Schirn Kunstraub
Nichts mehr da. Genau hier hingen die drei Meisterwerke. Bild © picture-alliance/dpa

Im Juli 1994 stehlen zwei Männer wertvolle Gemälde aus der Kunsthalle Schirn. Es ist der größte Kunstraub der deutschen Nachkriegsgeschichte. Ein Kriminal-Cocktail mit den Zutaten: Erpressung, Lösegeld und Mafia.

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hs

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Vor 25 Jahren, am 28. Juli 1994, besuchten zwei Männer in Frankfurt die Schirn. Sie ließen sich einschließen, versteckten sich in den Räumen der Kunsthalle. Als die Zeit reif war, schlugen sie zu. Sie überwältigten einen Wachmann, nahmen drei Gemälde mit und verschwanden.

So simpel lief der größte Kunstraub der Nachkriegszeit ab. Die Beute: drei Meisterwerke der Romantik. "Light and Colour" und "Shade and Darkness" von William Turner und "Nebelschwaden" von Caspar David Friedrich. Leihgaben der Londoner Tate Gallery und der Hamburger Kunsthalle, versichert auf 70 Millionen Mark.

Heike Borufka
hr-Gerichtsreporterin Heike Borufka Bild © Tim Wegner

"Der Fall war eine totale Räuberpistole", erinnert sich hr-Gerichtsreporterin Heike Borufka. "Erpressung, Lösegeld, ehemalige Scotland-Yard-Agenten und die Mafia. Das kann man sich ja fast nicht ausdenken." Borufka hat diesen Fall über Jahre verfolgt. Und erinnert sich noch gut an die Szenen von damals.

Nach dem Überfall wurden die Diebe anhand ihrer Fingerabdrücke rasch ausfindig gemacht und 1999 zu je neun und elf Jahren Haft verurteilt. "Das Urteil war so drastisch, dass sogar die Anwälte und die Angeklagten sichtbar schockiert waren", erinnert sich Borufka. Die Verurteilung der Männer blieb der einzige Erfolg der Ermittler. Den Verbleib der Bilder konnten sie nämlich nicht aufklären. Die Hintermänner des Raubs blieben im Dunkeln.

Der Mafioso von nebenan

Eine Spur der Frankfurter Polizei führte 1995 zur sogenannten "Jugoslawen-Mafia" und zu einem Mann namens Stevo. Er sollte angeblich im Besitz der Gemälde sein. Das hatten Hausdurchsuchungen bei den Dieben ergeben. Die Ermittler versuchten ihm die Bilder abzukaufen, Stevo bekam vor der Übergabe aber kalte Füße. Er verdoppelte kurzfristig den Preis, die Übergabe platzte. Stevo wurde zwar verhaftet, kam aber mangels ausreichender Beweise wieder frei.

Schirn Kunstraub
Light and Colour und Shade and Darkness von William Turner (1843) Bild © picture-alliance/dpa

"In seinem Stadtteil in Frankfurt-Berkersheim war Stevo ein beliebter Mann und in der Dorfgemeinschaft gut aufgenommen", erklärt Borufka. Den Menschen dort sei zwar bewusst gewesen, dass er möglicherweise in illegale Geschäfte verstrickt sein könnte, doch sein Umfeld schützte ihn. Die Staatsanwaltschaft, hatte hier jedenfalls keine Chance. Einen Zusammenhang mit dem Raub in der Schirn, konnte man ihm nicht lückenlos nachweisen.

Die geheime "Operation Cobalt"

In London hatte man derweil noch nicht aufgegeben. 1998 beauftragte die Tate Gallery zwei ehemalige Scotland-Yard-Agenten. Sie sollten die verschollenen Turner-Gemälde aufspüren. Die zwei Privatdetektive flogen nach Deutschland und trafen den Mann, der ihnen dabei helfen sollte. Edgar Liebrucks, der Anwalt von Stevo.

Anwalt Edgar Liebrucks
Edgar Liebrucks Bild © picture-alliance/dpa

Edgar Liebrucks hatte gute Kontakte zur Unterwelt. Er verteidigte jeden - außer Nazis, sagte er. Diese Kontakte wollte er nutzen, um die Bilder zurückzukaufen. Er hielt zunächst Rücksprache mit der Staatsanwaltschaft, denn er wollte sich nicht auf illegale Pfade begeben und sich womöglich strafbar machen. Die Staatsanwaltschaft bewilligte sein Vorhaben. Nur Liebrucks und die Staatsanwaltschaft wussten davon. "Operation Cobalt", die Wiederbeschaffung der Turner-Gemälde, konnte beginnen.

