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Audioseite Leserinnen erotischer Literatur - fasziniert, gefesselt, mitgerissen

Fifty Shades of Grey

Was ist die Erfolgsformel erotischer Romane à la "Fifty Shades of Grey"? Dieser Frage hat sich erstmals ein Forschungsteam aus Frankfurt gewidmet - und ist zu teils überraschenden Ergebnissen gekommen.

"Sex Sells", so heißt eine einfache Werbe-Weisheit. Bei der Romanreihe "Fifty Shades of Grey" der Autorin E.L. James hat sich diese Formel bewahrheitet. Die Trilogie war ein internationaler Bestseller und wurde von Hollywood verfilmt. Mit Folgen: Seit dem Erscheinen der ersten Geschichte auf Englisch im Jahr 2011 hat der Buchmarkt eine wahre Flut an erotischen Bestsellern erlebt.

Jetzt hat das Frankfurter Max-Planck-Institut für empirische Ästhetik erstmals untersucht, was einen erotischen Bestseller erfolgreich macht - und wer ihn liest. Die wichtigste Erfolgsformel, die das Forscherteam um die Literaturwissenschaftlerin Maria Kraxenberger gefunden hat: "Cinderella-Story plus X".

Schöne Cinderella, reicher Prinz

Kraxenberger erklärt: "Das heißt auf der einen Seite haben wir das unerfahrene, naive Aschenbrödel, das zum mysteriösen, reichen Prinzen findet, mit ihm aber verschiedene Hindernisse überwinden muss, bevor sie glücklich und zufrieden bis an ihr Lebensende leben können." Cinderella ist dabei meist schön, talentiert und belesen. Der Prinz gutaussehend, älter, steinreich und dominant.

Aber diese Konstellation allein reiche nicht, betont Kraxenberger. In der "Cinderella-Story plus X" sei auf der anderen Seite das X ganz wichtig. Darunter versammelt ist ein ganzes Potpourri an Zutaten: erstens natürlich Erotik, im Fahrwasser von "Fifty Shades of Grey" inzwischen gerne mit Bezügen zu Dominanz und Unterwerfung, Bestrafung und Fesselspielchen, also BDSM.

"Subplots aus Krimis oder Thrillern"

"Aber dann auch Subplots, die wir aus Krimis oder Thriller kennen, also Spannungselemente, Entführungen, Ex-Geliebte, die auftauchen. Und diese Subplots durchweben die Geschichte wie ein Netz."

Für die Frankfurter Erotik-Autorin und Verlegerin Christine Janson spielt noch etwas anderes eine wichtige Rolle: der Zeitgeist. "Fifty Shades of Grey" etwa sei vor allem darum so erfolgreich geworden, weil er nach ihrer Meinung zum richtigen Zeitpunkt kam: "Als Frauen müde waren, mit Männern ins Bett zu gehen, die zehnmal fragen: Passt es jetzt so, willst du hier gestreichelt werden? Was muss ich tun? Sie haben so eigentlich eine viel zu sanfte, liebe Rolle eingenommen."

Lesen zur Entspannung

Die Studie des Max-Planck-Instituts für empirische Ästhetik ist nicht repräsentativ - aber dennoch aussagekräftig, sagt Kraxenberger. Rund 420 Personen haben sich an der Online-Befragung beteiligt. Die Mehrheit heterosexuelle Frauen zwischen 20 und 40 - in festen Beziehungen - mit einem überdurchschnittlichen Bildungsniveau - und einem überdurchschnittlichen Lesekonsum.

Als Grund, warum sie erotische Literatur lesen, gaben sie an, dass es ihnen weniger um den Sex und das erotische Prickeln gehen würde - oder gar um eine Ratgeber-Funktion in puncto Verführung - sondern vielmehr um das, was viele Leserinnen von jeglicher Literatur erwarten: "Gefühle der Leichtigkeit, wieder entspannt sein, amüsiert sein, aber gleichzeitig dann eben auch fasziniert, gefesselt, mitgerissen werden durch dieses Leseerlebnis", weiß Kraxenberger.

"Im Rollenverständnis bestärkt"

Dagegen machte eine andere Erkenntnis das Forscherteam stutzig: "Überraschend war für uns, dass viele Studienteilnehmerinnen erotische Romane als progressiv, emanzipatorisch und feministisch einstuften." Die Cinderella-Story progressiv?

"Hier hat sich gezeigt, dass die Studienteilnehmerinnen ein sehr konservatives, konventionelles Verständnis von Männlichkeit und Weiblichkeit innehaben", sagt Kraxenberger. "Das heißt, oder so vermuten wir, sie stören sich auch nicht an Darstellungen, die aus feministischer Sicht mindestens fragwürdig sind. Vielmehr finden sie sich in ihrem Rollenverständnis wahrscheinlich bestärkt. Das wäre ein Moment des Empowerments."

"Viele Frauen haben SM-Fantasien"

Das Empowerment der Studienteilnehmerinnen durch erotische Bestseller-Romane wäre also kein feministisches, sondern ein konservatives. Wobei: "'Konservativ' bezieht sich hier nicht auf politische oder moralische Wertvorstellungen", betont Kraxenberger. Dass politisch eher konservative Frauen eher zum Erotikroman greifen als progressive, lässt sich aus der Studie also nicht herauslesen.

Im Arbeitsalltag ihres Erotik-Verlages hat Christine Janson ihre eigenen Erfahrungen gemacht. Bei ihr ist BDSM ein Renner. "Meiner Erfahrung nach haben viele Frauen Fantasien von SM", sagt sie. "So, dass sie sich - nur in der Sexualität wohlgemerkt - einen starken Mann wünschen. Ein Mann, der sagt, wo es langgeht, der Männlichkeit verkörpert. Aber dann soll der Mann im realen Leben selbstverständlich wieder den Müll runter tragen und sich um die Kinder kümmern."

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