeter: Der ist inzwischen ohnehin nicht mehr populär. In Kindergärten, Kitas oder Elternhäusern spielt er keine große Rolle. Fachlich ist er interessant, weil Heinrich Hoffmann als Arzt aus seiner Praxis berichtet und einige Krankheitsbilder als erster populär beschrieben hat - und das für seine Zeit eben sehr erfolgreich.

Weitere Informationen

Psychologische Kinderbücher der Uni Marburg

Der Fachbereich Psychologie der Universität Marburg hat zusammen mit dem Institut für Bildende Kunst die Buchreihe "Psychologische Kinderbücher" entwickelt. Darin schreiben Studierende der Psychologie jeweils eine Geschichte, in der eine psychische Störung thematisiert wird. In einem zweiten Teil werden Kinder zum Mitmachen angeregt. Die Reihe soll Wissen über psychische Krankheiten vermitteln. Studierende der Bildenden Kunst illustrieren die Bücher. Zielgruppe sind Kinder im Grundschulalter. Herausgeber ist der Hogrefe Verlag, wo bislang 13 Bände erschienen sind.

Für ältere Kinder stellt die Universität das Format "Lebendige Bibliothek" bereit. Auch hier wird jeweils eine Erkrankung behandelt, die in einem interaktiven Format für Schulen aufbereitet wird. Dazu gehören auch Factsheets und kleine Filme.

Ende der weiteren Informationen

Das Interview führte Sonja Fouraté.