Innenansicht eines Raumes des Museums für Sepulkralkultur, in dem künstlerische Arbeiten der documenta ausgestellt sind. Im Bildvordergrund ein hängendes, großes, skulpturales Kunstwerk. Im Bildhintergrund ein Banner auf dem steht: "Myths allow us to return to the body beyond." Daneben steigen Besucher eine Treppe hoch.

Seit einem Monat läuft die documenta und es scheint, als gäbe es nur Skandale. Vor Ort sieht das aber ganz anders aus: Tausende Besucher sind jeden Tag in Kassel unterwegs und schauen sich Kunst an. Wir haben sie gefragt, was sie empfehlen können - und was enttäuschend war.

Collage aus Bildern von Kunstwerken

Die documenta 15 läuft seit einem Monat und während in der Presse vor allem über den Antisemitismus-Eklat berichtet wird, erfreuen sich täglich tausende Besucher und Kasseler an dem, worum es eigentlich gehen sollte: an der Kunst. Gut 1.500 Künstlerinnen und Künstler sind an der documenta beteiligt, an mehr als 32 Orten wird ausgestellt - noch bin zum 25. September gibt es viel zu sehen.

hessenschau.de hat Menschen auf der documenta 15 vor Ort gefragt, was sie empfehlen können, was man bei einem Besuch beachten sollte - und was sie vielleicht enttäuscht hat.

"Es ist meditativ, aber auch bedrückend"

Sophia, Jana, Henrika und Franziska aus Norddeutschland:

Wir waren in der 10. Klasse mit dem Kunst-Leistungskurs auf der documenta und treffen uns jetzt immer wieder in Kassel. Wir fanden die Installation im Rondell gut, von der vietnamesischen Künstlerin Nguyen Trinh Thi. Unsere Empfehlung: Vor dem Betreten des Kunstwerks sollte man die Tafel lesen, sonst versteht man nicht alles. Man geht durch ein Gewölbe, der Raum ist komplett abgedunkelt und kalt. Angeblich der kälteste in Ort in Kassel, was angenehm ist bei der Hitze.

Vier Frauen vor einer documenta-Installation inder Karslaue

Es geht Nguyen Trinh Thi um die Geschichte von Arbeitern bei der Chiliernte. Sie wurden angegriffen, einer wurde erschossen. Man hört Sounds und Flötenklänge und sieht die Schatten von Chilipflanzen. Die sind über Sensoren verbunden und in Vietnam stehen auch Pflanzen - dort werden Winddaten gemessen und dann nach Kassel übertragen. Es ist meditativ, aber auch bedrückend.


Nguyen Trinh Thi, im Rondell (ein alter Geschützturm an der Fulda)

"Es stellt sich die Frage der Sichtbarkeit"

Norbert Pape steht neben einer Pappfigur auf einer Wiese

Norbert Pape, Künstler aus Berlin

Das Hübner-Areal im Kasseler Osten fand ich gut. Eine Arbeit von einem Geflüchten vom Kollektiv Trampoline House mit Schaufensterpuppen hat mich dort sehr berührt. Für mich stellen sich da Fragen der Sichtbarkeit. Sehr eindrücklich fand ich auch eine Videowand von Kiri Dalena von den Philippinen. Es werden Menschen gezeigt, die während des Corona-Lockdowns für Lebensmittel anstehen und einfach warten. Man hört ihre Gespräche und sie warten ewig. Das fühlt sich an wie "Warten auf Godot", aber politisiert.

Kiri Dalena und Trampoline House, beides Hübner Areal

"Es gibt kein 'bestes' Werk"

Porträt von Norgard Kröger

Norgard Kröger, an der documenta beteiligt als Künstlerin und als Sobat (Team für Führungen)

Bei Jatiwangi Art Factory aus Indonesien gefällt mir, mit welcher Lässigkeit sie versuchen, etwas aus den Umständen zu machen, die sie nicht ändern können - und dass sie sich nicht einschüchtern lassen. In Jatiwangi, wo sie sonst leben, wurden Ziegelfabriken geschlossen. Es wurde versucht, die Werke genossenschaftlich weiter zu führen, das hat nicht geklappt. Jatiwangi Art Factory haben dann übrige Ziegel für etwas verwendet, das sie gerne tun: Musik.

Aber es gibt kein Werk, von dem ich sagen würde, das ist "das Beste". In den ersten Tagen habe ich zum Beispiel den Moondog neu kennen gelernt vom Kollektiv Initiative für Material Kreisläufe, das gerade erst am Entstehen ist, um ein Verband oder Verein zu werden. Der Moondog war früher Teil eines Theater-Bühnenbildes, jetzt ist er in Kassel.

