"Sneature": Ein beigefarbener Turnschuh aus Pilzen und Hundehaar-Wolle mit hohem Schaft

Bei der Frankfurter Fashion Week geht es wieder um Nachhaltigkeit in der Mode. Zwei hessische Designerinnen haben ihre ganz eigenen Vorstellungen: Ihre Looks lassen sich immer wieder recyceln.

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Hessische Ideen gegen den Modemüll

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Gummisohle, Wollmaterial, hoher Schaft - ein Schuh, wie man ihn aktuell in vielen Geschäften sieht. Oder? Tatsächlich ist der "Sneature" kein normaler Turnschuh. Alles an ihm ist organisch. Er besteht unter anderem aus gestricktem Hundehaar, Naturkautschuk und Pilzwurzeln. Das macht ihn biologisch abbaubar.

Im Moment gibt es den Turnschuh nur als Prototyp. Er war das Abschlussprojekt von Emilie Burfeind an der Hochschule für Gestaltung (HfG) in Offenbach. Damit wollte die Jung-Designerin zeigen, welches Potenzial Naturmaterialien haben. Im Gegensatz zum herkömmlichen Sneaker, der eine wilde Materialmischung und damit sehr umweltschädlich ist, lässt sich Burfeinds Turnschuh in seine Bestandteile zerlegen und reparieren. Abgenutzte Teile können erneuert oder kompostiert werden.

Wie etwa die Sohle aus Pilzmyzel. Um dieses Material herzustellen, werden die Wurzeln von Pilzen mit Hanf oder Gemüseabfällen vermischt, erklärt die 27-Jährige. Die Pilzwurzeln würden diese Nährstoffbasis durchwachsen "und dadurch entsteht ein Komposit, das ähnliche Eigenschaften hat wie Styropor, also leicht federnd und schaumstoffartig".

Zellen eines Pilzes

Mode als Teil eines Kreislaufs

Mit ihrem Sneature hat Emilie Burfeind die grundlegende Idee von "Circular Fashion" erfasst: Mode soll danach nicht nur ein schnelllebiges, billiges Produkt sein, das man nach einer Saison wieder entsorgt, sondern Teil eines Kreislaufs, der vom Rohstoff über die Herstellung bis zur Weiterverwertung ganz bewusst und nachhaltig sein soll.

Dieses System sei gerade in der Modebranche nötig, findet Christine Fehrenbach, Beraterin für nachhaltige Markenentwicklung. "Wir haben über kurz oder lang ein großes Ressourcen-Problem", stellt die Frankfurterin fest. "Aktuell werden tatsächlich alle fünf Minuten eine Million neue Kleider hergestellt und 90 Prozent davon landen auf dem Müll."

Dieser Modemüll könne meist nicht mehr sinnvoll genutzt werden, bemängelt Fehrenbach. "Viele Sachen werden so hergestellt, dass sie Mischmaterialien sind. Nehmen wir mal Polyacryl und Baumwolle, die Sachen sind nicht zu recyceln." Für Circular Fashion müssten sich Designer und Designerinnen deshalb schon vorab überlegen, welches Material sie verwenden, wie sie möglichst wenig Verschnitt haben und wie das Produkt lange getragen werden kann.

Circular Fashion

Immer mehr Labels setzen auf Nachhaltigkeit

Die Modebranche müsse dringend umdenken, sagt Fehrenbach. Um diese Botschaft zu vermitteln, hat sie für die Frankfurter Fashion Week (17. bis 21. Januar) eine Ausstellung mit nachhaltigen Mode- und Designlabels aus Hessen organisiert. Zum Teil tut sich sogar schon etwas bei großen Unternehmen: Zara, Hugo Boss und die Otto-Group bringen mittlerweile nachhaltige Mode im Sinne der Circular Fashion auf den Markt und verkaufen zum Beispiel gleich noch ein Reparatur-Set zum Flicken kleiner Löcher mit.

"Das ist tatsächlich ein Trend", stellt Fehrenbach fest. Zum einen würden Firmen das aus Marketing-Zwecken tun. Aber auch die Ressourcen spielten eine Rolle: "Wenn wir keine mehr haben oder nicht mehr genug, werden die Materialien viel, viel teurer. Insofern ist das Interesse der Unternehmen, dass sie die Produkte wieder zurückbekommen und dass sie sie gut weiterverarbeiten können." Oftmals seien die Bemühungen der Firmen aber erst einmal Pilotprojekte.

"Aus Materialien produzieren, die bereits vorhanden sind"

Eine Frau mit langem Camel-farbenem Mantel geht mit ihrem Hund spazieren

Kleine Modelabels sind da oft schon weiter. "Solostücke" aus Wiesbaden zum Beispiel. Die Sweatshirts, Pullover und Hoodies, die das Unternehmen auf seiner Internetseite verkauft, werden in Deutschland aus Textilresten produziert. Svenja Bickert-Appleby, eine der Firmengründerinnen, erklärt: "Es ist das absolut Nachhaltigste, aus Materialien zu produzieren, die bereits vorhanden sind."

Dabei geht es nicht um Stoffschnipsel, sondern ganze Stoffrollen. Solche Restposten gebe es häufig in der Textilindustrie, weiß Bickert-Appleby. Etwa zehn bis 15 Prozent der Materialien blieben schon bei der Produktion übrig. "Das sind keine gefertigten Kleidungsstücke, sondern textile Rollenmaterialien, die in Lagern in Deutschland liegen und eigentlich nicht mehr verwendet werden", erklärt sie. "Normalerweise werden die ab einem bestimmten Zeitpunkt entsorgt."

Produziert wird erst nach der Bestellung

Genau dieses Material kaufen Svenja Bickert-Appleby und ihre zwei Gründer-Kolleginnen. Sie errechnen, wie viele Pullis und Hoodies daraus gemacht werden können und bieten genau diese Menge ihren Kunden und Kundinnen in verschiedenen Größen an. Produziert wird erst, wenn diese Stückzahl bestellt ist. "Pre-Order" nennt sich das Prinzip. "Deshalb dauert es auch wirklich acht Wochen, bis das Produkt hergestellt und beim Kunden ist", sagt Svenja Bickert-Appleby. Dafür seien ihre Shirts besondere, nachhaltige Einzelstücke.

Nachhaltig, aber nicht ganz billig: Jedes Solostücke-Shirt kostet 139 Euro. Dafür bietet das kleine Modelabel auch einen Reparatur-Service, Infos zu Herstellung und Produktion sowie Recycling-Optionen an. Weil die Mode kein Materialmix ist, wird sie entweder teilweise wieder verarbeitet oder als Secondhand-Ware verkauft. Sie endet also nicht wie vieles aus dem Altkleider-Container als Putzlappen oder Füllmaterial, sondern bleibt im Kreislauf - ganz im Sinne der Circular Fashion eben.

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Frankfurt Fashion Week

Vom 17. bis zum 21. Januar wird Frankfurt wieder zum Zentrum der internationalen Modewelt. Das Motto lautet "Reform the Future": Wie kann die Modebranche den Wandel zu mehr Nachhaltigkeit bestreiten? Darum geht es unter anderem in Diskussionsforen, Vernissagen und Pop-Up-Showrooms. Wegen der Corona-Pandemie finden viele Veranstaltungen digital statt.

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