Clubs in Hessen dürfen öffnen

Am Montag dürfen die Diskotheken in Hessen wieder öffnen, getanzt werden darf aber nicht. So wird der Club vielerorts zur Bar. Die Clubbesitzer sind geteilter Meinung.

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Der leere Gibson-Club in Frankfurt
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Mitte März mussten in ganz Deutschland Clubs und Tanzlokale schließen. Ab Montag sollen sie in Hessen wieder öffnen dürfen. Für die rund 100 Diskotheken in Hessen gelten künftig die gleichen Regeln wie für die Gastronomie. Das heißt: Sie dürfen Gäste bewirten. Doch die Tanzflächen müssen dicht bleiben.

"Das ist ein Schritt, der bemerkenswert ist", sagt Julius Wagner, Hauptgeschäftsführer des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbands (Dehoga) Hessen. Die Öffnung der Clubs sei ein erster Schritt in die richtige Richtung. "Man zeigt den Clubbesitzern: Ihr seid nicht vergessen."

Viele Clubs seien vorbereitet, dennoch gebe es Vorlaufzeiten. Er rechnet mit der ersten Club-Öffnung im November. Die Tanzfläche könne dann zur Sitzfläche werden, DJs könnten für die passende Musik sorgen. Denkbar seien auch Kabinen mit Plexiglas-Wänden für kleine Gruppen. "Das Tanzerlebnis fehlt, aber es geht darum, die Leute aus dem privaten Dunkel herauszuholen", sagt Wagner.

Ausgaben reinbekommen

Christian Gerhardt leitet den Club "Grauzone" in Kassel. Ihn hat es besonders hart getroffen. Im April sollte der Club erstmalig seine Pforten öffnen. Über ein halbes Jahr hatten er und sein Team an dem Konzept gearbeitet. Doch Corona machte Christian Gerhardt einen Strich durch die Rechnung. Statt zur erhofften Neueröffnung, kam es zur Schließung.

Die Öffnung der Clubs, auch ohne Tanzmöglichkeiten, sei eine Hilfe. "Es ist immerhin eine Möglichkeit, um Gelder zu erwirtschaften", sagt Gerhard. Aktuell gehe er, so wie viele Kollegen, einem zusätzlichen Job nach, um seinen Club am Leben zu halten. Wenn sein Lokal öffnet, könne er zumindest die Ausgaben reinbekommen, so seine Hoffnung.

Sofas auf der Tanzfläche

Um für eine hohe Sicherheit im Club zu sorgen, möchte Gerhard eine neue, bessere Lüftungsanlage einbauen lassen. Auf der Tanzfläche sollen Sofas stehen. So könnten ungefähr 50 Leute in den Club passen, der eigentlich auf 200 Menschen ausgelegt ist.

Am Eingang müssen die Gäste ihren Ausweis vorzeigen und Personalien hinterlassen, auch für Desinfektionsmittel ist gesorgt. Wenn die Lüftungsanlage eingebaut sei, könne der Club öffnen. Das wird voraussichtlich im November sein. "Aufgeben ist keine Option", sagt Gerhard.

"Sind in einer Art Wachkoma"

Matthias Morgenstern, Betreiber des Frankfurter Clubs "Tanzhaus West" ist mit der neuen Lösung nicht einverstanden. Er fordert eine komplette Öffnung der Clubs. "Wir halten von dieser Regelung nichts. Das geht in eine falsche Richtung", sagt Morgenstern. Die größte Gefahr gehe aktuell von privaten Feiern aus. Tanzen in der Illegalität werde so weiter stattfinden.

"Wir sind die sichere Variante", so der Clubbesitzer, der ebenfalls als Vorstand des Netzwerkes "Clubs am Main" tätig ist. Es gebe technische Möglichkeiten, um Tanzveranstaltungen wieder möglich zu machen wie Zu- und Abluftsysteme, die die Luft reinigen. Außerdem hält er es für möglich, ein gemeinsames Ticket-System zu entwickeln. Dort könnten die Clubbesitzer die Kontaktdaten der Gäste zentral erfassen.

Die aktuelle Maßnahme sei nur für wenige Clubs umsetzbar. "Wir sind in einer Art Wachkoma. Unsere Geschäftsidee ist ausgehebelt", sagt Morgenstern. Er fordert die Politik auf, mutiger zu sein. Seine Prognose: Wenn es so weitergehe, sei im nächsten Jahr die Hälfte der Clubs nicht mehr da.

