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"Je weniger man hört, desto höher steigen die Erwartungen" - Christian Arndt über die Eröffnung des MOMEM

Nach sieben Jahren Planung wird in Frankfurt ein Museum für elektronische Musik eröffnet. Was erwartet die Besucher, was hält die Clubszene davon? Techno-Kenner Christian Arndt wagt im Interview eine Einschätzung.

Im April 2015 ging die Nachricht vom ersten Museum für elektronische Musik wie ein Lauffeuer durch die Techno-Szene. Wegen finanzieller Probleme und der Corona-Pandemie mussten die Initiatoren rund um den ehemaligen DJ Alex Azary die Fans aber immer wieder vertrösten. Am Mittwoch wird das "Museum of Modern Electronic Music" (MOMEM) tatsächlich eröffnet.

Was man in der Frankfurter Clubszene davon hält und was die Besucherinnen und Besucher dort erwartet, weiß Christian Arndt. Der Journalist, der auch für den hr tätig ist, ist Experte für die einst legendäre Frankfurter Technoszene und kennt viele Protagonisten persönlich, allen voran DJ Sven Väth.

hessenschau.de: Die Reaktionen auf die bevorstehende Eröffnung des MOMEM fallen sehr unterschiedlich aus. Du hast mit vielen Protagonisten der Clubszene gesprochen. Wie ist da die Haltung? 

Christian Arndt: Ich würde sagen: abwartend. Ich glaube, die meisten Frankfurter oder auch Ex-Frankfurter Protagonisten wie zum Beispiel DJ Chris Liebing freuen sich, dass dieses Museum jetzt kommt, drücken den Machern auch die Daumen. Aber es gibt auch eine gewisse Skepsis.

Mitbegründer Alex Azary in den Räumlichkeiten des MOMEM

Die erste Pressekonferenz fand vor fast genau sieben Jahren statt. Da gab es sehr vollmundige Ankündigungen. Dann gab es Finanzprobleme, politische Querelen und Corona. Jetzt ist es wohl wirklich so weit. Ich glaube, viele lehnen sich zurück und warten ab, was da wirklich kommt.  

hessenschau.de: Eine Herausforderung wird es sein, die bestehende Frankfurter Clubszene zu integrieren in das Konzept.  

Arndt: Ja, da sind die größten Vorbehalte. Ich habe neulich mit Matthias Morgenstern gesprochen, ein wirklich engagierter Club-Macher. Sein Tanzhaus West ist relativ bekannt, da spielen internationale Stars, aber eben auch viele der mittleren, die es vielleicht sonst etwas schwerer haben, gute Gigs zu bekommen. 

Christian Arndt

Morgenstern findet, dass die Populärkultur in Frankfurt stiefmütterlich behandelt wird mit einem Etat von nur 90.000 Euro pro Jahr. Da sieht er eine Diskrepanz zwischen dem MOMEM einerseits, was ja mit erheblichen Fördermitteln in die Stadt gepflanzt wird, und der stiefmütterlichen Behandlung der Clubs andererseits. Da klafft eine Lücke, die er gerne geschlossen sehen möchte. Das wirft er aber gar nicht so sehr den Machern des MOMEM vor, sondern eher der Stadtpolitik.  

hessenschau.de: Wenn man mit den Machern spricht, dann heißt es: Wir wollen in die Szene, wir wollen mit allen kooperieren. Ist es letzten Endes ein Kommunikationsproblem oder geht es schlicht ums Geld?  

Arndt: Ich glaube nicht, dass es eine Neiddebatte ist. Es ist eher eine Verwunderung und man nimmt Alex Azary und Konsorten ein bisschen in die Verantwortung. Wie gesagt, es gab sehr, sehr vollmundige Ankündigungen 2015 und je weniger man hört, desto höher steigen die Erwartungen. Man hätte vielleicht früher in den Dialog gehen müssen. Auf der anderen Seite kann ich natürlich auch verstehen, dass man erst mal das Ding auf die Welt bringen will. 

hessenschau.de: Das MOMEM liegt in absolut bevorzugter Lage an der Hauptwache. Wie groß sind die Erwartungen der Verantwortlichen in der Stadt, dass dieses Museum in Zukunft die Innenstadt neu belebt, also zu einem echten Treffpunkt kulturellen Lebens macht?

Arndt: Das war von Anfang an Teil des Konzepts, was auch der Magistrat noch mal bestätigt hat. Da wird auch noch mal Geld in die Hand genommen, um den Platz insgesamt schöner zu gestalten. Man erwartet sich eine Innenstadt-Belebung und da soll das MOMEM ein ganz wichtiger Faktor sein. Die Flächen rund um die Hauptwache und die Zeil sollen sich von einer reinen Einkaufsstraße weg entwickeln, hin zu mehr Kultur und Begegnung.  

