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Audioseite Ernüchterung bei Kulturbetrieben: Ticketverkäufe gehen zurück

Centralstation Darmstadt

Nach der Euphorie über die Wiederöffnung von Kultureinrichtungen folgt für viele Betreiber nun der Dämpfer: Die steigenden Infektionszahlen schrecken das Publikum ab. Die Angst vor einem neuen Kultur-Lockdown wächst.

Der Vorverkauf für Veranstaltungen in der Kulturscheune in Herborn (Lahn-Dill) hatte gerade wieder angezogen, da kam er erneut zum Erliegen. "Die Leute sind bei den aktuellen Infektionszahlen verständlicherweise verunsichert", stellt Betreiber Jörg Simmer fest. "Wir hatten das Gefühl, wir kommen ganz langsam wieder in die Spur, aber dieser kleine Flow ist gebremst."

Im Juni wagte die ehrenamtlich organisierte Kulturscheune den Neustart nach langen Monaten der Schließung. Erst gab es Theater, Comedy und Kabarett nur an der Luft, seit Ende August finden Veranstaltungen auch wieder im Innenraum statt. Anfangs mit "desaströse Besucherzahlen", wie Simmer sagt. "Wir haben Veranstaltungen mit 30 Leuten durchgezogen."

Voller Saal dank 2G-Regelung

Dabei wäre Platz für insgesamt 270 Besucherinnen und Besucher. Um mehr Tickets verkaufen zu können, entschied man sich in der Kulturscheune für das 2G-Modell: Nur Geimpfte und Genesene dürfen seitdem an Veranstaltungen teilnehmen.

Der erste 2G-Abend war für Simmer etwas Besonderes: "Das war ein Gefühl, was es 19 Monate nicht mehr gab: Ich stand bei der Begrüßung auf der Bühne und blickte in einen vollen Saal, in dem Leute keine Abstände halten mussten."

Nun, da die vierte Welle der Corona-Pandemie Deutschland und Hessen zu überrollen scheint, sieht er sich und die anderen Ehrenamtlichen abermals vor schweren Wochen und Monaten. Man müsse davon ausgehen, dass die Veranstaltungen sich nicht rechnen.

"Das wäre ein informeller Kultur-Lockdown"

Er halte es personell für möglich, auf 2G plus umzusteigen, also nur Geimpfte und Genesene mit negativem Corona-Testergebnis zuzulassen. "Wir kontrollieren sowieso alle Besucher. Ob man noch einen weiteren Test kontrolliert, macht es nicht dramatisch länger", meint er.

Kulturscheune Herborn

Wissenschaftlich sei das sicherlich die sinnvollste Variante - wirtschaftlich dagegen "völlig unrentabel". Er befürchtet, höchstens 50 Prozent des Publikums würden den zusätzlichen Aufwand eines Tests auf sich nehmen. "Das wird die Besucherzahlen nochmal dramatisch reduzieren. Das wäre ein informeller Kultur-Lockdown."

Hafen 2 in Offenbach verschärft Maßnahmen

Im Kulturzentrum Hafen 2 in Offenbach sieht man das anders. Bereits seit Anfang September galt dort für Veranstaltungen die 2G-Regel, in dieser Woche verschärften die Betreiber Andrea Weiß und Alexander Braun noch einmal. "Wir haben schon 2020 gesagt, wir öffnen immer so, dass wir einen geschützten Raum anbieten. So, dass die Leute sich erholen und alles vergessen können", erklärt Weiß.

90 Prozent des Publikums und alle Mitarbeiter im Hafen 2 seien geimpft. Trotzdem empfand Weiß die Situation teilweise als unsicher. "Auch wenn alle geimpft sind, das Virus ist nicht weg." Freier miteinander umgehen, ohne unbemerkt das Coronavirus weiterzugeben - für Weiß geht das nur mit 2G plus.

Deswegen müssen dort nun auch Geimpfte und Genesene einen aktuellen Bürgertest vorweisen. Dafür entfallen Abstandsregeln und Maskenpflicht. "Manchmal ist es gut, wenn man mal kurz verschnaufen kann, ohne Angst haben zu müssen, dass was passiert", sagt Weiß.