Liebrucks fand 1999 schnell die richtigen Kontakte zu den Hintermännern und startete die Verhandlungen. Fünf Millionen Mark pro Gemälde hatte Liebrucks als Preis heraushandeln können. Die Übergabe sollte auf einer Parkbank in Bad Homburg stattfinden.

Wiederbeschaffung der Turner-Gemälde gelingt

Wieder war Stevo der Mittelsmann und erneut bekam er kalte Füße. Als Anzahlung war eine Million Mark ausgemacht, doch Stevo verlangte plötzlich das Doppelte. Liebrucks legte die Differenz vor und der Deal klappte. Das Gemälde "Shade and Darkness" war wieder da - der erste Turner zurück in London. Die Belohnung für Liebrucks: 320.000 Euro.

Das zweite Bild zu beschaffen, war deutlich schwieriger. Die Verhandlungen mit Stevo gerieten ins Stocken. Wie aus dem Nichts meldeten sich eines Tages zwei Inhaber einer Autowerkstatt aus der Nähe des Frankfurter Zoos. Sie behaupteten, die zwei restlichen Gemälde in ihrer Werkstatt gelagert zu haben. Später stellte sich heraus, dass die Kunstwerke nach Erlensee bei Hanau gebracht worden waren.

Liebrucks kaufte ihnen den zweiten Turner ab. Die Hehler setzten sich mit ihrem Geld nach Südamerika ab. Die Tate Gallery hatte beide Meisterwerke zurück.

Die Suche nach dem letzten Bild

Fehlte nur noch das Gemälde von Caspar David Friedrich. Liebrucks bot der Hamburger Kunsthalle an, auch das letzte Bild zu beschaffen. Gegen ein Honorar. Die Hamburger erteilten Liebrucks zwar die Erlaubnis das Bild wiederzubeschaffen, ein Honorar wollten sie aber nicht zahlen.

Schirn Kunstraub
Nebelschwaden von Caspar David Friedrich (1818/20) Bild © picture-alliance/dpa

Trotzdem verhandelte Liebrucks 2003 wieder mit Hehlern. "Er war ein Kunstliebhaber. Wahrscheinlich lag ihm etwas an dem Bild", erklärt Borufka. Liebrucks ließ seine Kontake spielen und kaufte mit seinem eigenen Geld das gestohlene Gemälde von C. D. Friedrich zurück.

Eigentlich wurde ihm von einem Mäzen der Hamburger Kunsthalle ein Honorar versprochen. Der sprang aber ab. Dennoch: Neun Jahre nach dem Raub brachte Liebrucks auch das letzte Bild zurück an seinen Platz. Die Hamburger Kunsthalle weigerte sich, Liebrucks für seine Dienste zu bezahlen. Der zog vor Gericht und gewann.

"Das war schon besonders. Es begibt sich einer auf kriminelle Pfade und verabredet vorher mit der Staatsanwaltschaft, dass ein Notstand besteht", erläutert Borufka diesen speziellen Fall. Die Beschaffung der Gemälde sei höher gewichtet worden als das Recht. 20.000 Euro Vermittlungshonorar inklusive der Kosten für das Gemälde musste die Hamburger Kunsthalle an Liebrucks zahlen.

Der größte Kunstraub der Nachkriegszeit

Bis heute ist der Raub der drei Gemälde der größte Kunstraub der deutschen Nachkriegsgeschichte und einer der größten in Europa. Einmalig ist bis heute die rechtliche Perspektive: Liebrucks war die erste Person, die die Zahlung eines Lösegeldes erfolgreich vor Gericht einklagen konnte.

Die Räuber sind mittlerweile verschwunden. Aus Angst vor der Rache der Hintermänner, haben sie sich vermutlich nach Brasilien abgesetzt.

Liebrucks hat sich zurückgezogen und steht seit langem nicht mehr in der Öffentlichkeit.

Die Staatsanwaltschaft blieb Stevo auf der Spur. 2012 wurde er am Rande eines Sportplatzes in Frankfurt-Harheim erschossen aufgefunden. Gerichtsmediziner stellten fest, dass er sich das Leben nahm. "Das glaubt keiner seiner Nachbarn, das passte nicht zu ihm", sagt Gerichtsreporterin Borufka.

Sendung: hr-fernsehen, hessenschau.de, 25.07.2019, 19.30 Uhr