Menschen warten, porträtiert von Malerin Christine Reinckens

Warten, weiter warten, warten - worauf eigentlich? Die Corona-Pandemie hat uns in diese Schleife geschickt. Die Künstlerin Christine Reinckens und der Autor Timo Reuter sehen in der aktuellen Hängepartie auch kreatives Potenzial.

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Christina Reinckens macht wartende Menschen zum Schwerpunkt ihrer Arbeit

Menschen warten, porträtiert von Malerin Christine Reinckens
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Christine Reinckens steht vor ihren zwei Meter großen Ölbildern. Rund 40 Menschen hat sie darauf verewigt. Wir sehen, wie sie warten: in sich versunken, still, den Blick in die Ferne gerichtet. Die Malerin aus Kassel hat dem Warten eine ganze Bilderserie gewidmet - die "Variation des Wartens".

Die Inspiration dazu lieferten Reinckens ihre Modelle. "Sie sitzen da in derselben Haltung und warten darauf, dass die Zeit vergeht", stellt sie fest. Während sie sich darauf konzentrierten, ästhetisch zu wirken, würden sie in sich versinken, ihren Gedanken nachhängen. "Sie beschreiten ihre innere Welt", beschreibt Reinckens, die früher selbst Modell gestanden hat.

Corona verändert das Warten

Menschen warten, porträtiert von Malerin Christine Reinckens

Seit dem Beginn der Corona-Pandemie beobachtet Reinckens allerdings eine große Veränderung bei Wartenden. Die Körperhaltung habe sich verändert, sagt sie. "Es war keine innere Schönheit mehr für mich dabei." Stattdessen habe es etwas Verordnetes, etwas Unfreiwilliges.

Dass das Warten momentan Frust erzeugt, sieht auch der Frankfurter Autor Timo Reuter. "Wenn die Zeit angehalten ist, wenn der gewohnt schnelle Fluss der Ereignisse stockt, dann hören wir das Ticken der Uhr", stellt er fest. Das Warten in der Pandemie sei existenziell, weil es uns mit der eigenen Endlichkeit konfrontiere.

Zeit "totschlagen" oder als Geschenk ansehen?

In seinem Buch "Warten, eine verlernte Kunst" fasste er bereits 2019 seine Gedanken dazu zusammen. Seine aktuellen Betrachtungen zum Warten sind hoffnungsvoll. Die Pandemie sei eine Chance, das Leben neu zu reflektieren und sich zu fragen, was man mit seiner Zeit anfangen möchte - und ob man sie "totschlagen" wolle oder als Geschenk ansehe.

Er regt an, Wartezeit zu nutzen: "Wer sich einen Moment Zeit nimmt beim Warten und nicht gleich das Smartphone herausnimmt, der ist unweigerlich mit der Frage konfrontiert: Auf was warte ich überhaupt? Auf was lohnt es zu warten, auf was will ich warten?" Auch Malerin Reinckens versteht die Pandemie als Einladung, sich selbst zu reflektieren. Man könne innehalten und beobachten, was die anderen Menschen machen oder selbst kreativ werden.

Wie Kreativität helfen kann

Menschen warten, porträtiert von Malerin Christine Reinckens

Sie glaubt: Gerade bildende Künstler haben Antworten auf Corona. Seit Beginn der Pandemie werde die Kunst- und Kulturszene als minderwertig betrachtet, findet sie. Dabei sei es ihr Job, mit ästhetischen Mitteln zu erzählen, was die Menschen in dieser Zeit erleben, so die Malerin.

Reinckens empfiehlt besonders denjenigen kreativ zu werden, die sich danach sehnen, in den unsicheren Zeiten der Pandemie etwas kontrollieren zu können. Sie erklärt: "Ich beherrsche die Situation, wenn ich Schöpfer in meinem eigenen Reich bin. Und das bin ich, wenn ich kreativ bin."

Sendung: hr2, 30.03.2021, 06.40 Uhr