Frankfurt Nordweststadt

Der Ben-Gurion-Ring in Frankfurt, Darmstadt-Kranichstein oder Klarenthal in Wiesbaden: Siedlungen der 60er- und 70-Jahre haben ein schlechtes Image. Zu Unrecht? Es gibt dort viel Grün und Platz für die Menschen.

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Ein Spaziergang durch die Frankfurter Nordweststadt

Wohnblock in der Frankfurter Nordweststadt
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Ich treffe mich mit Städtebauexpertin Maren Harnack im Nordwestzentrum und wir spazieren über eine Fußgängerbrücke in die Nordweststadt. Autos begegnen uns hier nicht, dafür sehen wir viel Grün, kleine Gärten und große Gemeinschaftsflächen, Spielplätze und Parkbänke. Die kastenförmigen Wohnhäuser mit ihren großen Balkonen haben verschiedene Höhen und Farben, bilden Räume und wirken beim Blick in die Ferne wie in einander geschobene Kulissen.

Das monotone Ghetto ist ein Klischee

Die Frankfurter Nordweststadt sei "konzeptionell eine der interessantesten in der Bundesrepublik", sagt Harnack. Die Professorin für Städtebau und Entwerfen an der Frankfurter University of Applied Sciences hat in einem Forschungssemester rund 400 kleine und große Siedlungen der Nachkriegsmoderne im Rhein-Main-Gebiet untersucht und stellt fest: Sie sind viel besser als ihr Ruf. "Die Presse zeigt oft Bilder, da liegt im Vordergrund eine umgekippte Mülltonne und dahinter läuft der Regen die Fassade runter", sagt Harnack.

Siedlung am Sonnenring Frankfurt

Das Klischee vom monotonen Ghetto, vom sozialen Brennpunkt ist weit verbreitet. Dabei seien die Siedlungen in der Kriminalstatistik unauffällig und die meisten Bewohnerinnen und Bewohner lebten gerne hier, erklärt Harnack. In der Nordweststadt habe sich eine eigene Stadtteil-Identität gebildet, auf die man stolz sei. Gerade für Kinder sei es toll, dass sie hier auf dem Weg zur Schule oder beim Spielen keinem einzigen Auto begegnen.

Wenn der Stadtplaner ein passionierter Fußgänger ist…

Geplant wurde die Nordweststadt von Walter Schwagenscheidt (1886 - 1968) in den Sechzigerjahren. "Man merkt an jeder Ecke, dass Schwagenscheidt ein passionierter Fußgänger war ", sagt Harnack. Die lärmenden Autostraßen verschwinden in tiefen Schneisen, die Brücken führen auf gleicher Höhe darüber hinweg. Ein weitverzweigtes Netz an Fußwegen verbindet die einzelnen "Wohnnester". Viele Wohnungen mussten damals geschaffen werden, große Neubausiedlungen an den Rändern der Städte waren die Antwort.

Doch als die Siedlungen fertig waren, hatte sich das Ideal vom "guten Wohnen" bei vielen schon wieder gewandelt. Man engagierte sich - etwa im Frankfurter "Häuserkampf" - für den Erhalt von Altbauwohnungen in den Innenstädten. Die Siedlungen der Nachkriegsmoderne waren schon bald "nicht mehr en vogue, galten sogar als Feindbild", sagt Harnack. Auch daher das schlechte Image bis heute.

Viel Grün und Platz für die Menschen

Dem will die Professorin mit einem kleinen Führer für die Hosentasche entgegenwirken. Darin werden zehn Siedlungen mit Fotos und kurzen Texten vorgestellt - von der Wohnstadt Limes in Schwalbach am Taunus bis nach Darmstadt-Kranichstein, vom Frankfurter Sonnenring bis zum Wiesbadener Stadtteil Klarenthal. Die Macher wollen die Leser einladen, diese Siedlungen und ihre Qualitäten zu entdecken.

In den Sechzigerjahren gebaut: Die Wiesbadener Satellitenstadt Klarenthal

Denn gerade heute, wenn angesichts der Wohnungsnot im Rhein-Main-Gebiet wieder Großsiedlungen geplant werden, könne man von den Erfahrungen der Nachkriegsmoderne viel lernen, meint Harnack. Viel Grün um die Häuser gehöre auf jeden Fall dazu, eine Qualität, die gerade jetzt in Zeiten der Corona-Pandemie besonders wichtig sei. "Diese Siedlungen wussten, was sie sein wollen, hatten eine Idee davon, was das gute Leben ist."

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Literaturtipp

Maren Harnack, Matthias Brunner, Natalie Heger
"Wohnen in der Nachkriegsmoderne - Siedlungen in der Rhein-Main-Region"
DKV-Edition, Deutscher Kunstverlag

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Sendung: hr-iNFO, 20.11.2020, 20.35 Uhr