Portrait des Duos "Quarterhead" - Josh Tapen und Janik Riegert - vor einem lilafarbenen Hintergrund.

"Das Entsetzen hat kein Ende." Mit diesen Worten beginnt ein Protestbrief von über 1.000 Musikerinnen und Musikern gegen die Reform des Urheberrechts. Im Interview erklärt das Produzenten-Duo Quarterhead aus Wetzlar, warum 15 Sekunden alles andere als eine Bagatelle sind.

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Eine Branche läuft Sturm

Janik Riegert und Josh Tapen in ihrem Studio
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Mit Songs wie "Head Shoulders Knees & Toes" oder "Touch My Body" ist das Songwriter- und Produzenten-Duo Quarterhead aus Wetzlar europaweit erfolgreich. In einem Offenen Brief protestieren Janik Riegert und Josh Tapen jetzt gemeinsam mit mehr als 1.000 Kolleginnen und Kollegen aus der Musikbranche gegen ein neues Urheberrechtsgesetz der Bundesregierung.

Mit der Regelung will Deutschland eine EU-Richtlinie umsetzen, die das unerlaubte Verwenden von Musik, Bildern, Text- und Film-Ausschnitten im Netz einschränken soll. Doch der Gesetzentwurf, der gerade im Bundestag beraten wird, will genau dies in so genannten Bagatellfällen erlauben. Bis zu 15 Sekunden Musik sollen zum Beispiel lizenzfrei im Netz verwendet werden dürfen.

hessenschau.de: Urheberrecht - das klingt ziemlich öde. Warum ist Euch das Thema so wichtig?

Janik Riegert: Stimmt. Urheberrecht, das klingt so verstaubt - nach alten Männern, die mit Federkielen Papyrusrollen beschriften. Aber eigentlich geht's dabei um Kultur, um das, was wir als Gesellschaft total wichtig finden. Dass wir bunt sind, multikulturell, dass wir breit gefächerte Kunst haben, die sich mit unseren Problemen und Emotionen beschäftigt. Das Urheberrecht schützt einfach die Menschen, die das machen, und ermöglicht es ihnen, davon leben zu können.

hessenschau.de: Mit dem Gesetzentwurf des Bundesjustizministeriums soll eine EU-Richtlinie umgesetzt werden. Der Protestbrief von über 1.000 Musikerinnen und Musikern dagegen hat den dramatischen Titel "Das Entsetzen nimmt kein Ende". Was ist an dem Gesetz so schlimm?

Riegert: Ein großes Problem ist, dass Deutschland einen Alleingang macht, den alle anderen EU-Länder nicht mitgehen - nämlich, dass man 15 Sekunden Musik lizenzfrei verwenden darf. Das ist viel Zeit, wenn es um Musik geht. Und das ist natürlich ein Schlag ins Gesicht, gerade wo Musik immer digitaler kommuniziert und gehört wird und wo es auch ganz viele Formate gibt, die gar nicht länger sind - sei es Insta-Stories, Tiktok-Videos oder kurze Ausschnitte auf Youtube. Für die erhält man zur Zeit keine Vergütung und wenn jetzt dieses Gesetz so durchgeht, würde man da auch in Zukunft nichts dafür bekommen.

hessenschau.de: Wenn ich Youtuber wäre, könnte ich also 15 Sekunden von einem Eurer Songs einspielen und müsste dafür nichts bezahlen?

Riegert: Genau. Dabei hat Youtube eigentlich sogar ein System, wo man die Einnahmen teilen kann mit dem Urheber. Das ist ein Fingerprinting-System. Jeder Song hat einen Fingerabdruck und damit kann man nachvollziehen, wie lange der irgendwo gelaufen ist. Und dann kann man dementsprechend die Werbeeinnahmen teilen. Das ist eigentlich ganz gut. Aber für eine 15-Sekunden-Nutzung würde man dann eben nichts mehr bekommen.

hessenschau.de: Im Gesetz wird das als "Bagatellnutzung" bezeichnet. Das betrifft nicht nur Musik bis 15 Sekunden, sondern auch Texte bis 160 Zeichen oder Fotos bis zu einem bestimmten Datenumfang. Fünfzehn Sekunden klingt ja erst mal nach nichts. Wie viel musikalische Kreativität steckt denn drin in 15 Sekunden?

Josh Tapen: Das kann man auf gar keinen Fall als Bagatelle abtun. Gerade im Bereich Popmusik, wo wir unterwegs sind, ist so ein Song sehr schnell in ein paar Sekunden erklärt. Wenn man sich durch die aktuellen Charts durchhört, sind es mindestens sechzig bis achtzig Prozent der Songs, die man nach drei Sekunden erkennt, wo so eine Hook in zehn Sekunden erklärt ist. Und gerade in einer Zeit, wo alles so wegkonsumiert wird wie auf Tiktok oder Instagram, wo man als Nutzer einfach nur durchswipet, ist das natürlich entscheidend. Musik wird leider nur sehr kurz konsumiert und das wird in den nächsten Jahren noch schlimmer werden, weil die Aufmerksamkeitsspanne nicht mehr so hoch ist.

Riegert: Man hat keinen Ohrwurm von einer 45 Sekunden langen Melodie, sondern das sind halt kürzere Schnipsel. Deshalb sind 15 Sekunden keine Bagatelle, sondern oft das ganze Werk.

hessenschau.de: Jetzt gibt es Kritik auch von der anderen Seite. Netzaktivisten und Netzaktivistinnen sagen "Das Internet geht kaputt, wenn ihr uns zu sehr mit Urheberrechten reglementiert. Es muss doch möglich sein, eine Parodie oder einen Filmschnipsel hochzuladen!" Habt Ihr Verständnis für diese Position?

Riegert: Auf jeden Fall, Parodien müssen weiterhin möglich sein. Es wäre in niemandes Interesse, wenn man sich nicht mal ohne Lizenz mit Dingen auseinandersetzen kann. Aber in dem Moment, wo Geld verdient wird, wo Werbung geschaltet wird, wo Aufmerksamkeit monetär umgemünzt wird, kann es nicht sein, dass Werke nicht geschützt sind. Das betrifft nicht nur Musik, sondern Texte, Fotografien - da muss es ein Lizenzmodell geben, das im besten Fall ganz unkompliziert und unbürokratisch die Leute beteiligt.

Tapen: Das Wort Urheberrechtsverletzung klingt schlimm, damit will man nichts zu tun haben. Aber man muss sich vorstellen worum es hier geht: Da sitzen Menschen, die ihren Beruf ausüben und Werke schaffen, die andere konsumieren, mit denen Geld verdient wird.

hessenschau.de: Habt Ihr die Hoffnung, dass Ihr im Gesetzgebungsverfahren gehört werdet?

Riegert: Das ist mehr als nur eine Hoffnung, man verlangt das doch von der Regierung! Die sollen die Interessen des Volkes vertreten. Auf der anderen Seite stehen ja globale Konzerne, die mit unseren Daten unfassbar viel Geld verdienen, eine enorme Macht haben und währenddessen keine Steuern zahlen. Da ist es ganz wichtig, dass die Regierung sagt: Wir schützen unsere Kulturlandschaft und stellen uns hinter die Musiker*innen, Texter*innen, Fotografen*innen und verteidigen deren Rechte.

Das Gespräch führte Christoph Scheffer.

Sendung: hr-iNFO, 4.05.2021, 13.12 Uhr