Auf einem Hintergund, der von einem starken Pink in ein kräftiges Türkis - die TikTok-Farben - übergeht, sind drei Fotos von King Loui in Reihe positioniert. Ein klassisches Portrait, wie er ernst in die Kamera schaut und zwei weitere, die ihn zuhause in Aktion zeigen - verkleidet und Grimassen schneidend.

Als Kind floh er mit seiner Familie aus Eritrea nach Deutschland. Heute unterhält Aman Kidane alias King Loui mit seinem Humor Millionen Menschen auf TikTok – und macht anderen Mut. Warum es sich manchmal lohnt, einfach nur abzuwarten.

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zum Video Aman Kidane – Tiktok-Talent aus Liederbach

Aman Kidane
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Als plötzlich fremde Kinder vor der Tür stehen und mit Aman Fotos machen wollen, wird seine Mutter misstrauisch. "Was machst du denn da eigentlich im Internet?", fragt sie. Um die Mutter schnell wieder loszuwerden, antwortet Aman knapp: "So Videos".  Dass er zu dem Zeitpunkt bereits eine riesige Community auf TikTok hat, erzählt er nicht. Sie wird es erst viel später erfahren. 

Mehr als zwei Millionen Follower feiern kingloui23, wie der 26-Jährige auf TikTok heißt, für seine kurzen Videoclips, die unter die Kategorie Humor fallen. Alltagssituationen, ironisch und überspitzt dargestellt, passend auf den Takt des jeweiligen Sounds geschnitten. Elemente, mit denen auch Millionen andere TikToker versuchen, Erfolg zu haben. Was Aman aber einzigartig mache, sei sein bestimmter Blick. Davon ist er überzeugt. 

Gemeint ist damit sein pointiert eingesetzter Gesichtsausdruck, der an eine Mischung aus Fisch und Koboldmaki erinnert: eingezogene Backen, spitze Lippen und dazu extrem weit aufgerissenen Augen. Stolz sagt Aman: "Ich sehe ein paar Leute, die es auch so machen wollen, aber bei denen geht es nicht wie bei mir."

Grüße aus dem Klo 

Pro Clip braucht Aman zwischen zehn Minuten und zwei Stunden für die Umsetzung. Sein Ziel ist es, täglich vier Videos hochzuladen, manchmal schafft er nur ein oder zwei Videos, "aber es gab keinen Tag, an dem ich kein Video gepostet habe. Ich bin jeden Tag aktiv dran. Das ist schon Stress." Doch nicht nur der Druck, immer aufs Neue kreativ sein zu müssen, belastet ihn. Sobald die Klicks nicht so laufen, wie er es sich erhofft, kreisen seine Gedanken, ob er nicht mehr angesagt sei. "Damit habe ich zu kämpfen", gibt Aman zu.  

Screenshot aus Tiktok: Aman Kidane als King Loui

Amans Arbeitsplatz ist gleichzeitig sein Zuhause - und das Zuhause seiner beiden Brüder und seiner Mutter. Gemeinsam wohnen sie in einer Dreizimmerwohnung in Liederbach. "Hier ist immer ein Zimmer besetzt", sagt Aman. Für ihn mache es das nicht immer leicht, seine Videos zu produzieren. Deshalb muss er regelmäßig seine Familienmitglieder verscheuchen, wovon diese nicht begeistert sind, oder er filmt einfach, wo gerade frei ist: mal im Flur, auf dem Klo oder im Schlafzimmer der Mutter. Von den Kooperationen auf TikTok könne er inzwischen leben, aber ausziehen will er erst "wenn ich die Frau meines Lebens gefunden habe. Alleine fühlt man sich bisschen einsam." Und es gibt noch einen Grund, den ihn Zuhause hält: "Ich bin ein Muttersöhnchen."

Früher Gewalt, heute Comedy 

Die Beziehung zu seiner Mutter war oft von Anspannung und Gewalt geprägt. Auf TikTok verarbeitet er die Erlebnisse in kurzen Clips. Aman verkleidet sich dafür als seine Mutter, wirft sich ein T-Shirt als Kopftuch über, schwingt mit einem Gürtel durch die Luft und bewegt sich stürmisch. Auf dem eingeblendeten Text steht dazu: "Tanz, wenn es okay ist, deine Kinder mit dem Gürtel zu j@gen." 

"Ich wurde früher geschlagen", sagt Aman. "Wenn ich Mist gebaut habe, hat mich meine Mutter mit dem Gürtel gejagt." Sie habe das nicht böse gemeint, sondern sei einfach nur überfordert gewesen. 2001 flüchtete sie allein und ohne Sprachkenntnisse mit den drei kleinen Söhnen aus Eritrea nach Deutschland in die Nähe von Frankfurt. Der Vater blieb in Eritrea. "Unser Anfang war sehr schwer", sagt Aman.  

Jetzt macht er anderen Mut 

Dunkelhäutiger kleiner Junge im Anzug mit einem Party-Hütchen auf dem Kopf

Gewaltverherrlichend seien die lustigen Gürtel-Videos aber nicht, findet Aman. Er glaubt vielmehr daran, anderen Kindern, die ebenfalls Gewalt erfahren, damit Mut zu machen. "Es gibt bestimmt Kinder auf dieser Welt, die wie ich früher mit dem Gürtel gejagt werden. Wenn die meine Videos sehen, sollen sie nicht denken, dass sie alleine sind", sagt er. Das scheint zu funktionieren. Immer wieder bekommt er Nachrichten, in denen sich Follower bei ihm bedanken: "Wenn ich Nachrichten bekomme wie ‘Mir geht es so scheiße, aber du bringst mich immer zum Lachen. Dank Dir ist mein Tag besser’, dann fängt mein Herz an zu schmelzen", erzählt er.   

 "Ich hatte keinen Plan B"

Berühmt werden, ganz oben stehen, das war schon immer Amans Traum. Ob als Fußballer, Schauspieler oder wie jetzt Social Media Star. Einen Plan B hatte er nicht. In Kelkheim besucht er zunächst die Anne-Frank-Förderschule. Später macht er einen Realschulabschluss und arbeitet in einem kleinen Mini-Job: "Ich habe dann alles auf eine Karte gesetzt. Ich habe mir gedacht: Irgendwann wird die Chance kommen. Irgendwann werde ich eine Tür bekommen, durch die ich gehe und meine Chance nutzen kann." Er habe nie gedacht, dass er es wirklich schaffe. 

Anfang des Jahres kam für Aman der Durchbruch. Über die erste Million Follower konnte er sich zunächst trotzdem nicht freuen. "Weil ich es nicht realisiert habe. Manchmal realisiere ich es bis heute nicht wirklich." Dass er inzwischen so erfolgreich ist, daran muss er manchmal erinnert werden. "Viele Leute kommen zu mir und sagen: 'Vergiss es nicht, du hast 2,4 Millionen Abonnenten. Das hat nicht jeder.'" Aman ist sehr stolz auf sich. Und auch seine Mutter ist inzwischen in seinen Beruf eingeweiht. Sie freut sich über den Erfolg ihres Sohnes. "Endlich hast du es auch geschafft", sagt sie.  

Sendung: hr-fernsehen, maintower, 19.07.2021, 18:00 Uhr