In einem abgedunkelten Raum sitzen Menschen auf provisorisch aufgebauten Bänken und schauen auf eine temporäre Leinwand, die mitten im Raum steht und ein Musikvideo zeigt.

Normaler Clubbetrieb ist noch nicht möglich, doch die Frankfurter Kunsthalle Schirn holt für ein Wochenende in acht Clubs eine Ahnung vom Tanzgefühl besserer Zeiten zurück. In Bewegung geraten allerdings hauptsächlich die Augen.

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Audioseite Videokunst für Auge und Ohr

In einem abgedunkelten Raum sitzen Menschen mit OP-Masken und blau leuchtenden Kopfhörern auf Stühlen und schauen auf eine temporäre Leinwand, die mitten in einem kleinen Raum mit vielen Plakaten an der Wand steht und ein Musikvideo zeigt. Auf der Leinwand sind Eier zu sehen.
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"Distant Bodies Dancing Eyes", so heißt die Ausstellung der Kunsthalle Schirn, die an diesem Wochenende in acht Clubs in Frankfurt und Offenbach stattfindet. Zu erleben gibt es in dieser ungewöhnlichen Ausstellungsumgebung dann auch eine ganz besondere Kunstform: Musikvideos.

Im Club Gibson auf der Frankfurter Zeil drängen sich Körper normalerweise dicht an dicht - seit Corona herrscht Stille. Nun allerdings dröhnen die Boxen der Clubsoundanlage, auf einer Großleinwand hüpft eine Frau mit goldenem Lamettahaar durch die Straßen Manhattans: Videokunst von Ryan McGinley zu einem Song der isländischen Rockband Sigur Ros.

Foto einer Videoprojektion in einem Night-Club. Unter der Leinwand steht "Their night is our day". Im Raum sitzen Menschen in den Separee-artigen Sitzmöbeln. In der Mitte ist eine Art Laufsteg zu sehen.

Endlich wieder Musik im Club, wenn auch nur mit wenigen Menschen und das mit dem Tanzen ist auch so eine Sache. Der hämmernde Sound geht in den Bauch, die Videokunst zieht einen unweigerlich in den Bann - aber mehr als mit dem Kopf oder den Füßen wippen ist in Pandemie-Zeiten erst einmal nicht drin. So liegt der Fokus voll und ganz auf den Musikvideos, die Augen haben ordentlich zu tun.

Verkaufsinstrument wird zum Kunstwerk

Und genau das ist die Intention von Matthias Ulrich, Kurator des Schirn-Projekts. "Im Grunde ist ja das Musikvideo eher ein Verkaufsinstrument der Musikindustrie, um Platten zu verkaufen", erklärt Ulrich. Die Schau löse das Musikvideo aus diesem Kontext heraus und betrachte es als Kunstwerk. "Das ist eine legitime Möglichkeit, um auf die Arbeit der Künstlerinnen und Künstler hinzuweisen."

In acht Clubs in Frankfurt und Offenbach werden 24 Musikvideos gezeigt, die ein breites Spektrum abdecken. Das Stück "Life Guarding" zum Beispiel erinnert mit seinen ästhetischen Portraits und Akt-Fotos an die Arbeiten des Fotografen Wolfgang Tillman, der sonst seine Fotokunst in Museen und Galerien ausstellt.

Man erkennt die Handschrift von Künstlerinnen und Künstlern in den Musikvideos, die sonst meist in ganz anderen Bereichen aktiv sind. Deshalb findet es Kurator Ulrich auch schade, dass die Kunstform Musikvideo in den Lebensläufen oft gar nicht auftaucht. Tatsächlich erinnert man sich an David Bowie eher als Wirbelwind auf der Bühne und vielleicht noch als Schauspieler.

Zwischen voller Dröhnung und Kuschel-Atmo

Die Schirn hätte die Videokunst gut in ihren eigenen Räumen in der Innenstadt präsentieren können, doch in den Clubs - vom Silbergold bis zum Yachtclub auf dem Main - entfalten die Videos ein ganz besonderes Eigenleben. Zumal die Atmosphäre in den verschiedenen Locations noch einmal sehr unterschiedlich ist. Von der vollen Dröhnung im Gibson oder Robert Johnson bis hin zur Wohnzimmer-Atmo im Yachtklub oder der Kopfhörer-Beschallung im Kunstverein Familie Montez.

In einem abgedunkelten Raum sitzen Menschen auf Loungesesseln und schauen auf eine temporäre Leinwand, die mitten im kleinen Raum steht und ein Musikvideo zeigt.

Und so wird die Ausstellung auch zu einer Art Kulturförderung für die schon lange verwaisten Clubs. Kurator Ulrich sieht in der Schau eine Chance, neue Gruppen von Kunstinteressierten anzusprechen. "Also im Grunde bin ich daran interessiert, dass durch diese anderen Räume auch andere Menschen in die Ausstellung kommen."

Bewegung von Club zu Club

Für die Besucher und Besucherinnen heißt das, dass sie zwar ihr Ticket wie gewohnt online bei der Kunsthalle Schirn kaufen können, dann aber flexibel und mobil sein müssen, erklärt Ulrich: "Die Leute müssen sich selbst auf den Weg machen, so eine Art Clubtour, die man abfahren kann, mit dem Fahrrad oder sonst wie."

Das Foto zeigt eine Leinwand mit einem Musikvideo in einem dunklen Raum.

In jedem Club werden drei Videos gezeigt, so dass man seine Tour nach kurzer Zeit zur nächsten Station fortsetzen kann. Der musikalische Fokus liegt auf R’n‘B, Pop und elektronischen Stücken und alle wurden zwischen 2000 und heute veröffentlicht. Sie sind also hochaktuell - oder wie man in Kunstkreisen sagt - zeitgenössisch.

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Distant bodies dancing eyes

9. bis 11. Juli 2021, jeweils von 15 bis 22 Uhr
Internationale Videokunst in acht Clubs in Frankfurt und Offenbach.
Tagesticket für alle Locations: 10 Euro, 3-Tages-Ticket: 20 Euro
Welche Videos in welchem Club laufen, erfahren Sie hier.

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