Audio

Welche Themen junge Ausstellungsmacherinnen besonders beschäftigen

Wie macht man eine spannende Ausstellung? Das lernen und leben Louisa Behr und Anna Holms an der Städelschule in Frankfurt. Sie wollen zeitgenössische Kunst so zeigen, dass sie das Publikum etwas angeht.

Im Frankfurter Museum für Moderne Kunst (MMK) stehen neue Bänke. Und zwar nicht die üblichen, lieblos in Ecken gezwängten Exemplare oder die, die obligatorisch vor langen Videoarbeiten platziert sind. Diese hier sind leuchtend blau, mit einladenden Sprüchen beschrieben - "rest here", steht darauf, ruh' dich hier aus. Sie sind funktionale Objekte, aber vor allem sind sie Kunst.

Die Arbeiten von Shannon Finnegan passen perfekt in die aktuelle Ausstellung im MMK: "Crip Time" - übersetzt "Krüppelzeit" - nimmt Diskriminierung gegenüber Menschen mit psychischen und physischen Beeinträchtigungen in den Blick. Verletzlichkeit und Fürsorge werden mitgedacht. Wer rasten will oder muss, der raste.

Eine blaue Bank mit der Aufschrift "It was hard to get here. Rest here if you agree."

So sollten Kunstausstellungen funktionieren, finden Louisa Behr und Anna Holms. Beide sind Mitte 20 und stehen kurz vor ihrem Masterabschluss. Sie studieren "Curatorial Studies" an der Frankfurter Städelschule und an der Goethe-Universität. Es ist ein renommiertes und deutschlandweit einzigartiges Programm für junge Ausstellungsmacher nach amerikanischem Vorbild. Kuratorische Praxis wird hier im theoretischen Kontext eingebettet erlernt, erprobt und perfektioniert.

Ausstellungen dürften nicht theoretisch bleiben

Wenn Behr und Holms an ihre kuratorische Arbeit denken, sprechen sie nicht sofort über die inhaltliche Ausrichtung ihrer Projekte. Im Fokus steht die Frage: Wie wollen wir arbeiten? Die Form muss den Inhalt auffangen, damit die Ausstellung keine theoretische Abhandlung bleibt, sondern sich mit der Lebensrealität des Publikums verbindet. So wie bei "Crip Time" im MMK. Dort werden Zugänglichkeit und Repräsentation - laut den jungen Ausstellungsmacherinnen gerade Trend-Themen in der Kunst - nicht nur auf theoretischer Ebene, sondern konkret unter Einbeziehung des Publikums behandelt.

Als Kuratorinnen sehen sich Behr und Holms als Vermittlerinnen zwischen Künstlern, Werk und Publikum. Sie stellen Bezüge her, in denen Besucher einer Ausstellung sich wiederfinden können - oder eben nicht. Ausstellungen zu machen, das bedeute konkrete Ansätze für einen gesellschaftlichen Wandel vorzuschlagen.

Ausstellung "Can you hear the (...) thinking?"

"Wir müssen darüber ins Gespräch kommen, wie Gesellschaft aussehen kann. Impulse setzen, Vorschläge machen", sagt Holms. "Wie läuft eigentlich Museum für Menschen, die Beeinträchtigungen haben? Wie funktioniert Gesellschaft für diese Menschen? Und inwieweit schließt Gesellschaft die Menschen aus? Inwieweit gibt es Entwürfe für neue Räume oder einfach eine bewusstere Inklusion?".

"Kunst kann nicht nicht politisch sein"

Dass das alles sehr politisch klingt, kommt nicht von ungefähr. "Kunst kann nicht nicht politisch sein", findet Behr. "Nichts, was man im Leben macht, ist nicht politisch." Als Leitgedanken für Ausstellungen der Zukunft nennen sie und Holms neben Zugänglichkeit und Repräsentation Kollaboration, Nachhaltigkeit, Teilhabe und gesellschaftliche Relevanz. Die Schlagworte sind Kampfbegriffe - auch wenn sie den beiden ganz unaufgeregt und selbstverständlich von den Lippen gehen.

Behr und Holms verlangen keinen radikalen Wandel von jetzt auf morgen, sondern einen nachhaltigen. Sie wollen Widersprüche transparent machen, sie aushalten, aber nicht als unveränderlich hinnehmen. "Die Kunstwelt hat ein Problem mit einer Doppelmoral", sagt Behr. Oft würden Absichten bekundet, doch hinter der Fassade schaue es dann ganz anders aus. "Man kann vieles in der Theorie besprechen, im Endeffekt kommt es darauf an, wie man Absichten im Alltag umsetzt", ergänzt Holms.

Kuratorinnen zeigen sich selbstkritisch

Dass es manchmal gar nicht so einfach ist, diese Absichten Wirklichkeit werden zu lassen, haben die beiden bereits erfahren. Im vergangenen Sommer etwa haben die Ausstellungsmacherinnen gemeinsam mit fünf FLINTA-Künstlerinnen (FLINTA steht für Frauen, meist spezifisch cis hetero Frauen, Lesben, Inter Menschen, Nichtbinäre Menschen und Trans Menschen, Anm. d. Red.) eine Ausstellung im Offenbacher Projektraum Magma Maria realisiert - losgelöst von ihren üblichen Rollen wue Kuratorin oder Künstlerin. Sie wollten sich hierarchiefrei begegnen, es durften also alle überall mitreden.

Ausstellung "Can you hear the (...) thinking?"

Nur: Unliebsame Aufgaben hätten am Ende doch wieder diejenigen übernommen, die für gewöhnlich damit betraut sind. "Man versucht, sich auf Augenhöhe zu begegnen, aber es gibt natürlich Bereiche, in denen funktioniert eine Person besser als die andere", resümiert Holms.

Ähnlich verhält es sich beim Thema Klimaneutralität. "Wie können wir die Rahmenbedingungen für unsere Ausstellungen nachhaltiger gestalten? Müssen wir zum Beispiel Flyer drucken?", so Holms. "Und dann hat man doch wieder den ganzen Tag im Ausstellungsraum verbracht und To-go-Essen aus Plastikverpackungen verzehrt", schließt Behr. Sie sagt das nicht resignierend, sondern ganz sachlich: Hier gibt es eben noch etwas zu tun.

Kunst als Denkanstoß

Für die Zukunft wünscht sich Behr, mehr Perspektiven abgebildet zu sehen: Erzählungen, die nicht vornehmlich männlich, weiß und europäisch geprägt sind. Holms möchte den öffentlichen Raum bespielen und dabei Menschen ins Boot holen, die sie mit einer Museumsausstellung vielleicht nicht erreichen würde.

Für die Kuratorinnen von morgen geht es in ihrer Arbeit nicht nur um das Was, sondern um das Wie. Das Ergebnis aber kann auch ohne theoretischen Überbau funktionieren. "Für mich kann Kunst da anfangen, wo Sprache nicht mehr ausreicht", erklärt Behr. Das bedeute aber gleichzeitig: Kunst kann auch einfach für sich stehen. "Ob ich eine Arbeit in dem Moment supertoll oder schrecklich finde, ist erstmal egal. Aber sie muss etwas mit mir machen", sagt sie. Das perfekte Kunsterlebnis? Vielleicht ein Denkanstoß.

Weitere Informationen Ende der weiteren Informationen