Blick aus einem Park auf einen gelben Bunker mit aufgesetzten Häusern.

Wohnraum ist knapp in Hessens Städten. An vielen Orten blockieren dicke Betonklötze aus dem Zweiten Weltkrieg die besten Grundstücke: Bunker. Immer öfter werden die jetzt umgebaut zu Wohnhäusern. Drei Beispiele aus Frankfurt und Kassel.

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zum hr-fernsehen.de Video Wohnen im Hochbunker (3/5) | Serie: "Wohnen mal anders"

Luftibild eines Luftschutzbunkers, der mit sakralen Elementen getarnt, an eine Kirche erinnert.
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Wer sich dem Zentrum des Frankfurter Stadtteils Griesheim nähert, sieht schon von weitem den alten Bunker. Auf dessen Dach stehen acht weiße, zweigeschossige Reihenhäuser, die hier wie Ufos gelandet zu sein scheinen.

Tatsächlich schwebt die strahlend weiße Penthouse-Reihe auf einer Stahlkonstruktion über dem Bunkergebäude, dessen schmuddelig gelbe Betonfassade von Kletterpflanzen überwuchert wird. Ein Aufzug und eine filigrane Außentreppe führen nach oben. Der eigentliche Bunker blieb unverändert und steht leer, kann aber bei Taschenlampenführungen besichtigt werden.

Eingangsbereich mit Treppe

Realisiert wurde das Projekt 2014 von den Heidelberger Architekten Kuhlmann und Partner, die den Griesheimer Bunker gekauft hatten. Schnell stellte sich heraus, dass ein Umbau zu aufwendig würde. Allein schon in die zwei Meter dicken Außenwände Fenster hineinzubrechen, wäre ein schwieriges Unterfangen gewesen. Zudem fürchtete Architekt Tim Kuhlmann, dass die Fenster dann eher den Charakter eines Schachts oder Tunnels hätten.

So entschied man sich, die exklusiven Penthouse-Wohnungen einfach oben auf den Bunker zu stellen. Der Blick von hier reicht auf der einen Seite weit über den Main, auf der anderen bis in den Taunus.

Freundliches, ziviles Haus in Kassel

Modernes Haus mit Klinker-Fassade

Dem verklinkerten Wohnhaus in der Kasseler Gräfestraße 9 sieht man auf den ersten Blick nicht mehr an, dass es 1941 als Hochbunker gebaut worden war. Mit großen Fenstern, Balkonen und einem aufgesetzten zweigeschossigen Mansardendach hat die Kasseler Architektengemeinschaft Groger Grund Schmidt aus dem Kriegsbunker ein freundliches ziviles Haus mit zwölf Wohnungen gemacht. Auch ihr eigenes Büro haben die Architekten hier untergebracht.

Innenansicht einer modernen Wohnung mit viel Glas und Beton

Um große Fenster zu schaffen, wurden mehr als 2000 Tonnen Stahlbeton aus den Wänden gesägt. Die Blöcke konnten zum Teil bei einem Vorbau wiederverwendet werden. Im Inneren erinnern einzelne rohe Betonwände an die Geschichte des Gebäudes.

Immobilienverkäufer propagieren "Faszination Bunker"

Im Zweiten Weltkrieg ließen die Nationalsozialisten in rund 60 deutschen Großstädten Bunker zum Schutz der Zivilbevölkerung vor Bombenangriffen errichten. Oft wurden zum Bau Zwangsarbeiter eingesetzt. Nach dem Krieg dienten viele Bunker als provisorische Wohnheime. Im Kalten Krieg wurden sie oft wieder als Schutzräume hergerichtet oder sogar zum Atombunker hochgerüstet. Seit den 1980er Jahren wurden die Bunker dann immer öfter für zivile Zwecke genutzt - zur Champignonzucht, als Fledermausquartier und immer wieder als Proberaum für Bands oder Lager für Wagen und Kulissen von Karnevalsvereinen.

Seit 2012 propagiert die Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (BImA) mit Wettbewerben die "Faszination Bunker" und sucht nach Käufern für die sperrigen Immobilien. Die Universität Kassel erforscht bauphysikalische Aspekte der Umnutzung und an der TU Darmstadt beschäftigten sich Studierende mit der Frage "Können Bunker Architektur?".

Umbau ist einfacher geworden

Mittlerweile ist der Umbau von Bunkern durch den Einsatz von Seil- und Diamantsägen etwas einfacher geworden. Zudem stehen die Bunker meist in guten Lagen in gewachsenen Wohngebieten. Jüngere Generationen gehen ohne böse Kriegserinnerungen an die Gebäude heran.

Baustelle am Glauburgbunker im Frankfurter Nordend: Fundstelle der Weltkriegsbombe

Das alles erklärt den neuen Trend zum Bunker-Umbau, der überall in Hessens Städten zu beobachten ist. Oft sind Bunker auch recht günstig zu haben, die BImA bietet Hochbunker auf ihrer Webseite schon zu Preisen ab etwa 150.000 Euro an, Grundstück inklusive. Kommunen bekommen für gemeinnützige Zwecke in der Regel günstigere Preise als der freie Markt.

Je teurer der Baugrund in den Städten, desto attraktiver wird für Investoren allerdings auch ein aufwendiger Abriss mit erheblichen Belastungen für die Nachbarschaft, wie er in diesen Tagen am Frankfurter Glauburgbunker beginnt. In der Freiligrathstraße im Frankfurter Ostend ist ein kompletter Bunker-Abriss gerade abgeschlossen worden.

Gedenkstätte im Hochbunker an der Friedberger Anlage in Frankfurt von außen

Die Stadt Frankfurt hat im Jahr 2015 sechs Bunker von der BImA gekauft - zum Gesamtpreis von 2,145 Millionen Euro. Damit sollte die kulturelle Nutzung in den Gebäuden durch Bands und Vereine gesichert werden. Zum Paket zählte auch der Bunker an der Friedberger Anlage, den die Nazis hier an der Stelle von Frankfurts größter Synagoge von Zwangsarbeitern hatten errichten lassen. Heute befinden sich hier eine Gedenkstätte und Ausstellungen unter anderem zur Geschichte der Juden im Frankfurter Ostend.

Neuer Wohnraum auf versiegelten Flächen

Dieser Hochbunker steht - ebenso wie rund ein Dutzend weitere in Frankfurt - unter Denkmalschutz. Dazu gehört auch der Bunker im Stadtteil Fechenheim, der im Krieg als Sakralbau getarnt war. Er wurde zum Wohnhaus umgebaut und 2019 als Denkmal des Jahres ausgezeichnet.

Außenansicht eines Bunkers mit weißer Fassade

Wohnen im Bunker, das ist auch für Frankfurts Planungsdezernenten Mike Josef (SPD) eine weitere Option im Ringen um neuen Wohnraum. So fördert die Stadt jetzt den Umbau eines Bunkers in Frankfurt-Heddernheim mit 1,33 Millionen Euro. Die städtische Wohnungsbaugesellschaft ABG plant hier 14 neue Sozialwohnungen und will den Bunker dafür um ein Staffelgeschoss und einen Anbau erweitern. "So entsteht dringend benötigter preisgünstiger Wohnraum", freut sich Planungsdezernent Josef, "ohne dass unbebaute Fläche versiegelt werden muss."

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