Blick auf das MOMEM an der Frankfurter Hauptwache

hessenschau.de: Welche Erwartungen hättest Du persönlich als Szene-Insider? Welche Art von Projekten müssten die Macher künftig anstoßen?  

Arndt: Es muss ein integrierender Ort sein. Es muss ein Ort sein, der lebt. Ich stelle es mir vor wie ein Switch Board bei einem alten analogen Synthesizer, wo du überall so kleine Stecker reinsteckst und bunte Kabel miteinander verbindest. Auf lange Sicht wird es die Aufgabe sein, Leute miteinander zu vernetzen.

Da müssen Workshops stattfinden, Vorträge, Diskussionen, aber auch mal eine Masterclass von Chris Liebing, von Musikproduzent Ralf Hildenbeutel oder von anderen Künstlern, die Einblicke geben in ihre Arbeitsweise. Und natürlich auch ein ganz normaler gechillter Club-Abend, der sich auf diesen sogenannten Trichter in der Hauptwache erweitert und der das Stadtpublikum ein bisschen mitnimmt.  

hessenschau.de: Noch ist das Museum nicht öffentlich zugänglich. Was können wir von der Ausstellung selbst erwarten? 

Arndt: Die Ausstellung wird von Tobias Rehberger kuratiert, einem international bekannten Künstler und Professor an der Städelschule. Er ist sehr gut mit Sven Väth befreundet. Sven ist auch Kunstsammler und hat einige Rehberger-Arbeiten in seiner Sammlung.  

DJ Sven Väth legt auf

Eine davon, die ich selbst schon mal gesehen habe, heißt "Agony und Ecstasy", also "Leid und Ekstase". Das ist ein riesengroßes Lichtobjekt. Diese beiden Worte, die beiden Pole des Nachtlebens, wechseln sich darauf ab wie bei einem Vexierbild. Das ist eine Arbeit, auf die man sich sicher freuen kann. 

Eine weitere Arbeit, die Sven Väth persönlich sehr schätzt, ist das Foto "Cocoon 1" von Andreas Gursky. Gursky kennt man als Fotograf extrem großformatiger Bilder. Dieses ist entstanden bei einer Clubnacht im "Amnesia" auf Ibiza, die Sven veranstaltet hat.

Und dann wird man natürlich auch sein eigenes Arbeitsmaterial sehen, nämlich ungefähr 1.000 Platten. So wie ich verstanden habe, dürfen die Besucher tatsächlich auch selber mal auflegen, also sich fühlen wie Sven, als Babba.  

hessenschau.de: Ist es ein kluger Schachzug gewesen, mit Sven Väth zur Eröffnung auf das Naheliegende zu setzen? 

Arndt: Wenn man spitzfindig sein will, war es natürlich eine Notlösung. Die Ausstellung "Electro. Von Kraftwerk bis Techno", die eigentlich das MOMEM eröffnen sollte, ist jetzt in Düsseldorf zu sehen. Aber ehrlicherweise hätte die räumlich wahrscheinlich gar nicht in das MOMEM gepasst.

Aber der "spirit of the place", der ist schon da: Wenn du mit einem virtuellen Zirkel einen Radius von 1.000 Metern um das MOMEM herumziehen würdest, dann wärst du bei Clubs wie dem Omen, beim XS, einem Club, den Alex Azary früher unter dem Schauspielhaus betrieben hat, beim legendären U 60311 und dem No Name, wo DJ Talla 2XLC 1984 den Techno-Club erfunden hat.  

Insofern macht es absolut Sinn, im MOMEM erst mal eine Frankfurter Persönlichkeit auf das Podium zu stellen. Sven Väth hat es durch seine sehr lange Karriere und den Impact, den er hier gemacht hat, verdient.   

Das Interview führte Martin Kersten. 

Weitere Informationen

Das MOMEM...

...ist das erste Museum für elektronische Musik. Es zeigt die Entwicklung der Technobewegung und will Clubkultur in all ihren Facetten darstellen. Das Ausstellungsprogramm soll mit den jeweiligen Künstlern zusammen entwickelt werden. Die erste Schau hat Bildhauer Tobias Rehberger kuratiert. Geplant sind zudem Lesungen, Vorträge und Events. In der angeschlossenen Akademie soll es Workshops von DJs und Produzenten geben. Am 6. April wird das MOMEM mit einem Event an der Hauptwache eröffnet, bei dem auch DJ Sven Väth auflegt.

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