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Audioseite Rasant, laut - entschleunigt: "Tempo" in Bad Homburg

Foto einer Llareta-Pflanze: ein grünes, schwammiges Gewächs in der Ausstellung.

Höher, schneller, weiter, mehr: Das Tempo unserer Zeit macht viele Menschen und unseren Planeten krank. Eine Ausstellung in Bad Homburg will beim Innehalten helfen - auch mit radikalen Vorschlägen.

Ach, früher. Da hatte alles seine Zeit. Ein Brief etwa wurde gemächlich in der Postkutsche transportiert. Wie lang er bis zum Empfänger brauchte, hing von den Pferden und der Straße ab. Und heute? Heute ist für viele Menschen selbst der Transport per Auto oder Flugzeug noch zu langsam, geht es doch per Mail viel schneller.

Aber warum noch viel tippen, wenn es auch ein paar Emojis per Messenger tun? Wieder Zeit gespart. Wem das alles zu viel ist, der kann in einer neuen Ausstellung im Sinclair Haus in Bad Homburg innehalten: Die Schau "Tempo! Alle Zeit der Welt" (26. September 2021 bis zum 6. Februar 2022) hilft beim Entschleunigen.

Sie lädt dazu ein, darüber nachzudenken, was das immer größere Tempo mit uns und der Erde macht.

Atmen gegen den Burn-Out

Menschen vor einer weißen Leinwand mit blauen Strichen.

Das Entschleunigen beginnt gleich am Anfang, noch bevor man die Ausstellung betreten hat. Die Besucherinnen und Besucher werden aufgefordert ein- und wieder auszuatmen. Dabei sollen sie einen vertikalen blauen Strich ziehen - und so Teil eines Kunstwerks werden. Der Künstler Jeppe Hein hat "Breathe with me" nach einer Burn-Out-Erfahrung entwickelt.

Die Konzentration auf den Atem hilft, sich auf den eigenen Rhythmus zu besinnen. "Den vergessen wir oft, weil der Wecker klingelt oder wir zum Bus rennen müssen und dann sind wir ganz atemlos. Und hier kann man zurückkommen zum eigenen Lebenstempo", erklärt Ina Fuchs, eine der beiden Kuratorinnen.

Reisen als Kohlenstoffatom

Gleichzeitig verbindet uns der Atem mit dem Kreislauf der Natur. Den hat der Chemiker und Schriftsteller Primo Levi sehr anschaulich in der Erzählung "Kohlenstoff" beschrieben. Ausschnitte davon sind an die Wände der Ausstellung geschrieben.

Sie schicken die Betrachter auf eine Reise: In Gestalt eines Kohlenstoffatoms bewegen sie sich durch verschiedene Zeitalter. Zudem erkunden sie unterschiedliche Funktionen dieses zentralen chemischen Elements, das in Verbindung mit Sauerstoff eben auch als Kohlendioxid daherkommt - also dem Treibhausgas, das durch menschliche Beschleunigung im Übermaß entsteht und das von der Natur nicht mehr schnell genug aufgenommen und wieder abgebaut werden kann.

Auf einem Bildschirm erscheinen dann in einem irren Tempo 23 kleine Baum-Icons pro Sekunde. So viele Bäume müssten gepflanzt werden, um den CO2-Ausstoß zu neutralisieren, der allein durch die Suchmaschine Google erzeugt wird.

Tausende Jahre gewachsen, in kurzer Zeit verfeuert

Statisch und majestätisch sind wiederum die Gewächse, die die Künstlerin Rachel Sussman mit der Kamera festgehalten hat. Sie fotografiert Pflanzen, die mindestens 2.000 Jahre alt sind. Die Llareta in den südamerikanischen Hochanden etwa, dichte Buschgeflechte, die sich auf bis zu 35 Quadratmeter ausdehnen.

Es sind grüne knubbelige Formationen, die in der kargen Landschaft wirken wie Aliens. Allerdings gibt es von ihnen immer weniger, weil die Menschen sie gerne als Brennstoff verwenden. Was über tausende Jahre wuchs, wird also in kürzester Zeit verfeuert.

Geschwindigkeiten driften auseinander

Eine Idee von den Zeitspannen der Natur vermittelt auch die Arbeit von Simone Kessler. Auf dem Boden liegt Grubenton, eingeschweißt in Plastik. Es sieht ein bisschen aus wie Fleisch aus der Tiefkühltruhe.

Eingeschweißte Erde

Es ist 30 Millionen Jahre altes Material, das ohne die Plastikhülle, die es feucht hält, schnell trocknen und hart werden würde. Für Kuratorin und Direktorin Kathrin Meyer ein Anblick, der eine Idee vermittelt vom "Verhältnis zwischen einem kurzen, schnellen Menschenleben und unserer Milliarden Jahre alten Erde."

Der Gedanke, wie weit die Geschwindigkeiten des Menschen und der Natur auseinander driften, spiegelt sich in vielen Werken der Schau und nicht zuletzt in ihrem Titel "Tempo! Alle Zeit der Welt" wider. Sie zeigen die Notwendigkeit, unser Tempo zu reduzieren, um uns und den Planeten nicht in den Burn-Out zu treiben.

Radikalste Entschleunigung: Schlaf

Die radikalste Methode dafür haben die Künstler Tega Brain und Sam Lavigne mit ihrer Installation "Sleep Study" und der App "The Perfect Sleep" entwickelt. In der Installation können Besucherinnen und Besucher in einem provisorischen Schlaflabor einen Stopp einlegen und ihr Tempo verlangsamen.

Sleep Study

Die App soll unabhängig vom Ausstellungsbesuch dazu anregen, mit den eigenen Schlafzyklen und Träumen zu experimentieren. Über einen Zeitraum von bis zu drei Jahren soll die Schlafdauer stetig gesteigert werden - bis zum praktisch unmöglichen Maximum von 24 Stunden, was zugleich ein Minimum an CO2-Emissionen bedeuten würde. "Im Schlaf liegt also die Lösung", sagt Kathrin Meyer augenzwinkernd.

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