Ein großer Hund aus Stoffresten

Ich bin selbst beteiligt am ook_visitorCenter in der Weserstraße 26. Da gefällt mir, dass alle Aktivitäten, die vom dortigen Stadtteilzentrum und der Brüderkirche schon immer angeboten werden, während der documenta 15 weiter laufen. Der Künstler Reinaart Vanhoe hat zur documenta Kasseler Initiativen eingeladen, sich auf dem Gelände zu engagieren: etwa mit Siebdruckworkshops, Konzerten oder einer Fahrradwerkstatt. Dieser Ort ist offen für alle, auch ohne Ticket. Wir sind gleichzeitig Gast und Gastgeber - und alle anderen auch.


Jatiwangi Art Factory, Initiative für Materialkreisläufe, beides Hübner Areal/ ook_ visitorCenter, Weserstraße 26

"Ich finde die Kompost-Toilette faszinierend"

Andrea Scheel steht vor der Komposttoilette von Más Arte Más Accion

Andrea Scheel aus Burg Schwalbach (Rheinland-Pfalz)

Faszinierend finde ich gerade diese Kompost-Toilette in einem kleinen Turm von Más Arte Más Accion. Ich beobachte, dass viele Besucher nicht wissen, was das ist und sich erstmal im Pissoir abstützen. Das Hallenbad Ost, wo Taring Padi ausstellen, ist sehr gut. Allein, dass dieses besondere Gebäude genutzt wird. Die Figuren aus Pappe und die großen Bilder finde ich toll gemalt mit verschiedenen Handschriften und Gefühlen. Man sollte sich dafür Zeit nehmen, es gibt dort auch Essensstände.

Es gibt viele Videos, aber wegen Corona halte ich mich gerade nicht gerne in Innenräumen auf - und hier tragen viele gar keine Maske. Ein Tipp: Ich habe mich vorab kaum vorbereitet und wollte einfach losgehen. Es wird aber schnell unübersichtlich mit den Orten, ich würde empfehlen, besser schon vorab auf einer Karte zu schauen, wo man hin will. Es kann auch helfen, eine Führung zu machen.

Más Arte Más Acción, zwischen Karlswiese und Fuldaufer/ Taring Padi, Hallenbad Ost

"Mich erinnert es an einen Rundgang an der Kunsthochschule"

Tingwei Li steht vor der Hafenstraße 76 auf der documenta

Tingwei Li, Künstlerin aus Berlin

Die Hafenstraße 76 war der erste Ort, den ich mir angeschaut habe. Im Erdgeschoss haben Studierende der Weissensee-Kunsthochschule aus Berlin ausgestellt, das hat mich überrascht. Ich habe selbst Kunst an der UDK in Berlin studiert und kam mir gerade mehr vor wie auf einem Rundgang an der Weissensee-Schule als auf der documenta 15.

Gut gefallen hat mir an diesem Ausstellungsort die 3. Etage mit dem Projekt myvillages. Da geht es um Zeichnungen und Konzepte, Ökonomie und lokale Strukturen. Ich bin als Künstlerin selbst kein Fan vom Arbeiten im Kollektiv, aber ich finde es interessant, dass so viele Kollektive an der documenta 15 beteiligt sind, die das offenbar gut können. Ich bin da eher der Typ Einzelgängerin und arbeite alleine in meinem Atelier.

myvillage/ Composting Knowledge Network der documenta und das *foundation class collective* , Hafenstraße 76

Paprika, die aussehen wie Handgranaten

"Schade! Als ältere Menschen fühlen wir uns ausgegrenzt"

Alexander und Hanna (Namen auf Wunsch geändert), Rentner-Ehepaar aus Bad König (Odenwald)

Wir waren vor fünf Jahren bei der documenta 14 und es gab viel mehr Skulpturen draußen im Park - jetzt gibt es fast nichts. Wir sind enttäuscht. Oft kommt man in einen Raum oder zu einem Kunstwerk und weiß überhaupt nicht, worum es geht. Wir würden uns wünschen, dass es mehr Texttafeln gibt, die die Hintergründe der Werke erklären. Wir müssten wohl alles irgendwo im Internet nachlesen.

In der documenta-Halle gibt es eine Installation von Britto Arts Trust, ein Lebensmittelladen mit Paprikas in Form von Handgranaten, da ist der Zusammenhang zwischen Nahrung, Krieg und Waffen natürlich klar - anderswo ist das nicht so offensichtlich. Wir interessieren uns inhaltlich für die politischen Themen, fragen uns aber, ob diese documenta 15 wirklich jemanden zum Nachdenken anregen wird. Viele kommen erst gar nicht, weil Politik sie nicht interessiert. Über diese documenta wird man die Menschen eher nicht erreichen.

Die Beschriftungen und Videos sind leider meist in englischer Sprache, wir verstehen das nicht ausreichend. In dunklen Räumen gibt es keine Notbeleuchtung, da fühlen wir uns als ältere Menschen unsicher. Das ist ein Problem: Auf der documenta 15 geht es um Ausgrenzung und Unterdrückung. Durch fehlende Sprachkenntnisse fühlen wir uns aber auch ausgegrenzt.

Britto Arts Trust, documenta Halle

Protokolliert von Sonja Süß.

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