Wer Anfang der 1990er Jahre richtig abfeiern wollte, der ging spät, ganz spät, ins "Dorian Gray" am Frankfurter Flughafen - und wer einmal dort war, der hat es bis heute nicht vergessen. Der Techno-Club war legendär. Vor genau 20 Jahren, am 31. Dezember 2000, wurde er geschlossen.

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Collage: Eingangstür des Dorian Gray, Tanzende in der Diskothek
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Sonntagmorgen, 5 Uhr im Dorian Gray am Frankfurter Flughafen: Vor lauter Nebel sieht man nichts mehr im großen Club, grüne Lichtblitze schießen durch den Raum. Und dann diese lange, ruhige Phase in "Follow me" von Jam & Spoon. Stehenbleiben, durchatmen, bis die harten Beats wieder einsetzen und der ganze Club mit seiner niedrigen Decke zu vibrieren beginnt.

Gerd Schüler vor dem Original-Schriftzug des Dorian Gray

"Wenn ich an den einzigartigen Sound denke, der perfekt an die Location angepasst wurde, läuft es mir heute noch kalt den Rücken herunter. Die Strobos, das Neonlicht, pure Gänsehaut, das gab es zuvor alles nicht." Gerd Schüler, mittlerweile 79 Jahre alt, weiß wovon er spricht, denn er ist der Erfinder des Dorian Gray. Einen Club wie das legendäre New Yorker "Studio 54" wollte er Ende der 1970er Jahre nach Deutschland bringen. Das Gray war mit seinen 1.500 qm die erste deutsche Großraumdisco. Die Musikanlage wurde von Soundsystem-Designer Richard Long speziell für das Gray maßgefertigt.

Techno: from Frankfurt with love

Wenige Jahre später wird das Dorian Gray zur Keimzelle des Technos, der sich Anfang der Achtziger Jahre von Frankfurt aus in die Welt verbreitet. "Hier wurden Platten aufgelegt, die nirgendwo sonst liefen", erinnert sich Schüler. Andreas Tomalla, einst Plattenverkäufer im "City-Music" am Frankfurter Hauptbahnhof, später bekannt als DJ "Talla 2XLC", ordnete die neuen Schallplatten mit elektronisch produzierter Musik unter "Techno" ein - und gab damit dem neuen Musikstil erst seinen Namen.

Von Tomalla bekam der damals 15-jährige Doug Laurent, der heute noch Musik produziert, seine erste Freikarte für das Gray. "Dass ich Techno mag, wusste ich bereits, ich hatte die Digitalisierung der Musik voll und ganz miterlebt. Das war meine Musik und ich wollte unbedingt ins Gray", erzählt Laurent. "Mit 15 Jahren kam ich zum ersten Mal rein - geblieben bin ich bis zum Schluss." Das Dorian Gray war sein Wohnzimmer, am Neujahrsmorgen 2001 hat er es als letzter Gast verlassen, erinnert sich Laurent. Lange hat er selber dort aufgelegt. Seine Freundschaft mit Gerd Schüler hält bis heute.

Erster Resident-DJ im Dorian Gray

DJ Bijan Blum legte am ersten Abend im Dorian Gray auf

Einer, der am ersten Abend, dem 1. Dezember 1978, auflegte und erster Resident-DJ im Gray wurde, ist Bijan Blum. Er hat das Dorian Gray bis zum letzten Abend immer wieder besucht und seine Entwicklung mitverfolgt. Die ersten drei Monate hat er alleine den großen Club im Gray bespielt. Von 21 Uhr bis 8 Uhr morgens. "Das war schon krass, ein Knochenjob", sagt er heute. Für die neusten Platten ist er nach Amsterdam, Paris und London gefahren. Er war der erste von vielen DJs, die dem Dorian Gray ihren musikalischen Stempel aufdrückten. Einige von ihnen wurden später zu Stars: Michael Münzing, erfolgreich mit Snap, Ulli Brenner mit La Bouche, Torsten Fenslau mit Culture Beat. Fenslau war auch der erste aktive DJ mit einem Nummer-Eins-Hit.

