Heißluftballon in Form einer Van Gogh-Büste

T-Shirts, Handyhüllen, Schmuck, Socken - van Gogh ist überall! Unzählige Mythen ranken sich um den Künstler zwischen Genie und Wahnsinn. Der Mann ist wichtig, denn er hat nichts weniger getan als die Malerei umzukrempeln.

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Revolution in der Malerei! Warum wurde Van Gogh zum Inbegriff der Moderne?

Ausstellung "Making van Gogh"
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Es ist schon erstaunlich, wie nah die Menschen einem Künstler sein wollen, von dem es doch immer heißt, er sei wahnsinnig gewesen. Aber van Gogh war eben nicht nur verrückt. Er war auch hoch empfindsam, voll innerer Begeisterung, glühend für seine Malerei. Ohne Freunde, einsam und unverstanden. Jemand, der nicht in unsere Welt passt, aber durch seine Kunst von einer besseren kündet.

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"Making Van Gogh - Ausstellung im Städel

23. Oktober 2019 bis 16. Februar 2020
Städel Museum

Di, Mi, Sa, So: 10 bis 19 Uhr, Do, Fr: 10 bis 21 Uhr, Tickets gibt es - je nach Besuchszeit - ab 14 Euro. Für Kinder unter 12 Jahren ist der Eintritt frei.

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Die Ausstellung im Städel Museum hat sich daran gemacht, einen guten Teil der Legenden rund um van Gogh zu widerlegen. Vor allem aber führt sie uns vor Augen, wie intensiv die Kunst von Vincent van Gogh gerade in Deutschland wahrgenommen wurde. Das Museum hat ein großes Digitorial zur Ausstellung aufgelegt.

Die ungeheure Kraft seiner Bilder, seine radikal neue Malerei, seine Kompromisslosigkeit und sein Mut, sich auf Neues einzulassen, hat eine ganze Generation beeinflusst. So wurde van Gogh zu einem Vater der Moderne.

Deutsche Begeisterung ab 1905

Ab 1905 kam es in Deutschland zu einem regelrechten van-Gogh-Begeisterungssturm. Der Kunsthändler und Schriftsteller Julius Meier-Gräfe hatte mit seiner Biografie und dem etwas später folgenden Roman den Künstler zu einem "tragischen Helden" stilisiert, der sich für seine Kunst geopfert hatte, beinahe wie ein Christus am Kreuz.

Zur gleichen Zeit nahm die Zahl der van-Gogh-Ausstellungen sprunghaft zu. Seine Malerei, die Intensität der Farben und die zeichenhaft deutlichen Pinselstriche wurden als Ausdruck seiner Persönlichkeit gesehen, unmittelbar verbunden mit seinen wahnhaften Geisteszuständen. Dass sich van Gogh selbst als Realist fühlte und sehr strategisch in seiner Kunst vorging, wurde großzügig übersehen.

Der deutsche Maler Hans Purrmann veröffentlichte 1928 einen Artikel mit der passenden Überschrift "Van Gogh und wir". Darin schildert er, welche unmittelbare Begeisterung die Bilder des Niederländers bei ihm auslösten. Obwohl er zu Beginn noch gar keine Originale, sondern nur schlechte Reproduktionen zu Gesicht bekam. Er berichtet davon, dass die Kunst van Goghs suggestive Verbindungen von Gehirn zu Gehirn herstelle, und vom Maler zum Betrachter eine Erregtheit und ein inneres Mitschwingen hervorrufe.

Van Gogh als Vorbild für Expressionisten

Das ging nicht nur Purrmann so, sondern vor allem der noch jungen Bewegung des deutschen Expressionismus. Alle miteinander, die rheinländischen und westfälischen Expressionisten, die Gruppe rund um den Blauen Reiter vor allem aber die Künstler der Brücke zeigten sich hellauf begeistert.

"Pferde auf der Weide", Franz Marc

Van Gogh galt auch deshalb als Vorbild, weil er sich dem akademischen Kunstbetrieb weitestgehend verweigert hatte. Er hatte nie an einer Kunstakademie studiert, hatte sich autodidaktisch gebildet. Immer wieder hatte er sich vom städtischen Leben abgewandt und war auf der Suche nach dem Echten und Authentischen aufs Land gezogen.

Zeit seines Lebens hatte er Bauern gemalt, Äcker und Windmühlen. Auch viele Stillleben mit Früchten, Obst und natürlich die berühmten Sonnenblumen. Das großstädtische Leben und das Treiben der Bohème lehnte er ab.

Neue Wege des Ausdrucks

Trotzdem war er 1886 nach Paris gegangen. Hier fand er die Szene der Unabhängigen und Abgelehnten: Die großen Impressionisten, auch wenn inzwischen etwas gealtert (und mittlerweile hoch erfolgreich): Monet und Renoir, Morisot und Sisley. Aber auch die Neuen oder Neoimpressionisten Georges Seurat und Paul Signat.

Sie erregten mit ihren Bildern und Farbtheorien Aufmerksamkeit. Van Gogh studierte sie. Er konnte sich für ihre Kunst begeistern - er konnte sie aber vor allem überwinden und fand einen ganz neuen Weg des Ausdrucks.

Neuer Umgang mit Farbe

Vor allem fand van Gogh einen eigenen Umgang mit der Farbe. Seine Farben beschreiben die Natur nicht länger in Lokaltönen, er versuchte nicht das Grau der Baumstämme beispielsweise genau zu treffen.

