Filmstill Doku "Unzertrennlich"
Alma und ihr großer Bruder Gustav. Bild © mindjazz pictures

Geschwister von kranken oder behinderten Kindern stehen selten im Mittelpunkt. Und oft müssen sie sich früh mit Themen wie Verlust oder Tod beschäftigen. Die Doku "Unzertrennlich" zeigt, was das mit ihnen macht.

Wenn Gustavs Mutter in die Zukunft ihres Sohnes schaut, dann weiß sie eins schon jetzt: "Er wird wenigstens kein Arschloch. Das ist schon durch, das Thema. Gemeinheiten, die auf Kosten anderer Leute gehen - das wird Gustav nicht machen. Das geht nicht mehr mit so einem Geschwisterkind."

So ein Geschwisterkind. Im Fall von Gustav ist das seine kleine Schwester Alma, die taub und fast blind auf die Welt kam, die nachts beatmet und von einer Krankenschwester überwacht werden muss. Themen wie Verlust, Krankheit und Tod sind für viele Kinder eher abstrakt. Für Gustav dagegen waren sie schon ganz früh greifbar.

Jede Nacht Krankenschwester im Haus

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Der Dokumentarfilm "Unzertrennlich" der Kasseler Regisseurin Frauke Lodders zeigt, was das mit Gustav gemacht hat. Er erzählt zum Beispiel wie es ist, in der Schule wegen seiner Schwester gemobbt zu werden. Und da ist seine Mutter, die berichtet, wie außergewöhnlich empathisch ihr Sohn ist. Oder warum es gleichzeitig beruhigt und nervt, dass jede Nacht eine Krankenschwester im Haus ist, um die Tochter zu überwachen.

Gefühl der Vernachlässigung

Vier Geschwister von lebensverkürzt erkrankten oder behinderten Kindern aus drei anderen Familien kommen im Film zu Wort. Da ist also Svea, die offen sagt, wie sehr sie darunter gelitten hat, dass sich ihre Eltern um den krebskranken Bruder kümmerten, während sie mit einer schweren Grippe zu Hause lag.

Da ist Max, der seine behinderte Schwester in den Tod begleitet hat, ihren Geburtstag an ihrem Grab feiert und sich vorsichtig freut, danach ein halbes Jahr durch Europa fahren zu können. Und da sind die Brüder Eymen und Eray. Ihre Schwester hat Trisomie 18, schwere Organfehlbildungen und muss intensiv betreut werden. Die Familie verbringt immer wieder Zeit im Kinderhospiz, damit sich alle erholen können.

"Erstmal an den Tod gedacht"

Der Dreh dort war für Frauke Lodders die größte Herausforderung, "weil man erst einmal an den Tod denkt und daran, was passiert, wenn ein Kind während des Drehs stirbt."

Filmstill Doku Unzertrennlich
Eymen und Eray mit ihrer Mutter und Schwester im Kinderhospiz. Bild © mindjazz pictures

Das Thema Geschwisterkinder beschäftige sie schon seit der Schulzeit, erzählt Lodders: "Ich war auf einer Reformschule. Da gab es schon in den 90er Jahren viel Inklusion. Ich war mit einem Geschwisterkind in einer Klasse, mit einem Bruder. Er hatte den Drang, überall perfekt zu sein. Ich glaube, dass er als gesundes Kind seinen Eltern zeigen wollte: Bei mir ist alles gut."

An keiner Stelle voyeuristisch

Auch später ließ das Thema die heute 34-Jährige nicht los - bis sie vor rund zwei Jahren auf die Suche nach Betroffenen ging. Die waren bald gefunden, und schließlich lebte das Team ein Jahr lang den Alltag der Familien mit. "Wir haben uns in die Ecke gesetzt, bis sie uns vergessen hatten", berichtet Lodders. Schwierige Situationen habe es kaum gegeben.

Herausgekommen ist ein leiser Film, der an keiner Stelle anklagend oder voyeuristisch ist. Im Gegenteil: Alle Beteiligten haben ausreichend Raum, ihre mitunter schwierige Situation von allen Seiten zu beleuchten.

"Behindertes Kind 'normal' behandeln"

Am 17. Januar kommt der Film in die Kinos, gleichzeitig steht eine Kinotour mit Publikumsgesprächen an. Außerdem hat die Regisseurin den Film fürs Programm der Schulkinowochen (25.3.-5.4.2019) eingereicht - die Schulen müssen ihn nur noch auswählen.

Dann könnten viele Schüler sehen, wie pragmatisch Gustav mit der Behinderung seiner Schwester umgeht: "Wenn man ein behindertes Kind wie ein behindertes Kind behandelt, wird’s behindert", betont er. "Wenn man ein behindertes Kind wie ein normales Kind behandelt, wird es ein normales Kind."