"Diese frühen Techno-Nerds", wie Schüler heute sagt, "haben dem Laden Kontur gegeben. Die 'Schickimickis' allein hätten es nicht gebracht. Es war die gute und wilde Mischung der Leute, die das Gray so erfolgreich gemacht hat." Alle heute noch bekannten DJs legten ihre ersten Platten dort auf: Sven Väth, Mark Spoon, Talla 2XLC, DJ Taucher, DJ Dag, Andi Düx usw. Auch der besondere Standort trug zum großen Erfolg bei.

Anfangs stand das Isenburg-Zentrum in Neu-Isenburg für das Dorian Gray zur Debatte, doch es wurde der Frankfurter Flughafen. Ein Glücksgriff. "Wir hatten das Glück, an einem neutralen Ort zu sein, den praktisch jeder kannte und durch den jeder hindurchmusste. Frankfurt hatte damals schon einen Weltflughafen, den jede Airline anflog. In der Frankfurter Innenstadt hätte das Gray nicht funktioniert. Durch die Flughafen-Lage konnten wir uns auch unerwünschte Klientel vom Hals halten. Denn am Flughafen war man geschützt und sicher. Die übliche Sperrstunde um vier Uhr morgens galt am Flughafen ebenfalls nicht - auch ein großer Vorteil", so Schüler.

"In the heat of the night konnte alles passieren"

"Wir hatten im Gray das Problem, dass die Leute durchtanzten und wenig konsumierten, deshalb haben wir zehn DM Eintritt verlangt. Aber wir hatten tolle Leute im Laden: anfangs alles, was Rang und Namen hatte, später gute Partyleute, Technopioniere, maskierte Paradiesvögel, eine ausgeprägte Schwulenszene, kreative junge Leute, arabische Geschäftsleute… Es war die ganz besondere Mischung." Im Nachhinein betrachtet, so Schüler, war es ein Prozent des Publikums, das für 50 Prozent des Umsatzes gesorgt hat. "In the heat of the night konnte alles passieren", erzählt Schüler. "Ich bin oft bis zum Ende geblieben."

Gegen 8 Uhr morgens machte der große Club zu und dann ging es im kleinen Club, in dem bis dahin eher softere Musik gespielt wurde, weiter: mit dem harten Techno aus dem großen Club. Die musikalische Entwicklung des Dorian Grays zwischen den Jahren 1983 und 1992 war eindrucksvoll. Schüler erinnert sich an Nächte, in denen aus der Küche das Geschirr geholt und mitgetrommelt wurde.

Das Dorian Gray und die Drogen

"In einer Nacht im Gray ist man typischerweise viel hin- und hergelaufen, zeitweise waren drei Clubs geöffnet. Der kleine und der große Club waren standardmäßig offen, ab und zu machten wir noch den ganz kleinen Club vorne am Eingang auf und experimentierten mit der Musik herum. Dadurch hatten wir auch mal die Punk- oder Dark-Wave-Szene im Laden. Üblicherweise ging man vom kleinen in den großen Club. Die Laufstrecke einer Nacht im Gray war enorm", sagt Schüler und lacht.

"Zeitweise haben wir sonntags bis 15, 16 Uhr den Laden offengelassen. Doch das Rauschgiftdezernat machte uns einen Strich durch die Rechnung, obwohl verdeckte ErmittlerInnen nicht herausfinden konnten, wie die Drogen in unseren Laden kamen. An der Tür haben wir versucht, zu verhindern, was wir konnten, aber die Drogen kamen über andere Wege, über den Liefereingang beispielsweise, herein. Leider haben wir das spät gemerkt. Der Sonntagnachmittag wurde uns gestrichen."

