Discokugel hängt in einem leerem Raum

Der Corona-Winter steht bevor. Kulturszene und Kneipen suchen nach Strategien zum Überwintern. Das Beispiel Kassel zeigt, was das heißen kann: Lüftungsanlagen, Wärmflaschen und die Angst vor der Pleite.

Raus an die frische Luft, war das Motto in der Corona-Zeit. Im Frühling und Sommer ging das eher unproblematisch. Aber nun naht der Herbst und Gastronomie und Kulturszene suchen Corona-Strategien zum Überwintern. Überall werden Hygienekonzepte entworfen - zum Beispiel im Kulturzentrum Schlachthof in der Kasseler Nordstadt. Dort werden Konzepte für Konzerte entwickelt, zu denen wenigstens 40 Gäste kommen können. Vor Corona waren es mal über 200 Besucher.

Ein Minusgeschäft: "Wir müssen uns fragen, wie viele Konzerte wir uns leisten können", sagen Daniel Köhler und Anika Manschwetus, die im Veranstaltungsbereich arbeiten. Der Planungsaufwand steigt, während die Gästezahlen reduziert sind. Eine richtige Konzertsaison zu planen sei kaum möglich, weil unklar ist, wie die Situation im Dezember oder Februar aussieht. Trotzdem sollen im Schlachthof so viele Konzerte wie möglich stattfinden, wenn möglich auch im Biergarten, ansonsten eben in reduzierter Version im Konzertsaal.

Der Sound der Lüftungsanlage aus den 60ern

Ausreichend große Räume zu finden wird in Corona-Zeit zur Herausforderung. Bei Marco Krummenacher vom Veranstaltungshaus Dock 4 in der Kasseler Innenstadt stehen die Telefone nicht mehr still. Chöre, Blasmusiker, Tänzer und Bands suchen Proberäume, in denen die nötigen Abstände eingehalten werden können, vielleicht sogar eine Bühne für Konzerte - wenn auch nur mit 15 oder Zuschauern, wo früher 75 zuhören konnten.

Hinzu kommt: die drei Räume im Dock 4 sind nur eingeschränkt nutzbar, wie Leiter Krummenacher sagt. In einem Raum etwa ist eine Lüftungsanlage aus den 60er Jahren verbaut, die brummt zu laut. Damit die größte Halle von möglichst vielen genutzt werden kann, muss auch mal die Spielzeit von einem Theater gekürzt werden, damit zwei Vorstellungen am Abend stattfinden können.

Lüften, Lüften, Lüften

Über Lüftungsanlagen ist auch Pamela Hering mittlerweile bestens informiert. Sie leitet die Tanzschule "Tanzwerkstatt". Noch könne sie viel lüften, aber wenn es kälter werde, wolle sie nicht riskieren, dass sich ein Kind eine Lungenentzündung hole, sagt sie. Deswegen soll eine Lüftungsanlage her, "da kann man sich totrecherchieren", sagt sie: Luftenkeimung mit UVC-Licht oder mit Filter, auf dem Boden oder in der Decke verbaut? Hering hat sich für die Filteranlage mit UVC-Licht entschieden, das die Viren zerstören soll. 22.000 Euro würde die Anlage etwa kosten.

Vier Meter Abstand zwischen Posaune und Saxophon

Noch mehr Platz als andere benötigen in diesen Zeiten Blasmusiker. Wegen der Aerosole müssen sie drei bis vier Meter Abstand halten. Der Kasseler Detlef Landeck unterrichtet Bläser und leitet Big Bands in der Region. Für seinen Proberaum hat er eine Lüftungsanlage gekauft, Unterricht findet hinter Plexiglasscheiben und "gnadenlos bei offenem Fenster" statt. Aber eine ganze Big Band mit vier Meter Abständen, Konzerte? Dafür fehlten einfach die Räume, sagt Landeck. Er lebt hauptsächlich vom Unterrichten.

Die Kasseler Kulturdezernentin Susanne Völker (parteilos) sieht Lüften als zentral - aber Empfehlungen für Lüftungsanlagen auszusprechen, sei schwierig, sagt sie. Viele Anlagen seien noch in der Entwicklung oder noch nicht praxiserprobt. Überhaupt könne die gesamt Kulturszene gerade nur "auf Sicht fliegen", sagt Völker. Das Kulturamt berät auch zu aktuellen Fördertöpfen, mit "Kopf hoch Kassel" hatte die Stadt selbst eine Finanzspritze für die Kulturszene organisiert. Das Bundesprogramm "Neustart Kultur" soll gerade auch bei Investitionen wegen Corona unterstützen.

Wärmflaschenservice im Kneipen-Wintergarten

Auch die Gastronomie versucht sich den neuen Gegebenheiten anzupassen: Eng aneinander gedrängt in Bars sitzen oder die halbe Nacht auf der Tanzfläche schwitzen, das geht derzeit gar nicht. Die Lolita-Bar in Kassel hat sich finanziell mit einem Biergarten über Frühjahr und Sommer gerettet. Auch hatten Stammgäste reichlich gespendet. Wenn die Gäste im Herbst in geschlossenen Räume umziehen, dürften nach Corona-Vorschriften maximal je 13 Leute in den kleinen Räumen der Bar sitzen. Unvorstellbar für Betreiber Dirk Wacholder, "Lolita heißt Party, nicht rumsitzen". Die Folge: "Wir müssen wahrscheinlich weiter draußen bleiben".

Das heißt, der Biergarten wird zum Wintergarten - mit Decken und Schuhsohlenwärmer und einem aus der Not geborenen "Wärmflaschenservice": Gäste bringen Wärmflaschen mit, die gratis mit heißem Wasser befüllt werden. "Das ist alles Verzweiflung", räumt Wacholder ein.

Clubs ohne Zukunft?

Während Veranstaltungsorte und Kneipen noch nach probaten Lösungen für den Corona-Winter suchen, ist das Licht für viele Clubs schon ausgegangen. Im April wollte Christian Gerhard den Club Grauzone in Kassel eröffnen. Corona sei für ihn der "Super-Gau", sagt er. "Wir sind sehr sicher, dass wir nicht mehr aufmachen", sagt er. Zumindest nicht in diesem Jahr.

Er ärgert sich über die verschiedenen Verordnungen. In Sachsen Anhalt dürften die Clubs im November wieder öffnen, in Hessen nicht. Mit rund 300 Mitstreitern hat er zuletzt gegen das Clubsterben in Kassel demonstriert. Die nächste Demo ist für Ende des Monats angekündigt. "Wir demonstrieren uns mit lauter Musik und Tanzen bis ans Ziel", sagt Gerhard. Die Clubbesitzer und Gäste müssten die Sache selbst in die Hand nehmen.