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Audioseite Wiesbaden sucht einen Nachtbürgermeister

Kombination von zwei Fotos: zwei Menschen auf einer Parkbank, die auf den See blicken und eine Menge junger Leute, die tanzen und feieren.

Einen OB hat Wiesbaden und einen Bürgermeister auch. Jetzt soll noch ein "Nachtbürgermeister" her, der das Nachtleben fördert und zwischen Anwohnern und Partyszene vermittelt. Die Bedingungen sind ernüchternd, findet Christoph Scheffer.

Wiesbaden hat Dutzende interessante Jobs zu vergeben. Auf ihrem Karriereportal sucht die Landeshauptstadt derzeit amtliche Spielplatzprüfer und Forstwirtinnen zur Pflege des städtischen Grüns, eine Oberbrandmeisterin und die Leitung zweier Stadtteilbibliotheken sowie Ingenieure für Gebäudetechnik und IT. Zwischen all diesen mehr oder weniger gut dotierten Stellenangeboten findet sich auch die erstmals zu besetzende Position eines "Nachtbürgermeisters" - selbstverständlich weiblich, männlich oder divers.

Was Metropolen wie New York, Amsterdam oder Mannheim schon haben, soll es jetzt auch in Wiesbaden geben: eine Person, die das nächtliche Kultur-, Club- und Partyleben der Stadt fördert, die Kommunikation der Szene mit der Politik moderiert und bei Konflikten mit Anwohnern vermittelt. Eine gute Idee, die auf eine Anregung des Jugendparlaments der Stadt zurück geht.

Nachtleben für eine Kur- und Beamtenstadt

Aus Sicht der Jugendlichen geht es dabei vor allem um eine Belebung der unterentwickelten Szene. Mehr Clubs, mehr Bars, mehr Treffpunkte - das alles soll der oft als "Spießbaden" geschmähten Kur- und Beamtenstadt zu einem Nachtleben verhelfen, das den Namen verdient. "Entwickeln und Fördern von Konzepten zur Belebung der Nachtkultur", heißt es denn auch in der Stellenbeschreibung.

Der Nachtbürgermeister - oder die Nachtbürgermeisterin - wäre demnach vor allem eine Lobbyistin der Club- und Party-Szene, die in der Corona-Pandemie besonders zu leiden hatte. Anstelle der geschlossenen Clubs wurden öffentliche Plätze und Straßen zu Treffpunkten der Jugend - verbunden immer auch mit Lärm und Scherben, manchmal mit Radau und Gewalt.

Mammutaufgabe

Die Erwartung vieler Anwohner an einen Nachtbürgermeister dürfte daher eine ganz andere sein: nämlich für Einhaltung der Nachtruhe zu sorgen und die Partyszene möglichst aus der Innenstadt rauszuhalten. Im Aufgabenprofil heißt es dazu: "Vermitteln bei auftretenden Interessenwiderstreiten bzw. Konflikten und Erarbeiten von Lösungsvorschlägen"

Eine Mammutaufgabe, die Einfühlungsvermögen und Glaubwürdigkeit für beide Seiten erfordert, außerdem Belastbarkeit und gute Ideen. Erwartet werden zudem einschlägige Erfahrung und Szenekenntnisse sowie die Bereitschaft zu flexiblen Arbeitszeiten - letzteres liegt in der Natur der Sache. Ein Nachtbürgermeister, der das alles schafft, würde der Stadt sicher guttun und könnte ihr auch manchen teuren Polizeieinsatz ersparen.

Nicht mehr als ein Bahnticket

Um so verwunderlicher, was die Stadt Wiesbaden für den Job bietet: So gut wie nichts nämlich. Die 14 Stunden pro Woche soll die Nachtbürgermeisterin ehrenamtlich arbeiten - dafür gibt's "die übliche Aufwandsentschädigung". Das sind 840 Euro - im Jahr wohlgemerkt! - plus ein Job-Ticket des RMV obendrauf.

"Sie fühlen sich angesprochen?" fragt der Ausschreibungstext verführerisch. Ich würde sagen: Nein! Es geht hier um einen anspruchsvollen Job zwischen Sozialarbeit und Kulturmanagement. Wer dafür nicht mehr als ein Bahnticket bieten will, nimmt die Aufgabe offenbar nicht wirklich ernst. Bewerbungen für die Position des Nachtbürgermeisters nimmt die Stadt Wiesbaden bis zum 1. Oktober entgegen. Idealisten aller Geschlechter sind dabei besonders willkommen.

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