Stattdessen arbeitete er mit den Komplementärkontrasten von Orange und Blau, Rot und Grün, Gelb und Violett. In vielen seiner Bilder beherrschen sie das Geschehen. Er erkannte, dass Farben sich gegenseitig steigern, wenn man sie in den deutlichsten Kontrasten anlegt.

van Gogh Weiden Sonnenuntergang

Punkte, Tupfen, Balken

Eigentlich malte van Gogh so, als würde er zeichnen: Seine Pinselstriche schufen Schraffuren, sie zogen Linien, manchmal quer durchs Bild. Punkte, Tupfen, Balken, engmaschige oder ausgreifende Striche, er entwickelte einen großen Variantenreichtum. Dabei verwendete er die Ölfarbe meist so, wie sie aus der Tube kam. Ohne zu mischen.

Reines Gelb, leuchtendes Grün, knalliges Rot, tiefes Blau. Und sehr pastos, also dick aufgetragen. Sein Farbauftrag erinnert teilweise an Putz auf einer Hauswand. Vorbilder waren für ihn hier der große französische Maler Gustav Courbet und der wenig bekannte Adolphe Montecelli, der spaßeshalber "Crousticelli" (franz. croûte = Kruste) genannt wurde.

Gleichberechtigte Bild-Elemente

Van Goghs kühne Kompositionen, seine schwingenden Linien und die ornamentale Gestaltung waren vom japanischen Farbholzschnitt beeinflusst. In dieser Kunstform sah er zum ersten Mal, wie große Flächen als Einheit aufgefasst werden können: Ein Berg  - eine Farbe, das Meer -  eine Farbe. Das ist Vereinfachung und Abstraktion.

Auch der Gedanke, dass alle Elemente im Bild gleichberechtigt nebeneinander stehen und eine große Harmonie bilden können, stammt aus Fernost. In vielen seiner eigenen Gemälde stehen Vorder- und Hintergrund gleichberechtigt nebeneinander. Ornament und Zeichnung greifen ineinander. Ruhige und bewegt Zonen kontrastieren miteinander.

Das machte Schule: In Deutschland wurde eine ganze Generation regelrecht "van Goghisiert". Mit dicken pastosen Farbaufträgen experimentierten Christian Rolffs genauso wie der junge Max Beckmann. Sie packten ihre Bilder voll mit Malerpaste und modellierten diese. Auf einem Selbstbildnis, das 1905 entsteht, erscheint Beckmann fast wie ein Zwillingsbruder van Goghs.

Beispiel "Sternennacht": Der Himmel rotiert

Die dynamische Pinselführung auf den späten Bildern wurde van Goghs Markenzeichen. Bei der berühmten "Sternennacht" beginnt der Pinselstrich und mit ihm der ganze Himmel zu rotieren. Er wird stofflich und ornamental. Das machte van Gogh interessant für die Künstler des Jugendstils in Deutschland.

Besucherin betrachtet Van Goghs "Sternennacht"

Auch seine Zeichnungen wurden aufmerksam studiert. Die meisten deutschen Künstler mussten sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts zunächst mit zumeist schlechten Abbildungen begnügen. Trotzdem reagierten viele, vor allem die jungen Brücke-Künstler, unmittelbar auf die Kunst van Goghs, der in Frankreich zu seinem Stil gefunden hatte und deswegen auch als "französischer Künstler" galt.

Impulse für unzählige deutsche Maler

Der Kunstschriftsteller und Kunsthändler Julius Meier-Gräfe beschrieb van Gogh als Wüterich, der seine Malerei wie einen Exzess betrieb,  und bei dem die Farbe wie Blut zwischen den Händen hervorquoll. Diese Erzählungen haben die jungen Brückekünstler ermutigt, sich individuell und expressiv auszudrücken.

Emil Nolde wiederum fühlte sich van Gogh geistig-seelisch verbunden. Er stand seiner Auffassung von den verborgenen Kräften und dem Wirken der Farben sehr nahe. Die Erkenntnis, dass Farben symbolisch wirken und über sich hinausweisen können, eröffnete auch Nolde neue Wege des individuellen Ausdrucks.

Jawlensky, Nußbaum, Klee

Die Zahl der in Deutschland lebenden Künstler, die durch van Gogh beeinflusst wurden, ist kaum zu überschauen. Alexej von Jawlensky portraitierte sich wie van Gogh und begann mit seinen Strichlagen zu experimentieren. Auch der junge Franz Marc übernahm kurzzeitig die typisch vibrierenden Striche und entdeckte durch sein Vorbild die Wirkung der Komplementärkontraste.

Besucherin betrachtet Alexej von Jawlensky, "Heilandsgesicht"

Felix Nußbaum, Erich Heckel, Karl Schmidt-Rottluff, Paul Klee, Ludwig Meidner, Cuno Amiet, Paula Modersohn-Becker, Gabriele Münter und viele, viele weitere erlebten durch die Begegnung mit der Kunst von Vincent van Gogh entscheidende Impulse für ihr eigenes Werk.

"Erweckungserfahrungen" durch van Gogh

Sicher, Vincent van Gogh ist nicht der einzige, der für die Maler im frühen 20. Jahrhundert von wesentlicher Bedeutung war. In Deutschland allerdings ist die Begeisterung für ihn besonders stark gewesen. Manche Künstler sprachen von "Erweckungserfahrungen" angesichts seiner Kunst. Ins Mark getroffen, im Innersten berührt.

Manche haben seine Ansätze, seinen Umgang mit Farbe, Fläche und Pinselstrich übernommen - für andere war er eher eine Art Ansporn. Sich nicht anzupassen, den eigenen Weg zu gehen und etwas zu riskieren für die Kunst. Bis heute.

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Einsam, unverstanden und genial? Mythen rund um Van Gogh

Ausschnitt aus dem Kinofilm "Loving Vincent"
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