Die einen bedrucken Klopapier, die anderen ziehen sich aus: Spendenkampagnen sollen in Hessen Existenzen Kulturtreibender retten. Hunderttausende Euro kamen so schon zusammen.

Audiobeitrag

Audio

Audioseite Von Kleinvieh und Großspenden

Spendenstand Hafen 2 - auf einer Schulter steht die Zahl 50.289
Ende des Audiobeitrags

Künstler-Klopapier für 50 Euro pro Blatt

Eine besonders witzige Initiative kam aus Kassel. Der Karikaturist Gerhard Glück rief dort mit dem KulturBahnhof Kassel e.V. und unterstützt vom Kulturdezernat der Stadt die Kampagne "Ohne Kultur isses für’n Arsch" ins Leben. Nach dem Motto "Klopapier ist zurzeit die härteste Währung in Deutschland!" bestempelte Glück Blatt für Blatt hochwertiges Klopapier von Hand mit seinen Zeichnungen. Kostenpunkt: 50 Euro pro Blatt.

"Hamstert Klopapier für die Kasseler Kultur und unterstützt damit die Kulturschaffenden der freien Szene in Kassel!" mit dieser Aktion kamen rund 54.000 Euro zusammen. Das Geld floss an Künstlerinnen und Künstler sowie Spielstätten aus den Bereichen Musik, bildende Kunst, Schauspiel und Tanz.

Hafen 2 verteilt die Last auf vielen Schultern

Der Hafen 2 in Offenbach feierte am 22. Februar noch seinen Geburtstag mit internationalen Bands. Am 13. März musste auch dort alles schließen. Die rund 20 Festangestellten kämpften mit Existenzängsten und starteten einen Spendenaufruf. Sie riefen die "Hafenschulternkampagne" ins Leben. Um den Betrieb "zu schultern", stellen die Betreiber an vielen Tagen Fotos ins Netz. Darauf ist ein Mitarbeiter oder eine Mitarbeiterin mit nackter Schulter und dem aktuellen Spendenstand darauf geschrieben zu sehen.

Insgesamt kamen bislang 60.000 Euro zusammen. Damit konnten alle monatlichen Fixkosten gedeckt und die Mitarbeiter bezahlt werden. "Im Nachhinein scheint es uns wie ein Wunder", sagt Hafen 2-Sprecherin Andrea Weiß. "Ich hatte zu Anfang der Pandemie gleich eine Lungenentzündung und große Existenzängste, heute dagegen schaue ich zuversichtlich in die Zukunft."

Geld für 200 Selbstständige in Frankfurt und Offenbach

Eine der wohl erfolgreichsten Spendenkampagnen wurde von einer Gruppe von Kulturliebhabern um die ehemalige Frankfurter Bildungsdezernentin Sarah Sorge (Grüne) ins Leben gerufen. "Die Kulturzeiter*innen". "Der Name hat nichts mit der Kultursendung auf 3sat zu tun, sondern entstand, weil Zeit für Kultur wegbrach". Diese Kulturzeit habe man retten wollen.

Über eine Webseite konnten Kulturschaffende Videos hochladen und zu Spenden aufrufen. "Im Sommer hatten wir bereits 100.000 Euro gesammelt", berichtet Sorge. Das Geld bekamen 200 selbstständige Künstlerinnen und Künstler aus Frankfurt und Offenbach, die sich um Unterstützung beworben hatten.

Schlachthof spendet seine Spenden

Ebenfalls sehr schnell und sehr erfolgreich war das Kulturzentrum Schlachthof in Wiesbaden. Die Macher starteten im April eine Social Media Kampagne über Facebook und sammelten so von Fans und Publikum rund 155.000 Euro an Spendengeldern ein, sagt Pressesprecher Hendrik Seipel-Rotter. Das Besondere an dieser Aktion: ein Teil der Gelder ging auch an andere Menschen in Not, darunter eine Hilfsorganisation für Geflüchtete. "Von diesen 155.000 Euro haben wir zehn Prozent abgeführt, und zwar je zur Hälfte an die Seebrücke und an Frauen helfen Frauen."

Zudem wurde das Coron-Arts Festival ins Leben gerufen, eine Freiluftbühne für Künstlerinnen und Künstler aus Wiesbaden und Umgebung, die im kommenden Sommer stattfinden wird. "Das Besondere an dem Festival ist, dass die Gage für die künstlerische Darbietung bereits in diesem Jahr ausgezahlt wird."

Grüne-Soße-Aktie mit Mispelchen-Dividende

Unter dem Namen "Kräuter für Künstler" arbeiten Maja Wolff und ihr Team ehrenamtlich für die Frankfurter und Offenbacher Kreativszene. "Immer im Oktober findet ja die Grüne Soße Gala statt", sagt Maja Wolff, "da verkaufen wir immer viele Lose, und wir haben uns entschieden, diese Lose zu spenden". So konnte ihr Team rund 14.000 Euro einsammeln. "Nicht so viel wie erwartet", aber immerhin ein kleines Sümmchen. Zwei Drittel davon seien in den Nothilfefonds des Kulturamts der Stadt Frankfurt geflossen, den Rest bekamen die Kulturzeiter*innen.

"Und jetzt, wo Weihnachten vor der Tür steht und die Kreativszene wieder in Zwangsurlaub geschickt wurde, brauchen viele Künstlerinnen und Künstler unsere Hilfe besonders." Deswegen gebe es seit Dezember die Grüne-Soße-Aktie. Sie kostet zehn Euro und ist eine Art Gutschein für diverse Restaurants, Weingüter und Keltereien im Rhein-Main-Gebiet. "Und vielleicht gibt es auch eine Dividende in Form eines Mispelchens." Der flexible Gutschein kann auch in Theatern eingelöst werden.

Natürlich gibt es noch viele andere erfolgreiche Spendenkampagnen in Hessen. Sie alle sind Beweis für Mut, Kreativität und Überlebenswillen. In den kommenden Monaten werden Künstlerinnen und Künstler weiterhin Hilfe brauchen, denn die Durststrecke ist noch nicht überstanden.

Sendung: hr2-kultur, 3.12.2020, 07.12 Uhr