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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found "Wir haben eine Welle der Solidarität erlebt"

Städel-Direktor Philipp Demandt

Museen sind nicht das "Pausenbrot der Gesellschaft", sondern ihre Grundlage, sagt Philipp Demandt, Chef des Frankfurter Städel. Im Interview wünscht er sich, dass die Ausstellungshäuser nicht erst nach Baumärkten geöffnet werden.

In einem offenen Brief an Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) haben sich 50 deutsche Museumsleiterinnen und -leiter für die baldige Öffnung ihrer Häuser stark gemacht. Philipp Demandt, Chef des Frankfurter Städel Museums, hat den Brief mitunterzeichnet.

Die Ausstellungshäuser haben viel Platz, gute Klimaanlagen und können Besucherströme lenken, sagt er und hofft, dass sie bald rauskommen aus dem Lockdown.

hessenschau.de: Herr Demandt, "Kunst für alle" ist das Credo des britischen Künstlerpaars Gilbert und George. Deren Werke hängen derzeit in der Schirn Kunsthalle in Frankfurt - die wegen Corona aber geschlossen ist. Gleicht das Motto "Kunst für alle" zurzeit einem schönen Traum?

Philipp Demandt: Ja, aber sicherlich auch der Hoffnung, verbunden mit viel Optimismus, dass wir die Schirn Kunsthalle sowie die anderen Museen in Deutschland vielleicht bald wieder öffnen können. Für uns ist die Situation im Moment schwierig, weil wir keine richtige Perspektive haben. Intern gehen wir davon aus, dass es im März, April wieder losgeht. Spätestens an Ostern sollten die Museen wieder öffnen. Die Ausstellungen sind aufgebaut und sehen fantastisch aus. Das gilt für die Schirn genauso wie für das Städel. Wir brauchen nur das "Go", dann müssten wir in unseren Häusern eigentlich nur das Licht anmachen.

hessenschau.de: Das Motto "Kunst für alle" erinnert an den Frankfurter Kulturpolitiker Hilmar Hoffmann, der mit Blick auf das Museumsufer "Kultur für alle" gefordert hatte. Gilt das in diesen Zeiten sogar mehr denn je?

Demandt: Wir spüren in dieser Lockdown-Zeit natürlich, was wir alles vermissen. Daraus resultiert vielleicht auch das Bewusstsein, was wir alles haben und wofür wir kämpfen müssen. Mir persönlich geht es so, dass ich die Oper wahnsinnig vermisse. Ich wohne in Frankfurt direkt an der Oper. Ich finde es herrlich, abends einfach fünf Minuten, bevor es losgeht, das Haus zu verlassen, in die Oper zu gehen und viele Menschen zu treffen.

Ich glaube, dass der Hunger auf Kunst und Kultur in den letzten Monaten wirklich gewachsen ist. Wir kriegen ganz viele Zuschriften von Besucherinnen und Besuchern, die fragen: Wann macht ihr endlich wieder auf? Wir versuchen natürlich, vieles digital abzufedern, aber eigentlich kann nichts die unmittelbare Begegnung mit dem Kunstwerk ersetzen.

hessenschau.de: Wie sehr schmerzt es Sie, durch die eigenen geschlossenen Häuser zu gehen?

Demandt: Es ist ein ganz komisches Gefühl. Es ist, als ob Sie jeden Abend für 100 Menschen ein Abendessen kochen, nur die besten Zutaten verwenden, ihren schönsten Anzug anziehen und dann kommt keiner. Und das ist jeden Abend so. Täglich grüßt das Murmeltier.

Für uns ist es vor allem deswegen bitter, weil wir in der Schirn zwei unglaublich schöne Ausstellungen haben. Wir tun natürlich alles, um die Ausstellungen entsprechend zu verlängern soweit es eben geht, so dass wir am Ende auf eine Laufzeit von drei bis vier Monaten kommen, wenn wir wieder öffnen dürfen.

hessenschau.de: Wie wichtig sind die großen Ausstellungen - die Gilbert-und-George-Schau etwa - üblicherweise für Ihre Häuser?