Finanzielle Sorge bleibt

Dass die Corona-Regeln im Kulturzentrum am Offenbacher Hafen so streng ausgelegt werden, komme bei den Besucherinnen und Besucher gut an, erklärt Weiß. Viele würden obendrauf freiwillig eine Maske tragen. "Wir haben ein super verantwortungsvolles Publikum."

Auf das setzt sie auch, um die durch Corona entstandenen finanziellen Verluste auszugleichen. "Das, was jetzt an Veranstaltungen kommen wird, deckt sich nicht durch Eintrittsgelder", stellt Weiß fest. Am Wochenende etwa spiele eine Band aus Westafrika ein Konzert im Hafen 2. Das sei ein enorm großer Aufwand, die Produktionskosten hoch. Viele Konzerte könnten nur auf Spendenbasis durchgeführt werden.

Wieder mehr Stornierungen

Auch für Markus Knierim vom Theaterstübchen in Kassel kommt es in diesen Zeiten auf "jeden einzelnen Euro" an. Seit Oktober finden dort wieder Konzerte statt, anfangs noch nach der 3G-Regel. 60 Zuschauerinnen und Zuschauer durften dadurch maximal ins Theaterstübchen kommen. "Wir haben jeden Abend streng kontrolliert. Nach drei Wochen haben wir festgestellt, dass die Leute, die kommen, zu 98 Prozent geimpft sind." Deswegen setze man nun auf 2G.

Das lief zunächst auch gut an, erzählt Betreiber Knierim. Das Theaterstübchen mit seinen insgesamt 200 Plätzen war bei einzelnen Veranstaltungen sogar fast ausverkauft. Seit der vergangenen Woche gehe der Vorverkauf aber zurück. Viele würden ihre Karten stornieren oder in Streamingtickets umwandeln wollen. Das Theaterstübchen überträgt trotz der Öffnung alle Konzerte online.

Disco im Theaterstübchen Kassel

"Unser großes Glück", bemerkt Knierim. Denn obwohl das Theaterstübchen während des zweiten Lockdowns in Luftreiniger und ein neue Lüftungsanlage investierte - auch unter den doppelt Geimpften oder Genesenen in seinem Publikum mache sich wieder Angst breit, beobachtet Knierim.

Vorgaben aus der Politik gefordert

Von der Politik erwartet er endlich konkrete Maßgaben. "Jeden Tag, an dem nichts passiert, wird es schlimmer für uns - wieder mal für die Gastronomen, die Veranstalter, für die wahrscheinlich am ehesten wieder eine Einschränkung kommen wird", meint er. An einen neuen Lockdown wolle er lieber gar nicht denken.

Auch Meike Heinigk wartet auf die Politik. Beim Blick auf das aktuelle Infektionsgeschehen halte sie "wieder die Luft an", sagt die Betreiberin der Centralstation in Darmstadt. "Es wäre dramatisch, wenn man wieder zehn Schritte zurückmachen muss."

Schließlich seien die absoluten Ticketverkäufe zuletzt wieder gestiegen, Partys teilweise Tage im Voraus ausverkauft gewesen. "Das hatten wir früher nicht", stellt sie fest. In der Centralstation gilt für die meisten Veranstaltungen 2G - auch auf Wunsch der Stadt, die die Kultureinrichtung fördert.

Befürchtung: Corona verändert Kulturlandschaft nachhaltig

Man sei personell zwar so aufgestellt, dass man auch ein 2G-plus-Modell abdecken könnte. Außerdem gebe es die Möglichkeit, Veranstaltungen oder Besucherzahlen zu reduzieren. "Über den Winter würde man schon kommen. Die ganz großen Bands und Tourneen sind eh noch nicht am Laufen."

Damit spricht sie ein Problem an, das Kulturscheunen-Betreiber Jörg Simmer auf die gesamte Branche zukommen sieht: "Die meisten Theater werden auf Nummer sicher gehen und auf Künstler setzen, von denen sie wissen, dass die Hütte voll wird." Dadurch verändere sich das kulturelle Angebot, die Vielfalt leide - und Newcomer hätten es zukünftig schwerer, prognostiziert er.

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