Sie spricht von Hautfarbe, Unterdrückung und Hoffnung: Amanda Gorman hat die Welt mit ihrem Gedicht "The Hill We Climb" zu Tränen gerührt. Nun erscheint das Werk auf Deutsch, übersetzt von drei Frauen gemeinsam. Eine von ihnen ist hr-Redakteurin Hadija Haruna-Oelker.

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found "The Hill We Climb" ist auf Deutsch erschienen

Amanda Gorman trägt in Washington, D.C. ihr Gedicht "The Hill We Climb" vor.
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In einem knallgelben Mantel trat Amanda Gorman am 20. Januar dieses Jahres in Washington, D.C. (USA) an das Rednerpult, um ihr Gedicht "The Hill We Climb" vorzutragen. Mit ihren symbolträchtigen, hoffnungsvollen Worten stahl die 23-Jährige bei der Amtseinführung von US-Präsident Joe Biden sogar Stars wie Lady Gaga die Show.

Entstanden ist das Werk in den Wochen nach der Präsidentschaftswahl, teilweise in der Nacht, als das Kapitol erstürmt wurde. Gorman spricht darin über ihr Erbe als "skinny black girl", das von Sklaven abstammt, über ihre Träume und die Zukunft Amerikas. Aus Wut und Trauer könne Hoffnung werden, sagt sie darin. Das Land sei nicht gebrochen, sondern unvollendet.

Massive Kritik an Wahl der Übersetzer in verschiedene Sprachen

Nach ihrem Auftritt im Januar wurde in mehreren europäischen Ländern damit begonnen, Gormans Gedicht zu übersetzen. Die Wahl der Übersetzer und Übersetzerinnen hat in den vergangenen Wochen eine heftige Debatte ausgelöst. Die niederländische Autorin Marieke Lucas Rijneveld beispielsweise gab den Auftrag nach massiver Kritik im Netz zurück. Als weiße nicht-binäre Frau, die von sich selbst gesagt hatte, nicht gut Englisch zu sprechen, sei sie nicht die richtige Wahl dafür, hieß es in den sozialen Medien.

Dem katalanischen Übersetzer Victor Obiols wurde der Auftrag, das Gedicht ins Spanische zu übersetzen, wieder entzogen, weil sein "Profil" nicht passe.

Bildkombo: Kübra Gümüsay, Uda Strätling und Hadija Haruna-Oelker

Der Verlag Hoffmann und Campe, der das Gedicht am Dienstag vor Ostern als deutsche Fassung veröffentlicht, entschied sich lange vor dieser Debatte für ein besonderes Modell: Gleich drei Frauen bekamen den Auftrag, Gormans Worte ins Deutsche zu übertragen. Eine von ihnen ist hr-Redakteurin und Autorin Hadija Haruna-Oelker. Im hr-Interview erklärt sie, wie die Gruppe gemeinsam um Wörter gerungen hat um warum es nicht die eine richtige Übersetzung gibt.

hessenschau.de: Ihre Mutter ist in Deutschland und Ihr Vater in Ghana geboren, Sie beschäftigen sich journalistisch seit vielen Jahren mit den Perspektiven von schwarzen Menschen und Afrodeutschen. Wie nah fühlen Sie sich Amanda Gorman?

Haruna-Oelker: Das ist eine schöne Frage. Tatsächlich fühle ich mich ihr nah in dem Sinne, dass ihr Gedicht mich sehr bewegt hat. Ich würde sagen, schwarze Menschen, die sich in einer gewissen Form politisch, aber auch gesellschaftlich mit dem Thema schwarze Bewegung, schwarze Bewusstseinsbildung, mit Perspektiven weltweit auf die Vergangenheit von Sklaverei und Kolonialismus beschäftigen, für die war dieses "Spoken Word", dieses Gedicht, eine Art Aufbruch, eine Art Verbindung zwischen dem, was war und was kommen sollte. Das war schon sehr bewegend.

hessenschau.de: Dürfen weiße Menschen die Texte schwarzer Menschen übersetzen? Zu dieser Frage tobt derzeit eine Debatte.

Haruna-Oelker: Ich frage ganz provokativ: Warum nicht? Man könnte auch fragen: Muss man weiß sein, um im Mainstream-Literaturbetrieb zur Kenntnis genommen zu werden, wie es die Literaturwissenschaftlerin Marion Kraft gefragt hat. Es ist einfach die verkehrte Frage, weil es hier so eine Hautfarben-Verengung gibt. Aber Hautfarbe ist kein Qualitätsmerkmal für eine Jobvergabe. Dahinter steckt eine politische Kategorie, also ein Lebensverständnis. Meine weiße Mutter macht eine andere Lebenserfahrung als ich.

hessenschau.de: Also geht es beim Übersetzen generell um viel mehr als "nur" Worte?

Haruna-Oelker: Die Frage, die sich immer bei einer Übersetzung stellt, ist, welche Möglichkeiten gibt es, um Texten und ihren Autor*innen so nah wie möglich zu kommen. So setzt jeder Text bestimmte Fertigkeiten und Expertisen voraus und neben der sprachlichen und übersetzerischen Befähigung gibt es eben auch das Wissen um politische Kontexte in den USA, aber auch hierzulande.

Differenziert wäre es, darauf einzugehen, welche Rolle diesen Erfahrungswelten, dem Wissen über geschichtliche Aufarbeitung, Debatten über Wortgebrauch und das Selbstverständnis von Nachkommen einst Versklavter und Kolonialisierter bei einer Übersetzung zukommt.