Demandt: Die sind ganz zentral. Die Schirn Kunsthalle hat sich wie eigentlich keine andere Kunsthalle in Deutschland international positioniert. Wir machen hochkarätige internationale Ausstellungen hier in Frankfurt. Wir haben in den letzten viereinhalb Jahren - seit ich Direktor bin - über 300 Künstlerinnen und Künstler aus über 40 Nationen gezeigt.

Insofern hat das Haus eine unglaubliche Dynamik, eine hohe Taktung und einen hohen Qualitätsanspruch an die kuratorischen Konzepte. Wir arbeiten mit allen großen Museen auf der Welt zusammen, deswegen ist es ganz, ganz wichtig, dass wir dieses Level halten wollen und müssen.

hessenschau.de: Und es geht auch um Einnahmeverluste.

Demandt: Natürlich sind die großen Ausstellungen auch wichtig, weil wir von den Einnahmen leben. Das heißt, Ticketerlöse dienen ganz maßgeblich dazu, ein so hochkarätiges Programm zu machen. Es gibt also einerseits die mentale Herausforderung, menschenleere Museen zu bespielen, es gibt andererseits aber auch ganz klare ökonomische Konsequenzen, die ein Lockdown hat.

hessenschau.de: Wie überleben privat finanzierte Museen wie das Städel zurzeit?

Demandt: Das Städel steht auf einem sehr gesunden Fundament. Die Liquidität des Hauses ist noch gut, aber es ist ja kein Geheimnis, dass ein solches Haus jeden Monat viele hunderttausend Euro Fixkosten hat. Das sind insbesondere die Personalkosten, die Kosten für die Versicherung und für den ganz normalen Betrieb, den man auch ohne Besucher aufrechterhalten muss. Das heißt, das Städel lebt von den Reserven. Das geht im Moment noch ganz gut, es sollte jetzt aber auch nicht mehr allzu lange dauern, bis es wieder losgeht.

Das Städel finanziert sich zu weit über 80 Prozent privat. Das sind zum einen die Ticketerlöse, und die sind in der Tat komplett weggebrochen. Zum anderen sind es aber auch Spenden und Sponsorenleistungen. Da haben wir in den vergangenen Monaten eine unglaubliche Welle der Solidarität erlebt - sowohl auf Sponsorenseite als auch auf der Seite von Privatspendern.

Es hat viele Zuwendungen von Menschen gegeben, die gesagt haben: Ich gehe seit 30, 40 Jahren ins Städel und möchte jetzt ein Zeichen setzen. Das Städel und die Schirn sind Institutionen, mit denen sich die Menschen in der Region verbunden fühlen. Das berührt mich sehr und das trägt mich auch als Direktor.

hessenschau.de: Sie haben sich mit insgesamt 50 Leiterinnen und Leitern in einem offenen Brief an Kulturstaatsministerin Grütters gewandt und für eine Öffnung der Museen plädiert. Was sind Ihre Hauptargumente?

Demandt: Wir möchten immer wieder darauf hinweisen, dass Museen keine Freizeiteinrichtungen sind. Wir sind nicht das 'Pausenbrot' einer Gesellschaft, sondern eigentlich die Grundlage. Museen sind Orte der Kultur, Museen sind Orte der Bildung, auch der gesellschaftlichen Konstruktion, der Zusammenkunft. Das ist uns insbesondere im ersten Lockdown etwas zu kurz gekommen. Uns ist wichtig zu betonen, dass wir bei den Überlegungen, wenn es zu Lockerungen kommt, nicht erst als letzte drankommen.

Wir haben sehr ausgeklügelte Hygienesysteme, wir haben viel Platz, wir haben Buchungssysteme, die optimale Besucherflüsse garantieren. Wir haben - insbesondere in der Schirn – Corona in der Ausstellungsarchitektur von Anfang an mitgedacht. Wir haben die Bilder mit größerem Abstand gehängt und einen Ein- und Ausgang eingerichtet, um Rundgänge zu vermeiden. Auch die Aufsichten sind alle zum Thema Maskenpflicht gebrieft.

Insofern hoffen wir, dass wir so bald wie möglich wieder aufmachen können und nicht erst nach allen Geschäften, Baumärkten und Friseuren.

Das Gespräch führte Anna Engel. Das ungekürzte Interview hören Sie im Audio.

Sendung: hr-iNFO, 19.02.2021, 20.35 Uhr