Ruben Gerczikow 

Nichts erinnert in Frankfurt an Blanka Zmigrod, die vor 29 Jahren im Kettenhofweg mit einem Kopfschuss ermordet wurde. Der Student Ruben Gerczikow will das mit einer Online-Petition ändern.

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Screenshot der Online-Petition auf change.org - ein Foto von Blanka Zmigrod
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Am 23. Februar 1992 fährt ein Mann auf einem Fahrrad in den Kettenhofweg in Frankfurt, trifft dort auf eine 68-jährige Frau, tötet sie mit einem Kopfschuss und flieht mit ihrer Handtasche. Das Opfer ist die Jüdin Blanka Zmigrod. Der Täter ist ein schwedischer Rechtsterrorist und mehrfacher Mörder.

Über den Mörder von Blanka Zmigrod ist viel berichtet worden. Über die Fernsehsendung Aktenzeichen XY wurde nach ihm gefahndet, die Medien begleiteten den Gerichtsprozess. Das Urteil: lebenslange Haft.

Gedenktafel an Tatort gefordert

An sein Opfer Blanka Zmigrod erinnert am Tatort Frankfurt hingegen nichts. Der 24 Jahre alte Ruben Gerczikow will das nun ändern. "Diese Tat und vor allem ihr Opfer dürfen nicht vergessen werden," fordert der Frankfurter Student und hat eine Online-Petition verfasst. Sein Wunsch: Am Tatort soll eine Gedenktafel angebracht werden.

Zum Zeitpunkt der Tat ist Ruben Gerczikow noch nicht einmal geboren. Warum es ihm so wichtig ist, dass an Blanka Zmigrod erinnert wird, hängt mit dem Anschlag auf die Synagoge in Halle im Oktober 2019 zusammen. "Im vergangenen Jahr habe ich Freunde und Freundinnen begleitet, die den rechtsterroristischen Anschlag überlebt haben." Dabei sei ihm die täterzentrierte Wahrnehmung bewusst geworden. "Wir erzählen viel zu selten die Geschichten der Betroffenen."

Die Opfer in den Vordergrund stellen

So spiele der Mörder von Blanka Zmigrod auch für den globalen Rechtsterrorismus eine bedeutende Rolle. Seine rassistischen Morde in Schweden gelten als Vorbild für den nationalsozialistischen Untergrund hier in Deutschland. Er galt als Inspiration für den Rechtsterroristen in Oslo und Utoya. "Es ist wichtig, auch diese Geschichte in einen Kontext zu setzen und auf die rechtsterroristische Kontinuität in Deutschland, aber auch in Europa hinzuweisen", betont Gerczikow.

Und ein Weg, gegen Rassismus und Antisemitismus vorzugehen, sei es, die Opfer greifbar zu machen. Sie müssten als Person und Mitbürger wahrgenommen werden.

Frankfurts OB Feldmann und Ruben Gerczikow halten ein Schild mit der Forderung nach einem Denkmal für die von einem Rechtsterroristen ermordete Blanka Zmigrod

Blanka Zmigrod: Fast ein halbes Leben Frankfurterin

Wer war Blanka Zmigrod? Zum Zeitpunkt ihres gewaltsamen Todes lebte sie seit 32 Jahren in Frankfurt - also fast ihr halbes Leben. Geboren wurde sie am 22. Januar 1924 im oberschlesischen Königshütte. Über ihre Kindheit ist wenig bekannt. Sie überlebte als junge Frau die Inhaftierung in vier Konzentrationslagern, darunter Flossenbürg und Auschwitz.

Nach dem Krieg emigrierte sie nach Israel und kehrte 1960 mit ihrem Lebensgefährten Sacha Feldman nach Deutschland zurück. Die beiden bauten sich in Frankfurt eine Existenz auf und betrieben mehrere Restaurants und Hotels. Nach Feldmans Tod arbeitete Blanka Zmigrod ab 1991 in einem Frankfurter Restaurant am Opernplatz als Garderobenfrau.

Tatmotiv bis heute ungeklärt

An dieses bewegte Leben will Ruben Gerczikow erinnern - und an die Tat, bei der bis heute ungeklärt ist, ob sie antisemitisch oder rassistisch motiviert war. Auch im Prozess gegen den Täter konnte diese Frage nicht beantwortet werden. Am Ort der Ermordung, Ecke Kettenhofweg/Niedenau, soll eine Gedenktafel angebracht werden. Mittlerweile hat die Petition an die Stadt Frankfurt fast 16.000 Unterschriften.

Frankfurts Oberbürgermeister Peter Feldmann (SPD) hält Gerczikows Vorschlag für "eine wirklich fantastische Idee." Er selbst habe die Geschichte zwar "vage gekannt", sie sei ihm aber nicht sehr präsent gewesen. Mit Kulturdezernentin Ina Hartwig (SPD) sei er sich schnell einig gewesen, "dass wir die Initiative von uns aus als Stadt übernehmen wollen und auch dafür sorgen wollen, dass es diese Gedenktafel gibt."

Gedenktafel soll rasch realisiert werden

Im Nachhinein ärgere es ihn, wie unsensibel man früher auf solche Taten reagiert habe. Heute sei man da sensibler. Aus welchem Budget die Gedenktafel finanziert werde, sei zwar noch unklar, aber dafür werde eine Lösung gefunden, zeigt Feldmann sich zuversichtlich.

Für Initiator Gerczikow ist damit ein erster Schritt getan. Darüber hinaus könnte seiner Ansicht nach noch mehr gemacht werden. So hat der 24-Jährige zum Todestag von Blanka Zmigrod am 23. Februar eine Gedenkkundgebung im Kettenhofweg angemeldet. Auch ein jährliches Gedenken könne er sich vorstellen. Oberbürgermeister Feldmann pflichtet ihm bei: "Es ist etwas, das die Frankfurter erfahren müssen!"

Sendung: hr2-kultur, 23.02.2021