Audio

Audioseite Digitales Erinnern an die NS-Zeit in Frankfurt

Digitales Erinnern

Zeitzeugen sterben, Dokumente zerfallen. Um die Erinnerung an die NS-Zeit wach zu halten, gibt es alleine in Frankfurt mehrere digitale Projekte. hessenschau.de stellt drei davon vor.

Was erst aussieht wie ein ganz normaler Online-Stadtplan von Frankfurt, hat es in sich: Hinter jedem der vielen kleinen, roten Markierungspunkte versteckt sich ein Video mit Geschichten von jüdischem Leben, von Vertreibung und Widerstand während des Nationalsozialismus zwischen 1933 und 1944.

Da geht es etwa um die sogenannten 'Swing-Kids', die sich mit Musik gegen die Nazis auflehnten. Oder das Stadtbad in Niederrad, das der letzte Ort war, wo Juden baden konnten. Oder um das Mahnmal der Homosexuellenverfolgung, das die beauftragte Künstlerin bewusst mit einer deutlich sichtbaren Bruchstelle versehen hat.

"Orte gefunden, die nirgendwo dokumentiert waren"

Das Besondere daran: Diese Geschichten haben vier Frankfurter Schulklassen des Ernst-Reuter- und des Carl Schurz-Gymnasiums in dem Schulprojekt "Was geht mich der 8. Mai an?" recherchiert. Wochenlang. Ihre Ergebnisse haben die Schüler dann am jeweiligen Ort präsentiert und mit ihren Smartphones aufgenommen. Die einmütigen Videos sind jetzt hinter den Markern auf dem Stadtplan hinterlegt.

"Zum Teil haben die Sachen herausgefunden, da hab ich wirklich gedacht, ich werde nicht mehr," sagt Judith Senger. Sie ist eine der Projektleiterin dieses digitalen Erinnerns. "Die haben Orte gefunden, die wirklich nirgendwo sonst dokumentiert waren - solche etwa, die von den Stolpersteinen noch nicht erfasst waren."

Schüler anfangs wenig begeistert

Dabei waren die Schüler anfangs wenig begeistert von dem Thema, das Judith Senger und Katharina Fertsch-Röver vom Schultheater-Studio Frankfurt mit ihnen bearbeiten wollten - es sei einfach zu weit weg für 16-Jährige gewesen. Doch das hat sich geändert. Die Schüler wissen jetzt: Geschichte liegt quasi direkt vor der Haustür. In dieser Hinsicht war das Projekt ein voller Erfolg.

Doch das Projekt hat bislang wenig Breitenwirkung in Form von Abrufzahlen. Das mag daran liegen, dass die Schüler den digitalen Stadtplan ohne großes technisches Knowhow und gute Ausrüstung erstellen mussten. Hauptgrund könnte aber sein, dass die Seite weder beworben wird noch leicht zu finden ist - sie ist auf keiner prominenten Plattform verlinkt.

Ort der Stadtgeschichte wiederbelebt

Anders ist das bei einem anderen Projekt des digitalen Erinnerns, das mit öffentlicher Förderung und viel technischem Knowhow entstanden ist: Das MetaHub Frankfurt ist eine Kooperation des jüdischen, des archäologischen und des historischen Museums. Die drei Ausstellungshäuser haben unter anderem einen Ort der Frankfurter Stadtgeschichte virtuell wiederbelebt, der so nirgends mehr zu erleben ist: Der Börneplatz samt der früheren Synagoge und dem beeindruckenden Thoraschrein.

Es war ein Ort, der nicht nur für die jüdische Gemeinde in Frankfurt vom 19. Jahrhundert bis zur Reichspogromnacht enorm wichtig war, erklärt Tanja Neumann, eine der Leiterinnen des MetaHub-Projekts: "Der Platz war ein Zentrum jüdischen Lebens, also da wurde Gedankengut entwickelt, das in der ganzen Republik eine Rolle gespielt hat."

Audios vermitteln Eindruck vom Auschwitz-Prozess

Das Projekt hat auf der entsprechenden Webseite viel Material zusammengetragen: Ein detailliertes 3-D-Modell der Börneplatz-Synagoge zum Beispiel, wie sie vor dem Brand von 1938 aussah. Außerdem Dokumente, Fotos von Funden, Fotos und Forschungsergebnisse. Zusätzlich entwickeln die Organisatoren Apps für spezielle Stadtspaziergänge, zudem wird das digitale Projekt zum Beispiel durch Pop-Up-Events und Kooperationen mit Künstlerinnen und Künstlern an ein größeres Publikum herangetragen.

Auch das Fritz-Bauer-Institut trägt seinen Teil zum digitalen Erinnern an die NS-Zeit bei: Schon seit 2004 können die Tonbandmitschnitte des Auschwitz-Prozesses in Frankfurt auf einer Online-Plattform angehört werden. Ein großer Schatz, denn diese Audio-Dokumente sollten eigentlich vernichtet werden. Jetzt aber können nicht nur die Erinnerungen von Ausschwitz-Überlebenden angehört werden, das Material vermittelt zudem einen Eindruck von dem Prozess, der zwischen 1963 und 1965 geführt wurde.

Weitere Informationen

Ausstellungen erinnern an NS-Zeit

Mit gleich drei Ausstellungen will das Historische Museum derzeit die NS-Zeit in Frankfurt aufarbeiten. "Eine Stadt macht mit" im Historischen Museum verdeutlicht, wie sich das vor 1933 als liberal und demokratisch geltende Frankfurt entsprechend der NS-Ideologie umstrukturiert hat. Das Stadtlabor geht "Auf Spurensuche im Heute": 38 Frankfurter Bürgerinnen und Bürger sich auf die Suche nach Spuren der NS-Zeit in der Gegenwart gemacht. Zu ihren Entdeckungen und Erfahrungen gehören auch die eigene Familiengeschichte.

Das Junge Museum wiederum gibt mit der Ausstellung "Nachgefragt" für Kinder ab zehn Jahren Einblick in das damalige Alltags- und Familienleben. Berichte von Zeitzeugen auf Tablets werden mit der Frage verbunden, was die NS-Zeit mit der heutigen Gesellschaft zu tun hat.

Alle drei Ausstellungen starten am 9. Dezember. Die ersten beiden Ausstellungen dauern bis zum 11. September 2022, die dritte bis zum 23. April 2023. Informationen auch unter frankfurt-und-der-ns.de

Ende der weiteren Informationen