Die letzte Nacht im Dorian Gray

Mit dem Feuer, das am 11. April 1996 am Düsseldorfer Flughafen 17 Menschleben forderte, war auch das Ende des Grays besiegelt. In den Folgejahren wurden für alle deutschen Flughäfen die Brandschutzverordnungen verschärft - was für das Dorian Gray Investitionen in Millionenhöhe bedeutet hätte. Zu viel für einen Club, der im Alter von 22 Jahren seine besten Jahre schon hinter sich hatte - "aus heutiger Sicht unvorstellbar, dass sich der Laden überhaupt so lange gehalten hat", sagt Gerd Schüler rückblickend.

Der letzte Abend im Gray, der 31. Dezember 2000, war ein Silvester-Abend. "Es war ein ganz typisches Silvester im Gray", erinnert sich Laurent. "Wie immer gab es einen Countdown kurz vor Mitternacht, es wurde 'New York, New York' von Frank Sinatra gespielt, die Leute holten sich etwas zu trinken und wir stießen alle gemeinsam an. Wer ein Feuerwerk an Silvester sehen wollte, der war sowieso nicht im Gray." Der emotionale Abschied der Gäste dürfte sich eher über mehrere Wochen verteilt haben, und hat nicht gezielt an einem letzten Abend stattgefunden. "Und die Stammgäste haben sich vermutlich bereits einen Tag früher, dem Samstag, verabschiedet", vermutet Schüler rückblickend.

"Lovin‘ you" Dorian Gray

DJ Ufuk mit den Lochkarten des "Dorian Gray"

Emotionaler fällt die Erinnerung von Resident-DJ Ufuk aus, der im kleinen Club den letzten Song auflegte - "Lovin‘ You" von Minnie Riperton, er glaubt, dass es schon gegen Mittag gewesen sein muss. "Das Personal hat sich am Ende weinend in den Armen gelegen. Eine Ära ging zu Ende. Ich war todmüde und konnte nicht mehr." Acht Jahre lang hatte Ufuk regelmäßig im Gray aufgelegt. Seine letzten drei Getränke-Lochkarten hat er behalten, als Erinnerung.

"1993 habe ich im Gray meine ersten Demos testen dürfen, 1998 lief mein Demotape 'R2D2', die Leute sind durchgedreht." Das Dorian Gray, so Ufuk, war ein Türöffner für die Musikkarriere. Wer dort gearbeitet hat, dem standen praktisch weltweit alle Türen offen. "Und wenn ich heute mit Leuten, die das Gray kennen, spreche, merke ich, dass es immer noch dieses Gray-Fieber gibt."

Ufuk erinnert sich auch daran, dass, egal wie voll der Laden damals war, die DJs ihren festen VIP-Tisch im Restaurant hatten, an dem sie immer Platz nehmen konnten. Es gab Nächte, so Ufuk, in denen hat er erst im Gray aufgelegt, dann einen Flieger zu anderen Städten genommen, um dort aufzulegen und ist wieder am Ende im Gray gelandet, um noch das Finale zu bespielen. Am letzten Tag war er so müde von der langen Nacht, dass er erst mal zwei Stunden in seinem Auto am Flughafen geschlafen hat, bevor er nach Hause gefahren ist. "Das Dorian Gray war schon toll".

Coming soon: das Dorian-Gray-Buch

"Ich hoffe, dass es einmal eine Bewegung geben wird, eine ganz neue Art 'Get-Together'", träumt Gerd Schüler. "Leider kommt das hier in Frankfurt wahrscheinlich nicht mehr zustande. Denn wer Geld und Zeit hat, lebt nicht in Frankfurt." Schüler weiß, dass das "Leute kennenlernen" nicht mehr in der Disco stattfindet wie früher. "Für alle, die es kennen, lebt die Legende Dorian Gray weiter", da ist er sicher. Schüler schreibt gerade ein Buch darüber, das 2021 herauskommen soll. Den alten Schriftzug gibt es noch, sowie andere Erinnerungsstücke aus dem Gray, "vielleicht arbeite ich ein paar Original-Neonsplitter aus der Gray-Beleuchtung ins Buch ein, es soll limitierte Auflagen haben, das Buch soll auch etwas ganz Besonderes werden, wie das Dorian Gray."