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Deniz Yücel und der PEN - Blick hinter die Kulissen

Portrait von Deniz Yücel.

Der Schriftstellerverband PEN steht für ungehinderten Gedankenaustausch und freie Meinungsäußerung. Im Moment scheint er über seine eigenen Leitlinien zu stolpern. Spätestens die Äußerungen des Präsidenten Deniz Yücel zum Ukraine-Krieg zeigten: Im PEN toben unschöne Grabenkämpfe.

Nach außen war es ein Satz, der eine heftige Debatte über den Schriftstellerverband PEN ausgelöst hat: Beim Literaturfestival "lit Cologne" Ende März wurde PEN-Präsident Deniz Yücel gefragt, ob der Luftraum über der Ukraine geschlossen werden sollte. Yücels Antwort: "Wäre eine gute Idee, oder?"

Intern löste diese Aussage weitaus mehr als nur eine Diskussion aus: Fünf ehemalige PEN-Präsidentinnen und -Präsidenten forderten in einem internen Brief Yücels Rücktritt. "Weil sie der Meinung waren, dass ich mit meinen Einlassungen zum Ukraine-Krieg gegen die PEN-Charta verstoßen habe", erklärt der in Flörsheim (Main-Taunus) geborene Journalist. Kritik habe er erwartet. Die Rücktrittsforderung habe ihn aber überrascht, sagt er. Yücel vermutet, dabei hätten noch weitere Gründe eine Rolle gespielt.

Brandbrief wirft Yücel "autoritären Führungsstil" vor

Darauf deutet auch ein am Montag veröffentlichter Brandbrief von 36 Mitgliedern der Autorenvereinigung hin. Sie werfen Yücel darin nicht nur die Verletzung der PEN-Charta vor, sondern auch einen autoritären Führungsstil, "der ins 19. Jahrhundert, aber nicht in eine heutige Menschenrechtsorganisation im Zeitalter flacher Hierarchien passt". Das Vertrauen in die Führung sei "in nie dagewesener Weise enttäuscht".

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Was ist das PEN-Zentrum?

Der PEN Deutschland mit Sitz in Darmstadt ist eine deutsche Schriftstellervereinigung, die sich für den Schutz und die Freiheit von Kultur einsetzt. Die Abkürzung PEN steht dabei für "Poets, Essayists, Novelists".

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Die Mitteilung zeigt: Im PEN brodelt es, und das nicht erst seit Yücels Äußerung zum Ukraine-Krieg. Vor allem im Präsidium, also dem zehnköpfigen Gremium, das erst seit Oktober vergangenen Jahres im Amt ist. PEN-Schatzmeister Joachim Helfer zufolge ist es mittlerweile so zerstritten, dass es sogar einen Antrag auf Abwahl des gesamten Präsidiums gebe. "Der ist lange vor diesen Ukraine-Äußerungen im PEN eingegangen, da geht es um einen internen Konflikt", so Helfer.

Geplante Neuausrichtung des PEN sorgt für Streit

Dieser Konflikt soll seinen Ursprung in Unstimmigkeiten über die Zukunft des PEN haben: Eine Gruppe um Deniz Yücel und Joachim Helfer will den Verband neu aufstellen. Sie nennen sich selbst "Neuerer" und wollen den Fokus des Schriftstellerverbands stärker auf die Unterstützung für verfolgte Autoren legen.

Tatsächlich versteht sich der PEN schon immer als Sprachrohr für verfolgte Autoren. Er macht unter anderem auf Repressionen oder Gewalt gegen Schreibende aufmerksam und veröffentlicht ihre Texte, wenn es in ihren eigenen Ländern nicht möglich ist. Zudem betreut er das Stipendien-Programm "Writers in Exile" für verfolgte Journalistinnen und Journalisten. Geht es nach Yücel, soll dieser Bereich ausgebaut werden.

Gebäudeansicht des Literaturhauses in Darmstadt aus der Froschperspektive.

Andere, darunter Generalsekretär Heinrich Peuckmann, finden, dadurch kämen andere PEN-Aspekte zu kurz. "Man möchte eine NGO daraus machen. Von Literatur ist im Moment da überhaupt nicht mehr die Rede", meint Peuckmann. "Das ist aber unser Markenzeichen, wir sind ein Schriftstellerverband!" Er spricht von einem "furchtbaren Kampf". Innerhalb des Präsidiums liefen "merkwürdige Dinge", es gebe Strategien, um zwei Vorstandsmitglieder loszuwerden. Auch ihn selbst.

Schatzmeister: Präsidium führt zu Irritationen

Dass die internen Querelen im Schriftstellerverband immer wieder an die Presse dringen, ist für Schatzmeister Helfer kein Wunder, schließlich arbeiteten rund ein Viertel der PEN-Mitglieder auch als Journalisten. E-Mails würden so an Dritte, Vierte und Fünfte weitergeleitet, für die sie nicht bestimmt waren. "Dann bringt man einen Schneeball in Gang und der wird immer schmutziger", sagt Helfer.

Er vermutet neben der inhaltlichen Auseinandersetzung um die Zukunft des PEN noch ein anderes Problem. "Der PEN ist eine altehrwürdige, manchmal aber auch etwas verstaubte Institution", stellt er fest. "Nun ist ein neues Präsidium angetreten unter einem sehr dynamischen Präsidenten. Das führt bei dem einen oder anderen zu Irritationen."

Mitgliederversammlung soll Klärung bringen

Glaubt man PEN-Präsident Deniz Yücel, wird außerdem vieles bewusst falsch verstanden. Er nennt ein Beispiel aus einem Mailverkehr innerhalb des Präsidiums: "Da taucht die Formulierung 'der Elefant im Raum' auf. Der Elefant im Raum, das steht für ein Problem, das jeder sieht und keiner nennt." Einige hätten die Formulierung aber auf sich bezogen, sich als Elefanten bezeichnet gefühlt, sagt Yücel. "Wer daraus einen menschenverachtenden Sprachgebrauch und eine Beleidigung macht, der ist entweder böswillig oder leidet unter einer Leseschwäche."

Wie geht es weiter im Schriftstellerverband, der so tief gespalten erscheint? Auf der für Mai angekündigten Mitgliederversammlung in Gotha soll offen diskutiert werden, drei Tage lang, über alles. Generalsekretär Heinrich Peuckmann allerdings ist skeptisch, ob nicht zu viel PEN-Porzellan zerschlagen wurde. "Ich weiß nicht, ob man da noch mal wieder einen gemeinsamen Nenner finden könnte", sagt er. "Mir wäre das insgesamt lieb, aber ich glaube nicht, dass das klappen kann."

Präsident Yücel dagegen ist zuversichtlich. Im PEN habe man schon immer gestritten. Und vielleicht habe die Debatte sogar was Positives. "Im Moment hat diese Diskussion dazu geführt, dass sich mehr Mitglieder für den PEN interessieren", so Yücel. Und dass der Schriftstellerverband mehr Öffentlichkeit bekommen hat, begrüße er erst einmal.

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