Atlas Filmstills
Walter (Rainer Bock, Mi.) und der Speditionstrupp. Bild © 235 Film, Tobias von dem Borne

Am Donnerstag startet "Atlas" im Kino, ein Vater-Sohn-Drama rund um kriminelle Immobiliengeschäfte in Frankfurt. Ein sehenswerter Film mit einem herausragenden Hauptdarsteller Rainer Bock. Der hielt sich aber zunächst für eine Fehlbesetzung.

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Es sollte eigentlich Routine sein: Möbelpacker Walter will mit seinem Speditionstrupp eine Wohnung im Frankfurter Nordend zwangsräumen. Doch der Mieter, ein junger Familienvater, wehrt sich. Es kommt zu Handgreiflichkeiten, der Trupp muss vorerst abziehen.

Für Walter, einen alternden Ex-Gewichtheber, ist die Begegnung mit dem jungen Mann ein Schreck: Er erkennt seinen Sohn wieder, den er vor 30 Jahren im Stich lassen musste. Walter gibt sich nicht zu erkennen, beginnt aber, sich der kleinen Familie anzunähern. Er möchte ihr helfen, müsste sich dafür aber mit einem kriminellen Clan anlegen, der über Immobiliengeschäfte Geld wäscht.

Müde Knochen knacken

So beginnt "Atlas", das Kino-Erstlingswerk von David Nawrath, das am 25. April in die Kinos kommt. Der Berliner Regisseur verwebt darin gekonnt ein Vater-Sohn-Drama mit einem Thriller rund um kriminelle Entmietungen in Frankfurt. Im Zentrum steht dabei Walter, herausragend gespielt von Rainer Bock.

Walter ist einer, der nicht viel redet. Morgens stemmt er Gewichte und schluckt Schmerzmittel. Am Tag wuchtet er schwere Schränke auf seinen Rücken und abends, wenn er allein zu Hause im Frankfurter Stadtteil Sossenheim ist, liegt er auf dem kalten Küchenboden und lässt die müden Knochen knacken.

"Masse an der falschen Stelle"

"Ich habe mich erst für eine völlige Fehlbesetzung gehalten", erzählt Bock. Sonst werde er meistens als fieser, intellektueller Machtmensch besetzt - wie im Drama "Das Weiße Band" von 2009 oder jüngst in der Serie "Das Boot".

Mann schaut in Kamera
Schauspieler Rainer Bock als Walter im Film "Atlas" Bild © 235 Filmproduktion, Gerald von Foris

"Im Atlas-Skript stand so etwas wie: 'Er hebt seinen schweren, massigen Körper', man sieht Walters Muskeln quasi vor sich", sagt Bock. "Ich bin normal gebaut - vielleicht mit etwas zu viel Masse an der falschen Stelle", fügt er mit einem Augenzwinkern hinzu. Einer Casting-Einladung folgte der 64-Jährige trotzdem: "Mit gefielen das Skript und die Rolle."

"Drei Mal die Woche Muckibude"

Bock überzeugte. "Als Rainer beim Casting zu spielen begann, wurde mir sofort klar, dass Rainer die Figur verstanden hatte - nicht nur von der Idee her, sondern auf tiefster emotionaler Ebene", erinnert sich Regisseur Nawrath, "und das, obwohl wir bis dahin noch kein Wort über Walter Scholl gesprochen hatten."

Er gab Bock die Rolle - unter einer Bedingung: "Ich musste ein Dreiviertaljahr lang zwei, drei Mal die Woche in die Muckibude, um meinen Oberkörper etwas zu definieren", berichtet Bock. "Nur so war es vorstellbar, dass ich eine 1920er Vertiko (antike Kommode, d.Red.) durch die Gegend schleppe."

Permanente Anspannung

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Trägt - wie der griechische Titan Atlas - die Last der Welt auf seinen Schultern: Walter, hier im Frankfurter Bahnhofsviertel. Bild © 235 Film, Tobias von dem Borne

Es hat sich gelohnt, Bock ist ein Glücksgriff für den Film. Er verleiht Walter eine Aura - zunächst eine Aura tiefster Resignation. Walter geht gebückt, die Lider hängen schwer über den Augen, die Stimme ist brüchig. Als ein Kollege neben ihm zusammengeschlagen wird, greift er nicht ein.

Warum Walter sich aus allem raushält, offenbart Regisseur Nawrath auf kluge Weise im letzten Drittel des Films. Ab da verleiht Bock seiner Figur eine Aura permanenter Anspannung, die sich direkt auf den Zuschauer überträgt. Walter muss sich schließlich entscheiden: Macht er weiter wie bisher oder bezieht er Stellung?

Fazit: sehenswert

Auch wenn nicht alle Figuren so herausragend besetzt sind wie Walter, ist "Atlas" zutiefst berührendes Arthouse-Kino mit Bildern aus dem Frankfurter Nordend. Und mit einem Rainer Bock, der Schauspielkunst in Vollendung abliefert.