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hessenschau.de: Wie sind Sie bei der Übersetzung des Gorman-Gedichts vorgegangen?

Haruna-Oelker: Wir haben diesen Auftrag lange vor der Übersetzungsdebatte bekommen, was ich ganz wichtig finde, weil es eine ganz unaufgeregte Anfrage bei uns Dreien gab. Wir kannten uns nicht und wurden gefragt, ob wir uns auf diese Art von Experiment einlassen. Wir haben uns Textzeile für Textzeile vorgearbeitet, um die Schönheit des Klangs mit der Schönheit von Gormans politischer und gesellschaftlicher Vision zu verweben. Es geht um rhythmische, rücksichtsvolle, rassismuskritische und geschlechtergerechte Sprache. Das war nicht immer ganz einfach, aber so haben wir quasi den Text übertragen. Denn eine Übersetzung ist keine Eins-zu-eins-Übersetzung, sondern ein neues Werk.

hessenschau.de: Welche Rolle spielen beim Übersetzen die Positionierung der Autorin oder des Autors und die der Übersetzerin oder des Übersetzers und was bedeutet das konkret?

Haruna-Oelker: Amanda Gorman ist schwarz, sie ist eine Frau, sie hat ein Verständnis von Mehrfachdiskriminierungen im Blick. Jetzt ist die Frage: Braucht es dieses Wissen über diese, ihre Positionen bei der Übersetzung? Da kann man sagen, dass das gut wäre. Aber auch, dass man sich diesen intersektionalen Blick und das Wissen über gesellschaftlichen Kontexte aneignen kann. Darum geht es, wenn wir über Diversitätsbewusstsein sprechen. Und das beantwortet auch die Frage, ob es ein bestimmtes Bewusstsein für gewisse Texte braucht und wer dafür prädestiniert ist.

So sollte Text für Text darüber entschieden werden, wie wichtig bestimmte Fertigkeiten sind, denen in der Vergangenheit weniger Wert beigemessen wurde, als vielleicht richtig gewesen wäre. Es geht um eine Weitung des Blicks und darum, das Wissen von marginalisierten Positionen mit einzubinden. Es geht in dieser Debatte also auch darum, etablierte Strukturen machtkritisch infrage zu stellen, ohne sich und das eigene Dasein gleich in Gefahr zu sehen.

hessenschau.de: Welche Stelle war besonders schwer, oder sensibel?

Haruna-Oelker: Wir hatten ein paar Stellen, bei denen es darum ging, den lyrischen Klang und den politischen Inhalt zu verbinden oder Beschreibungen, die im Deutschen vielleicht kein sensibles Pendant haben. Ein konkretes Beispiel ist auch das einprägsame Bild des "skinny black girl", das man im Gedicht findet. Da beschreibt Amanda Gorman sich selbst und ihre Entwicklung bis hin zu diesem Vortrag, den sie vor dem Präsidenten hält. Das ist eine zentrale Stelle und es war nicht ganz einfach sie zu deuten. Glücklicherweise konnten wir Gorman bei  Deutungsfragen auch kontaktieren.

hessenschau.de: Die Arbeit ist getan, Sie und Ihre Kolleginnen haben "The Hill We Climb" ins Deutsche übertragen, das Werk wurde veröffentlicht. Wie geht es Ihnen nun mit dem Ergebnis?

Haruna-Oelker: Wir waren neugierig auf dieses Projekt. Wir hatten Lust und Freude daran, neue Wege zu gehen und haben in Fürsprache für den Text und die Autorin gearbeitet. Mit dem Ergebnis sind wir zufrieden und gespannt, was die Leser*innen jetzt davon halten.

Weitere Informationen

Das Übersetzerinnen-Team

Uda Strätling verlebte ihre Kindheit und Jugend in den USA, Osteuropa und Afrika und kehrte erst zum Studium der Publizistik und Germanistik an der LMU München nach Deutschland zurück. Heute lebt sie in Hamburg und übersetzt seit fast dreißig Jahren englischsprachige Literatur und Lyrik. Sie hat unter anderem Werke von John Edgar Wideman, Teju Cole und Claudia Rankine ins Deutsche übertragen.

Kübra Gümüşay studierte Politikwissenschaften in Hamburg und London. Sie ist Autorin des Bestsellers "Sprache & Sein", sowie Initiatorin zahlreicher Kampagnen und Vereine - u.a. der Antirassismus-Kampagne #SchauHin, des feministischen Bündnisses #ausnahmslos und der Kampagne "Organisierte Liebe". Das Magazin Forbes zählte sie 2018 zu den Top 30 unter 30 in Europa im Bereich Media und Marketing.

Hadija Haruna-Oelker ist Politikwissenschaftlerin. Sie lebt und arbeitet als Autorin, Redakteurin und Moderatorin in Frankfurt und arbeitet hauptsächlich für den Hessischen Rundfunk. Zudem moderiert sie das Format StreitBar in der Bildungsstätte Anne Frank und ist Kolumnistin der Frankfurter Rundschau. Ihre Schwerpunkte sind Jugend, Migration und Rassismusforschung und sie ist Mitherausgeberin des Sammelbandes Spiegelblicke – Perspektiven Schwarzer Bewegung in Deutschland.

"The Hill We Climb – Den Hügel hinauf"
Zweisprachige Ausgabe
30.3.2021 Verlag Hoffmann und Campe
ISBN: 9783455011784

Ende der weiteren Informationen

Das Gespräch führten Oliver Glaap und Katrin Kimpel.

Sendung: hr-iNFO, 30.03.2021, 07.30 Uhr.