Interaktion zwischen Gästen

Das Gibson in Frankfurt ist aktuell mitten im Umbau. Doch auch hier sollen bald wieder Gäste einen Platz finden. "Es ist wichtig, dass die Clubs eine wirtschaftliche Grundlage haben", sagt Besitzer Madjid Djamegari. Bei dem neuen Konzept stehe das Geselligsein im Vordergrund. Auch hier wird der Tanzclub zum Sitzclub. Etwas über 400 Leute sollen unter Corona-Maßnahmen im Gibson unterkommen, sonst sind es bis zu 1.100.

Derzeit arbeitet das Team daran, eine Interaktion zwischen den Gästen zu ermöglichen. Wie genau das aussehen wird, weiß Djamegari noch nicht. Eine erste Idee ist das altmodische Tischtelefon. Einen großen Umsatz erwartet Djamegari nicht. Finanziell stehe am Ende die schwarze Null, so der Gibson-Besitzer: "Aber das ist absolut okay. Es geht darum, Strukturen aufrecht zu erhalten."

"Peak nach Mitternacht fehlt"

Das Chinaski in Frankfurt ist unter Feierwütigen als Club bekannt, auf dem Papier aber eine Bar. Deshalb hätte Besitzer und DJ Julian Smith schon vor längerer Zeit wieder öffnen dürfen. Über die Sommermonate konnte er sich mit dem Außenbetrieb über Wasser halten. Doch jetzt kommt der Winter. Die neue Regelung sei zumindest ein Lichtblick. "Wir sind happy. Das ist unser Job, unsere Passion", sagt Smith.

Doch Maßnahmen wie Sperrstunden würden es den Clubbesitzern schwer machen. "Der Peak nach Mitternacht fehlt dann total", sagt Smith. Denn erst nach Mitternacht würden die meisten Gewinne gemacht werden.

Mindestverzehr von 30 bis 50 Euro

Auf der Tanzfläche im Chinaski stehen nun neue Hochtische. Statt Partys soll es Wein und Kleinigkeiten zum Essen geben. Unter der Woche sollen die Gäste einen Mindestverzehr von 30 Euro bezahlen, am Wochenende 50 Euro. "Ich hoffe die Leute haben Verständnis dafür. Das hilft dem Gastronom", sagt Chinaski-Besitzer Smith.

Besitzer Ansgar Fleischmann vom Silbergold in Frankfurt glaubt, dass es schwierig sein könnte, aus einem dunklen Club eine Bar zu machen. In seinem Club seien kaum Sitzmöglichkeiten vorhanden. Auch finanziell rechne es sich nicht. "Eine Gästereduktion wegen Abstandsregeln ergibt wirtschaftlich keinen Sinn", sagt Fleischmann. Er glaubt, dass Feiern erst dann wieder richtig möglich ist, wenn es einen Impfstoff gibt.

Selfie-Club statt Tanz-Location in Fulda

Selfie-Club Fulda

In Fulda haben die Betreiber des S-Clubs keine Lust auf eine Wiedereröffnung in der Light-Version. Mitgeschäftsführer Jens-Ole Bolik sagt deshalb: "Wir sind eine Location, in der man am Ende des Tages die Sau rauslassen, tanzen und Spaß haben kann. Daher wollen wir mit dem Club erst starten, wenn das wieder gewährleistet werden kann."

Bis dahin verfolgen die Party-Macher im S-Club erstmal ein anderes Konzept: Sie haben das ehemalige Varieté-Theater zu einem Selfie-Club umfunktioniert. Vor über 20 verschiedenen Kulissen auf insgesamt vier Ebenen des Gebäudes können Besucher Selbstporträts machen; zum Beispiel auf dem Rücken eines Einhorns, vor Engelsflügeln an der Wand oder in einer goldenen Badewanne in mondänem Ambiente.

Rund 30 Personen können gleichzeitig in den Selfie Club und Zeitfenster von jeweils 90 Minuten nutzen. Das Angebot gibt es vorerst vom 29. Oktober bis 10. Januar. Das Konzept diene der Standortsicherung, weil der Club seit rund sieben Monaten wegen Corona geschlossen sei, erklären die Club-Betreiber. Bisher gebe es nur wenige dieser Selfie-Museen, etwa in Berlin und Köln. Aber auch im südhessischen Michelstadt gab es zeitweise ein sogenanntes Instagram-Museum.